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Veröffentlicht: 25.07.2014, 16:21 Uhr

Die Hamas in den sozialen Netzwerken Schreibt immer „unschuldiger Zivilist“!

Der Gaza-Konflikt wird auch im Internet ausgetragen. Die Hamas verfolgt dort eine neue Strategie: mehr Sachlichkeit, weniger Emotionen. Das soll westliche Leser überzeugen.

von Katharina Laszlo
© Getty Images Twitter in Zeiten des Krieges: Auf einem Hügel mit Blick über Gaza informieren sich Israelis über die neuen Luftschläge

Noch vor kurzem nutzten Mitglieder der Hamas Twitter vor allem, um der Israelischen Armee (IDF) in drastischer Sprache vorzuwerfen, sie verbreite eine „unwahre“ Darstellung der Geschehnisse in Gaza. Als der israelische Militärsprecher Peter Lerner im vergangenen Oktober schrieb, man wolle „(jegliches) menschliches Leben schützen“, fuhr die Qassam-Brigade, ein militanter Arm der Hamas, sogleich schwere Geschütze auf und entgegnete, das Ziel der israelischen Mission sei nichts weiter, als „palästinensische Kinder unter den Trümmern ihrer Häuser zu begraben.“

Im Januar dieses Jahres suspendierte Twitter mehrere Qassam-Accounts wegen solcher und ähnlicher Botschaften. Erst gab die Hamas Israel die Schuld („Israel wird uns nicht daran hindern, Wahrheit in der Welt zu verbreiten“). Dann änderte die Palästinenserorganisation ihre Online-Strategie: Auf Youtube hat sie nun eine Anleitung für den effektiven Gebrauch sozialer Medien veröffentlicht. Pragmatismus, scheint es, ist die neue Waffe im digitalen Meinungskampf – gerade im Umgang mit westlichen Lesern.

Bilder von Kinderleichen

Wie in einer Power-Point-Präsentation erscheint in einem Video ein Stichpunkt nach dem anderen in weißer arabischer Schrift: Die Hamas ruft dazu auf, alle in Gaza Getöteten zunächst als palästinensische Bürger, und dann erst mit ihrem militärischen Rang zu bezeichnen. „Und vergesst nicht, immer ,unschuldiger Zivilist‘dazuschreiben“, heißt es weiter. Beginnen solle man Beiträge mit einem Verweis auf vorhergehende israelische Angriffe. Gen Israel gefeuerte Raketen sollten immer als „vor Ort gefertigt“ identifiziert, jedoch nicht auf Fotografien abgebildet werden. Hamas-Angriffe seien stets als „eine natürliche Reaktion auf die gezielten Attacken der israelischen Armee auf Zivilisten in Gaza und dem Westjordanland“ zu bezeichnen.

Auf der offiziellen Website des palästinensischen „Minstry of Interior“ fanden sich Mitte Juli auch konkrete Anweisungen im Umgang mit „dem Westen“: rationaler, politischer Diskurs sei emotionalisierender Sprache vorzuziehen. Statt den Holocaust zu leugnen, solle dieser lieber mit dem Leid der Palästinenser durch die Israelis verglichen werden. Nur die arabischsprachige Version der Seite zeigt Bilder von Kinderleichen und Verletzten mit abgetrennten Gliedmaßen an prominenter Stelle. Die englische Version räumt sie fast ausnahmslos in die Unterkategorie „Fotos“. Stattdessen dominieren sachliche Schlagzeilen wie „Ägypten weigert sich, die Rafah-Grenze zu öffnen“, die Homepage.

Die Hamas lernt von den Israelis

Auch die englische Website der Qassam-Brigade zeigt, dass die Brigade mit möglicherweise kritischen westlichen Lesern rechnet. Ein Artikel mit dem Titel „Israel vollzieht einen Holocaust gegen palästinensische Familien“ wird um den – allerdings nicht weniger fragwürdigen Hinweis –, dies sei „keine Hyperbel oder dramatische Übertreibung, um Aufmerksamkeit zu gewinnen“, ergänzt.

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Auf der Gegenseite dokumentiert die Israelische Armee schon seit Jahren abgefangene Raketen auf einem Blog, betrauert gefallene Soldaten auf Twitter und meldet neue Erkenntnisse der Truppe auf Facebook. Etwa vierzig Videofilmer, Programmierer und Zeichner sollen den Internetauftritt der IDF gestalten, schreibt die „New York Times“. Das Fachpersonal erstelle Grafiken mit Slogans von rhetorischer Schärfe wie: „Israel benutzt Waffen, um seine Zivilisten zu schützen. Hamas benutzt Zivilisten, um seine Waffen zu schützen.“

Meist formuliert die Israelische Armee, zumindest in der digitalen Sphäre, jedoch sachlich – ein Grundsatz, den sich die Hamas nun offensichtlich auch zu eigen machen will. Wenn er größere Überzeugungskraft verspricht. In ihrem Video empfiehlt die Palästinenserorganisation auch, bei Onlinebeiträgen die Anzahl getöteter Frauen und Kinder deutlich zu betonen.

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