Dortmund, mit 580.000 Einwohnern die achtgrößte Stadt in Deutschland, hat seit den sechziger Jahren drei klassische Standortfaktoren eingebüßt, in dieser Zeit aber auch einen Strukturwandel eingeleitet, der sich sehen lassen kann. Aus der einstigen Viereinigkeit von Bier, Kohle, Stahl und Fußball ist lediglich der Ballspielverein Borussia 09 e.V. Dortmund übrig geblieben.
Zwar stand der BVB noch unlängst selbst am finanziellen Abgrund, ist nach zwei Meistertiteln in Folge, dem deutschen Pokalsieg von 2012 und dank der Ausstrahlung von Mannschaft und Trainer aktuell aber der glanzvolle Imageträger der Stadt.
Zudem spiegelt der so dynamische wie aufwendige Jugendstil, auf den Jürgen Klopp sein Team verpflichtet, genau das wider, was Dortmund als Ruhrmetropole der Gegenwart mit der Ansiedlung von Logistikbetrieben, Finanzdienstleistern, Mikrosystemfirmen und IT-Innovatoren zum Teil schon erreicht hat, im Ganzen aber noch erstrebt: zum Synonym für energische Erneuerung zu werden und dabei auch noch sympathisch zu wirken.
In dieser Situation kommt die Entscheidung des Westdeutschen Rundfunks gerade recht, zusammen mit Köln und Münster künftig auch Dortmund zur aktuellen „Tatort“-Kulisse zu promovieren. Im vergangenen Frühjahr wurden die ersten beiden Folgen gedreht.
Mut zur Irritation
Um das „Dortmund-Fieber“ weiter steigen zu lassen, unterrichteten die lokalen Medien ihr Publikum fortwährend über das Geschehen am Set und das gleich vierköpfige Ermittlerteam mit Sitz im realfiktiven Dortmunder Polizeipräsidium. Vor einem Monat lud der WDR zur „Welturaufführung“ der ersten Folge ein, naturgemäß ins Stadion.
Diese erste Folge heißt „Alter Ego“. Der Titel beweist Mut zur Irritation. So geflügelt das Diktum inzwischen auch sein mag, für die überwiegende Mehrheit des nach Millionen zählenden „Tatort“-Publikums ist Latein gleich Bahnhof. Der Fall selbst bietet zudem keinerlei Erklärung für den Titel, kein einziger Dialog greift ihn auf.
Einer zweiten Irritation unterwirft sich dieser „Tatort“ durch seine Hauptfigur, den gerade aus Lübeck gekommenen, genauer: aus unklar bleibenden, aber gewiss nicht gloriosen Gründen ins Revier zurückgekehrten Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann). „Das kann doch nicht sein“, sagt der Jung-Kriminalist Daniel Kossik (Stefan Konarske) gleich zu Beginn, „dass dieses Sarggesicht unser neuer Chef ist“.
Kalte Ravioli aus der Dose
Bei diesem Faber handelt es sich wieder einmal um einen Fernsehermittler, der mit sich selbst am wenigsten zurechtkommt, offenbar zutiefst beziehungsgestört ist, zwar kein Alkohol-Problem hat, dafür unter Depressionen leidet. Zum allerersten Mal begegnen wir ihm auf dem Dach einer Schule, mit wehem Blick schaut er in die Tiefe. „Sie wollen doch nicht den Sittich machen?“, fragt der Hausmeister bang, er kennt seine suizidalen Pappenheimer.
Etwas später kommt Faber ins noch leere Büro und kauert sich sogleich in die hinterste Ecke. Als alle anderen endlich nach Hause gehen, bleibt er im Kommissariat zurück und löffelt Dosen-Ravioli kalt.
Nicht leicht machen es sich der Drehbuchautor Jürgen Werner und der Regisseur Thomas Jauch bei der Dortmund-Remiere auch mit dem Thema und dem Fall: Es geht um Vorurteile gegenüber Homosexuellen, um die homophobe Flugblattkampagne einer fundamentalchristlichen Sekte und um einen Doppelmord in der Dortmunder Schwulenszene.
Der Mörder als wahrer Freund
„Ein wahrer Freund ist gleichsam ein anderes Ich“, schrieb Cicero vor gut zweitausend Jahren. So kam, als zweites Selbst, das Alter Ego in die Welt. Für Kommissar Faber wird daraus die Ermittlungsmethode schlechthin. Er imaginiert den Täter als wahren Freund, nicht etwa, weil er selbst schwul wäre, sondern um sich intensiv in ihn hineinzuversetzen - bei einem Kinderschänder, sagt er zu Kossik, ginge er nicht anders vor.
Weil bloßes Hineindenken aber nicht hinreicht, agiert Faber den Seelenzustand und das mögliche Vorgehen des Mörders im Rollenspiel aus, wobei er als Partner seines Imitationstheaters gern die Kollegin Bönisch (Anna Schudt), aber auch Zeugen und Verdächtige zwangsverpflichtet.
Dieses Rollenprofil gibt für einen guten Schauspieler eine Menge her. Ein ums andere Mal beweist Jörg Hartmann denn auch, dass er nicht nur ein guter, sondern ein exzellenter Schauspieler sein kann: Seine Mörder-Mimikry wirkt überwältigend perfekt und führt dann auch zur Lösung des Falls.
Für die Figur des Kommissars aber ist die Brillanz des Darstellers eher ein Problem. Weil sich Fabers eigentliches Ich im zweiten Selbst des potentiellen Täters zeitweise ganz verliert, balanciert der neue Leiter des Dortmunder Morddezernats beständig an der Grenze zur Schizophrenie, hat neben allen sonstigen Macken jedenfalls auch ein manifestes Identitätsproblem. Sympathisch macht ihn das nicht, unheimlich durchaus.
Die Vorbider Haferkamp und Schimanski
Für das neue Dortmund-Image muss also die Kamera von Clemens Messow sorgen. Mal rückt sie den alten Förderturm der Schwerindustrie als Denkmal seiner selbst ins Zentrum, mal dessen postmodernes Zitat am Zweckbau eines Bionik-Unternehmens, in dem man mit Robotern experimentiert. Der Düsternis in der Gründerzeitvilla des alten Stahlbarons kontrastiert das Westfalenstadion, das neudeutsch Signal Iduna Park heißt, im nächtlichen Glanz des Flutlichts.
Geprägt wurde der „Tatort“ aus dem Ruhrpott einst von Hansjörg Felmys Essener Kommissar Heinz Haferkamp, der in den siebziger Jahren wirkte, weit mehr aber noch von Götz Georges Horst Schimanski, der im Jahrzehnt danach aus Duisburg ein bundesweites Ereignis machte.
Legenden-Potential lässt die erste Dortmund-Folge noch nicht erkennen. Außer am Profil der Hauptfigur müsste man künftig auch am Zusammenspiel der ermittelnden Viererkette arbeiten. Dass Faber und Bönisch mit Kossik und Nora Dalay (Aylin Tezel) zwei polizeiliche Jungspunde zur Seite haben, die sich überdies als Liebespaar versuchen, strahlt bei allen verbalen Scharmützeln untereinander doch eher die selbstbezügliche Gemütlichkeit der „Soko“-Vorabendserien und der „Rosenheim Cops“ im ZDF aus.
Auch beim Fußball ist noch Luft nach oben. Wenn Kossik glaubhaft machen will, dass er für ein einziges Stadion-Ticket ein ganzes Vermögen entrichtet habe - „ich musste meine Mutter dafür verkaufen“ -, darf er nicht gleichzeitig seine Dauerkarte für den Stehplatz in der Südkurve hochhalten. Und wenn es gegen Schalke geht, ist das beileibe kein „Lokalderby“, sondern das Aufeinanderprallen zweier Welten.
Anbiederung
Torsten Weber (stenweber)
- 24.09.2012, 15:51 Uhr
Ruhr ohne Pott
Uwe Molkenthin (Uwe_Molkenthin)
- 24.09.2012, 11:22 Uhr
Schade. Daneben. Ärgerlich.
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 24.09.2012, 11:17 Uhr
Schlimm, schlimmer, Dortmund-Tatort
Volker T. Fleischhauer (volkerfleischhauer)
- 24.09.2012, 09:18 Uhr
Lichtblick
Johanna Ostermann (Johanna111)
- 24.09.2012, 08:01 Uhr