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„Die Freischwimmerin“ im Ersten : Mit Kopftuch ins Wohlfühlbad

  • -Aktualisiert am

Ohne Burkini will sie im Unterricht nicht schwimmen, abends trainiert sie dafür umso härter: Ilayda (Selen Savas) und ihre Schwimmlehrerin (Emily Cox). Bild: MDR/Petro Domenigg

Im Ersten wirft „Die Freischwimmerin“ religiösen Ballast über Bord und landet, wo man sie nicht vermutet hätte. Die Produktion ist mal Selbstfindungsgeschichte, mal Beziehungsdrama.

          Am Wiener Bundesgymnasium Viktor Frankl pflegt man die schöngeistig philosophisch-kritische Tradition ebenso wie dumpfe Vorurteilskultur. Während im Deutschunterricht der Siebzehnjährigen bis zur nächsten Stunde „Der Mann ohne Eigenschaften“ vollständig gelesen werden muss, eine vorlaute Dreinruferin als Strafarbeit ein Referat über Robert Musil aufgebrummt bekommt und in der kommenden Stunde wohl so umfassend wie tiefgründig im Schülerkreis über den Mörder Moosbrugger und das Problem des freien Willens diskutiert wird, liegt der Fall der jungen Ilayda, der näheren Betrachtung nicht wert, für Mitschüler und Direktion auf der Hand. Seit drei Jahren trägt sie ein Kopftuch, seitdem ist sie eine Außenseiterin.

          Niemand weiß, ob sie das Tuch aus freien Stücken, religiösen oder anderen Gründen trägt, und kaum jemanden interessiert es. Bis die neue Sportlehrerin Martha Müller (Emily Cox) Ilayda Demirel (Selen Savas) beim Schwimmunterricht vermisst. Ilayda will nicht schwimmen, obwohl sie es vorzüglich kann. Abends trainiert sie heimlich und allein im Becken. Den Blicken anderer will sie sich nicht aussetzen. Ein Badeanzug kommt nicht in Frage, die Ganzkörperversion aber, der Burkini, ist in Österreich anders als in Deutschland im Schwimmunterricht nicht zugelassen.

          Wohlfühlfilm mit Potenzial

          Irgendwann, so der Direktor (Bernhard Schir) knurrig, gebe es eben immer Probleme mit diesen Migrantenkindern. Stellt sich das breite Publikum in Österreich so die Lehranstalt für die höhere Bildung vor? Das Gymnasium jedenfalls, das in dieser österreichisch-deutschen Koproduktion den Hauptschauplatz bildet, ist im deutschen sozialkritischen Schulproblemfernsehen, wie es beispielsweise aus Stücken des WDR bekannt ist, praktisch unvorstellbar. Am Viktor-Frankl-Gymnasium sind die Schüler zwar wie überall mehr oder weniger folgsam (eher mehr), trinken gelegentlich einen über den Durst (aber nur aus jugendlichem Experimentierbedürfnis) und sitzen im Schwimmunterricht mal am Rand. Im Grunde aber gibt es für den Direktor nichts zu klagen. Wirkliche Renitenz ist unbekannt, Bildung das Ziel, dem alle folgen. Regeln sind Regeln. Zu viel Engagement seitens der Lehrerschaft ist unerwünscht. Da gilt die neue Kollegin schon als ein Problemfall an Übereifrigkeit und wird genau im Auge behalten. Das Schuluniversum, das im Drehbuch von Susanne Beck und Thomas Eifler entworfen wird, mag an hübsch ondulierten Locken herbeigezogen sein, die Dramaturgie mag hie und da die Handlung eher mit der Brechstange in die gewünschte Richtung biegen, trotzdem kann man sich „Die Freischwimmerin“, ein Märchen vom Verlieren und Finden des Vertrauens zwischen Schülerin und Lehrerin, anschauen.

          Inszeniert hat Holger Barthel, eher auf die leichteren Töne abonniert, diese Adoleszenzgeschichte nämlich ganz als Beziehungsfilm. Eine Lehrerin, die nach erstem Scheitern wieder zur Mutter (Ulli Maier) ins Nest geflüchtet ist, die niemanden fallen lassen möchte und nach Gründen fragt, wo andere schon urteilen, sowie ein „Kopftuchmädchen“ und ihre Umwelt bilden das Zentrum. Mit Absicht völlig ausgeklammert aber wird der religiöse und ideologische Sprengstoff, der sich zum Thema Kopftuch leicht assoziieren lässt. Ilayda, übersetzt Wasserfee, trägt das Kopftuch als Zeichen der Trauer um ihren verstorbenen Vater. Mit Religion hat die ganze Familie, darunter der Barbetreiber und ältere Bruder Abbas (Aaron Karl), nichts am Hut. Um Multikulti geht es eigentlich auch nicht. Hier sind alle Wiener, und die türkischstämmigen dazu noch tolerant genug, Vorurteile zu ignorieren. Damit wird „Die Freischwimmerin“ - weit davon entfernt, das Kopftuchtragen mit heiligem Ernst zu diskutieren -, zum echten Wohlfühlfilm. Aber zu einem mit gewissem Potential. Die genau gestaltende Kamera (Peter Kappel) tut das Ihre, der an sich leicht altmodisch wirkenden Selbstfindungsgeschichte so etwas wie Charisma zu verleihen.

          Niemand weiß so recht, warum Ilyada ihr Kopftuch trägt. Es scheint auch niemanden so wirklich zu interessieren.

          Besonders jedoch liegt es an Selen Savas, die ihren Versuch der Selbstbehauptung durch das Kopftuch mit großer Intensität verkörpert. Als Gegenpart spielt Emily Cox die Identifikationsfigur der jungen Lehrerin voller Ideale und Unterstützungsbereitschaft mit Verve. Die zarte Romanze, die sich zwischen ihr und Aaron Karl (seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und offensichtlich mit demselben darstellerischen Charme gesegnet) anbahnen darf, ist wohl als Annäherung der Kulturen und als Plädoyer gemeint. Im Grunde aber begegnen sich mit Martha Müller und Abbas Demirel eine Frau aus Linz und ein Mann aus Wien.

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