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„Die Brücke“ neuverfilmt : An das Spektakel verschenkt

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Der Neuverfilmung von Wickis „Die Brücke” fehlt es an Glaubwürdigkeit Bild:

Wer einmal Bernhard Wickis Antikriegsfilm „Die Brücke“ sah, vergisst ihn nie wieder. Die Neuverfilmung bei Pro Sieben dagegen verdient es nicht, in Erinnerung zu bleiben - er zeigt deutlich die Grenzen des Aktualitätsspleens.

          Aus ungeschönten Erinnerungen von Zeitgenossen wissen wir, dass es in den letzten Kriegswochen nicht nur im „Führerbunker“ zu Orgien kam. Den Tod vor Augen, fielen die Menschen in einer aberwitzigen Feier des Lebens übereinander her. Die Exzesse waren umso bizarrer, als sie die hektische Verkehrung von Spießertum, Prüderie und Verklemmtheit darstellten, die mit dem Sieg des braunen Gesindels 1933 triumphiert hatten. In Wolfgang Panzers Film „Die Brücke“ dagegen umarmen sich Franka Potente als Lehrerin Elfie Bauer und Lars Steinhöfel als ihr sechzehnjähriger Schüler Walter, als spielten sie statt der Endzeit 1945 eine heutige Internatsaffäre im „Fernsehfilm der Woche“.

          Wicki zeigte schonungslos deren mörderischen Wahnsinn

          Spätestens dann weiß man, was hinter François Goeskes Erklärung steht, man habe „die Geschichte für Jugendliche von heute neu erzählen und in ihrer Sprache erlebbar“ machen wollen. Goeske, der beeindruckend den sensiblen Albert spielt, der als einziger von sieben im „Volkssturm“ verheizten Sechzehnjährigen überlebt, ist am wenigsten vorzuwerfen, dass diese „Brücke“ so grässlich missglückt ist. Wie seine sechs Mitspieler, vielleicht ein wenig mehr sogar, hat er das schauspielerische Format, solche Kindmänner als das zu zeigen, was sie waren: Buben, deren Köpfe der Männlichkeitswahn ihrer Großväter und Väter und endgültig der Nationalsozialisten so sehr vergiftet hatte, dass sie erst aufhörten, „hart wie Kruppstahl und flink wie Windhunde“ zu sein, als es zu spät war. Es ist Regisseur Wolfgang Panzer, der seine jungen Akteure hat schießen und hechten lassen wie Helden in „The Dark Knight“ oder „The Departed“. Er war es, der zuließ, dass Michael Lott als Standartenführer Fort belfert wie die Karikatur einer Hitlerkarikatur und dass Franka Potente ihre Studienrätin, die so verzweifelt der Anklage wegen Verführung Abhängiger zu entgehen sucht, wie sie ihre Schüler retten will, lau und farblos wie in einer ersten Textprobe abliefert. Was sie bietet, ist nicht einmal mehr Routine, sondern grenzt an Dilettantismus. Anders Paula Schramm als von Albert scheu geliebte Mitschülerin; dass sie im Morgengrauen aus einem von MG-Salven zerfetzten Haus so Clearasil-rein wie bei einem Casting für „Prinzessin über Nacht“ tritt, geht wieder auf das Konto Panzers, der an Effekt und nicht an Glaubwürdigkeit denkt.

          Verbotene Liebe: Franka Potente und Lars Steinhöfel wirken mehr wie eine heutige Internatsaffäre im „Fernsehfilm der Woche”

          Wegen Bernhard Wickis „Brücke“ verweigerten 1959 Tausende junge Männer den Kriegsdienst. Das bewirkte der Film (mit dem Golden Globe und einer Oscar-Nominierung, aber erst 1989 mit dem Bundesfilmpreis geehrt), weil er auf jede Anbiederung verzichtete. Streifen wie „Der Arzt von Stalingrad“ oder „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ knüpften ihr Antikriegspathos immer an wenigstens eine Figur, die den tröstlichen Trugschluss zuließ, die Wehrmacht sei letztlich „anständig geblieben“. Wicki dagegen zeigte schonungslos deren mörderischen Wahnsinn. Seine jungen Darsteller hantierten mit dem Kriegsgerät, als hätten sie gestern noch mit Erbsenpistolen gespielt, und seine erwachsenen Protagonisten gaben glaubhaft diejenigen, die auf Kosten der schießenden Kinder die eigene Haut retten wollten.

          Wer käme auf die Idee, „Casablanca“ neu verfilmen zu wollen?

          Gewiss spielte es damals eine Rolle, dass viele Beteiligte eigenes Erleben einbrachten. Doch auch Pro Sieben hatte einen Zeitzeugen, den wichtigsten: Gregor Dorfmeister, dessen autobiographischer Roman schon Wicki und nun Panzers Drehbuchautor Wolfgang Kirchner diente. Doch das Remake kennt und verwertet nur die Oberfläche der Erzählung. So kommt es statt zu Erschütterung zu einer Abfolge klischeegrober Szenen und schamloser pyromanischer Effekte, wird keiner Figur Zeit und Raum zur Entfaltung gegeben, kein Charakter ausgelotet.

          Man wäre aus Stein, erschütterten einen nicht doch die Szenen, wenn es für die Jungs ans Sterben geht. Es treibt einem die Tränen in die Augen, wenn Daniel Axt als Jürgen einem GI ins Gesicht starrt, der nur wenig älter ist als er. Der Amerikaner, von dem Jungen mit der Kraft der Todesangst niedergerungen, schaut seinem Bezwinger in die Augen, dann auf das Bajonett, das dieser ihm an den Hals hält. Hilflos wendet er sich ab und beginnt zu weinen wie ein Kind - und das Kind, das ihm den Tod bringen will, erstarrt ratlos. Das ist ein Moment, in dem der Film den Atem anhält, eine Minute, in der aufblitzt, was hätte werden können, wäre man nicht besessen gewesen vom Aktualitätsspleen.

          Zeitgemäß? Wer käme auf die Idee, „Casablanca“ neu verfilmen oder Thomas Manns „Doktor Faustus“ jugendneu erzählen zu wollen, um das Heute angemessen gegen Neofaschismus zu imprägnieren? Wolfgang Panzer und sein Sender, will man ihnen nicht skrupellose Quotenschinderei unterstellen, haben die Naivität und Kurzsichtigkeit besessen, das für notwendig zu halten. Und deshalb fielen sie zurück auf jenes gefühlstriefende Niveau, vor dem schon Hannah Arendt schauderte, als sie 1950 für die „New York Times“ Deutschland besuchte und auf ihre Fragen zu Nazi-Diktatur und Krieg die Antwort erhielt: „Warum muss die Menschheit immer nur Krieg führen?“

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