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Netflix-Serie „Dark“ : Auf dem Weg in die Angst

Lieber keinen Schritt weiter: Jonas Kahnwald (Louis Hofmann) wagt sich ins Dunkle vor. Bild: Netflix

„Dark“ ist die erste Netflix-Serie made in Germany. Sie wirkt sehr deutsch, hat aber nur ein Ziel: internationales Publikum zu erobern. Das geht am besten mit einer Geschichte aus dem dunklen Wald.

          Da rauscht er wieder, der deutsche Wald in seiner Schauervariante, dass die Brüder Grimm und Vertreter der Schwarzen Romantik ihre helle Freude gehabt hätten: Kinder verschwinden auf Nimmerwiedersehen im finsteren Tann, auf dem Gewitterwolken lasten wie ein Nachtmahr auf der Brust der armen Seele. Unterkellert ist das Gehölz von einem Höhlensystem, aus dem das Unheil mit Macht hervorbricht. Dann verwandelt sich der endlos wirkende Märchenwald der ersten deutschen Netflix-Serie „Dark“ in eine apokalyptische Landschaft, in der es tote Vögel regnet und Schafe wie vom Blitz getroffen auf der Weide zwischen den Wipfeln niedergehen. Der eigentliche Sitz des Grauens aber ist – und das ist wohl das Deutscheste an dieser Szenerie – ein vom Wald umschlossenes Kernkraftwerk. Es steht da als Symbol der German Angst und Relikt einer vergangenen atomgläubigen Epoche, deren Industriedenkmäler in naher Zukunft von der Energiewende geschleift werden sollen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wo ist der Fluss, den eigentlich jeder Meiler braucht? Nicht zu sehen oder nicht da. Die Dampfschwaden aus de Kühltürmen verschmelzen mit einem bleigrauen Himmel, aus dem es regnet, regnet, regnet, als müssten sämtliche Kubikliter des Wasserfalls von „Twin Peaks“, der amerikanischen Mutter aller Mystery-Serien, hier auf anderem Weg ins Bild finden. Denn so deutsch, wie dieser Herbstwald auf den ersten Blick erscheint, weil hiesige Schauspieler in ihm ein Mysterienspiel aufführen, ist er nicht. „Dark“ entführt nicht in die bundesrepublikanische Provinz, an einen Ort, von dem man ahnen könnte, wo er liegt. Gedreht wurde in und um Berlin. Aber das fiktive Winden könnte überall sein. Auch in den Vereinigten Staaten. Oder in Norwegen. Man müsste nur ein paar Ausstattungsgegenstände ändern.

          Die Drehbuchautorin Jantje Friese und der Regisseur Baran bo Odar, beide Absolventen der Münchner Filmhochschule, haben für den amerikanischen Streamingdienst keine Serie ersonnen, inszeniert und produziert, die das internationale Netflix-Portfolio mit seiner beispiellosen Reichweite – der Dienst ist in rund zweihundert Ländern zu empfangen und hat mehr als hundert Millionen Abonnenten – um einen spezifisch deutschen oder neuartig europäischen Zugriff auf das Seriengenre erweitert. Stattdessen haben sie eine Serie geschaffen, die, abgesehen von eher folkloristischen Teutonismen, ganz im Netflix-Universum beheimatet ist und sich dezidiert an ein internationales Publikum richtet.

          Da packt den Schäfer das Grauen: Warum liegen alle seine Schafe tot auf der Weide?
          Da packt den Schäfer das Grauen: Warum liegen alle seine Schafe tot auf der Weide? : Bild: Netflix

          In „Dark“ wird multiperspektivisch erzählt wie in „Sense 8“ der Wachowski-Geschwister; wie in „Tote Mädchen lügen nicht“ werden Jugendliche mit dem Tod konfrontiert, und mit dem Netflix-Erfolg „Stranger Things“ der Duffer-Brüder, der gerade in die zweite Staffel gegangen ist, teilt die Serie eine ganze Reihe von Eigenschaften: Hier wie dort gehen Kinder im Wald verloren, walten grauenerregende übernatürliche Kräfte und spielt die Handlung – bei „Dark“ zumindest teilweise – in den achtziger Jahren.

          Abgekupfert wollen die deutschen Macher, hinter denen die Produktionsfirma Wiedemann & Berg steht, nicht haben, ihre Bücher seien vor dem Start von „Stranger Things“ fertig gewesen und eher vom nordischen Noir-Film inspiriert, sagen sie. Das Zeitalter des zu Ende gehenden Kalten Krieges, die Kindheit der heutigen Erwachsenen im besten Serienseheralter, rückblickend als Ära der Paranoia zu zeichnen, die unter einem Firnis biederer Scheinsicherheit lauerte, ist dann wohl ein Zeitgeistphänomen, zu dem auch die Ufa-Serie „Deutschland 83“ gehört. „Dark“ verankert in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, nach dem Tschernobyl-Schock, eine endzeitliche No-Future-Stimmung, die „Atomkraft? Nein danke“-Sticker nicht überkleben können. Im Jahr 1986 scheint in der Serie die Wurzel allen Übels zu liegen.

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