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Olympia im Fernsehen : Waren das die schlechtesten Spiele, die wir je hatten?

  • -Aktualisiert am

Augen auf bei der Wettbewebswahl: Beim Synchronschwimmen (hier die Sportlerinnen aus Ägypten) ist die richtige Abstimmung alles. Bild: Imago

Glaubt man der Bilanz von ARD und ZDF, waren die Olympischen Spiele in Rio phantastisch. Das klingt so, als wollten sie 2020 in Tokio unbedingt wieder dabei sein. Doch das dürfte teuer werden.

          An diesem Montag beginnt die Olympiade, womit die Zeit des Wartens auf die Spiele in Tokio im Jahr 2020 gemeint ist. Bei den Wettkämpfen in Rio gab es 306 Olympiasieger, was zugleich bedeutet, dass dort die meisten Sportler keine Goldmedaille gewinnen konnten. Für Sportjournalisten gibt es diese überhaupt nicht. Deshalb haben sich ARD und ZDF einen Publikumspreis verleihen lassen. In einer repräsentativen Umfrage hätten 68 Prozent der Befragten die Berichterstattung der beiden Sender als „gut“ oder „sehr gut“ bewertet. Stolze 92 Prozent hätten die Kompetenz der Moderatoren und Reporter positiv gewürdigt, teilte das Erste für beide Sender mit.

          Wie sehr der Sportjournalismus nationalen kulturellen Traditionen verhaftet bleibt, ergab sich aus dieser Umfrage nicht. Dafür mussten die Zuschauer dem ARD-Fußballexperten Steffen Simon beim Endspiel der Fußballer lauschen. Er versuchte sich beim Ausgleich des Schalker Knappen Max Meyer gegen Brasilien an jener südamerikanischen Praxis des ins Unendliche gezogenen Torschreis. Simon kreierte zwar ein interessantes akustisches Phänomen, aber weckte Zweifel daran, ob die Adaption solcher kulturellen Eigenarten eine gute Idee ist. Für brasilianische Ohren wiederum dürfte die poetisch-philosophische Kommentierung des ARD-Reitsportexperten Carsten Sostmeier genauso irritierend sein, was keineswegs nur an der Sprachbarriere liegt. Indes bleibt der ins Unendliche gezogene Torschrei im Jubel-Repertoire hiesiger Sportreporter hoffentlich die Ausnahme.

          Jubel bestimmt die letzten Bilder: Sportler bei der Abschlussfeier in Rio.

          ARD und ZDF hatten aber ein generelles Problem: Wie berichtet man über Olympische Spiele, welche die deutsche Athletensprecherin Martina Strutz als die „schlechtesten Spiele“ charakterisierte, „die wir je hatten“? Die Einlassung könnte man als Nörgelei einer im Wettkampf gescheiterten Sportlerin abtun, wie der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, sagte. Aber so leicht sollte man es sich nicht machen. Martina Strutz sprach aus, was wohl auch viele Zuschauer vor dem Fernseher beschäftigt haben dürfte.

          Die Leichtigkeit fehlt

          Die Leichtigkeit, die dieses Ereignis unverwechselbar macht, war dahin. Triumph und Tragik liegen im sportlichen Wettkampf eng beieinander, aber das verliert alles an Bedeutung, wenn man angesichts des berechtigten Doping-Verdachts in vielen Wettbewerben gar nicht mehr weiß, ob der Athlet auf Platz eins der eigentliche Gewinner ist oder der vermeintlich Geschlagene auf Platz zehn, wie es einige deutsche Gewichtheber ausdrückten. So musste der IOC-Präsident qua Amt die vergangenen sechzehn Tage von Rio loben. Diese Spiele seien „nicht in einer Luftblase organisiert“ worden, sondern „in einer Stadt mit sozialen Problemen und Unterschieden“, sagte Thomas Bach. Rio 2016 sei „nah an der Realität und nicht irgendwie isoliert“ gewesen.

          Letzte Goldmedaille für Deutschland: Thomas Röhler gewann am Sonntag den Wettbewerb im Speerwurf.

          Die Olympischen Spiele zeichnet aus, dass sie eine andere Form der Realität schaffen, nicht, dass sie die vorhandene abbilden. Bachs Sätze zeugen von der Hilflosigkeit, diese Qualität der Spiele zu bewahren beziehungsweise wiederherzustellen. Wenn nicht einmal staatlich organisiertes Doping dazu führt, dass Sportler ausgeschlossen werden, ist es mit der olympischen Idee vorbei.

          Vom einzigartigen Charakter Olympischer Spiele lebt die Berichterstattung in ARD und ZDF. Doch sollten die öffentlich-rechtlichen Sender der ungebremsten Kommerzialisierung der Spiele nicht jeden Tribut zollen. Was das angeht, ist das IOC „ganz nah an der Realität“ und schaut einzig allein auf den höchstmöglichen Preis, den es mit der Verkauf der Olympia-Senderechte erzielen kann. Und so liegen die europäischen Rechte an den Spielen 2018 bis 2024 zunächst einmal bei dem amerikanischen Medienkonzern Discovery, der dafür 1,3 Milliarden Euro bezahlt hat und nun von ARD und ZDF als Sublizenznehmer entsprechend hohe Preise fordert. Die „schlechtesten Spiele, die wir je hatten“, sind kein gutes Argument, um Discovery jeden Preis zu zahlen. Daran sollten die Sender denken, und nicht die kleine Schlusseuphorie über Siege deutscher Sportler zur Vorlage für den anstehenden Preispoker machen.

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