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TV-Serie „Sherlock“ : Ich denke so schnell, ich kann nicht anders

  • -Aktualisiert am

Gott lenkt, der Meisterdetektiv denkt: Benedict Cumberbatch (links) und Martin Freeman in „Sherlock“. Bild: Hartswood Films 2016/BBC

Die ARD zeigt Staffel vier von „Sherlock“. Benedict Cumberbatch spielt wieder groß auf, die Serie an sich wird fast zum Horrordrama. Deutet das auf das Ende des Meisterdetektivs hin?

          Ob die Bindung zu einer Serie ausreicht, um sich abermals vor den Bildschirm zu hocken und Stunden mit ihr zu verbringen, verrät mitunter die Reaktion auf die Titelmelodie. Bei der BBC-Serie „Sherlock“, für die Steven Moffat und Mark Gattis verantwortlich zeichnen, fällt sie auch nach zehn Episoden noch euphorisch aus: der krachende Sechsvierteltakt mit treibendem Schlagwerk, darüber die gelassene Melodie mit Glocken und Streichern. Sofort steht einem alles vor Augen, was Sherlocks London zwischen Baker Street 221b, Vauxhall Cross und jenem Gebäude in der Nähe von St Paul’s Cathedral ausmacht, von dem sich Holmes einst mit ausgebreiteten Armen gestürzt hat. Die Vorfreude auf Benedict Cumberbatch als Sherlock und Martin Freeman als bloggendem Afghanistan-Heimkehrer Dr. Watson ist gewaltig.

          Die drei neuen Folgen, die jetzt von der ARD ausgestrahlt werden, setzen wie üblich an: very british, schnell, humorvoll. Aber sie werden immer düsterer, bis uns in der stärksten der Folgen, einem Kammerspiel in weltferner Kulisse, das Lachen endgültig vergeht. In ihr schauen wir in Sherlocks Seele wie in den tiefsten Brunnen der englischen Krimilandschaft. Der Mann, der sich selbst als „hochfunktionalen Soziopathen“ bezeichnet; der Schnelldenker, der die Schattenseiten seiner Begabung kennt („Es ist wie ein Reflex. Ich kann nicht aufhören damit“); der zart Violine spielt und dann erzürnt zur Waffe greift, erscheint in neuem Licht.

          Die Detektive bekommen Nachwuchs, zumindest einer von beiden: Sherlock (Benedict Cumberbatch, links), Watson (Martin Freeman) und dessen Frau Mary (Amanda Abbington).
          Die Detektive bekommen Nachwuchs, zumindest einer von beiden: Sherlock (Benedict Cumberbatch, links), Watson (Martin Freeman) und dessen Frau Mary (Amanda Abbington). : Bild: Hartswood Films 2016/BBC

          Die Folge „Die sechs Thatchers“ greift die 1904 von Sir Arthur Conan Doyle veröffentlichte Original-Episode „Die sechs Napoleons“ auf, deren Titel auf eine Reihe zertrümmerter Büsten anspielt. Nun also Eiserne Lady statt Bonaparte: Im Haus eines Politikers fällt Sherlock eine entsprechende Leerstelle in einem kleinen Thatcher-Schrein auf. Doch sie ist nicht der Grund für seinen Besuch. Im Wrack eines ausgebrannten Autos fand sich das Skelett eines Mannes, der eigentlich nicht in England gewesen sein kann.

          Dieses Rätsel klärt Holmes beinahe so schnell wie die vielen Aufträge, die er in letzter Zeit per Smartphone erledigt hat. Das beiläufig wahrgenommene Detail aber alarmiert ihn zutiefst. „Da kündigt sich etwas an“, sagt er. Das sei „zu bizarr, zu barock“. Die zweite Folge, „Der lügende Detektiv“, wurde von „Der Detektiv auf dem Sterbebett“ und einem amerikanischen Kriminalfall aus den 1890er Jahren inspiriert: Ein Millionär (Toby Jones) blickt durchs Fenster auf das nächtliche London. Er hat Gäste geladen. Sie sitzen an einem leuchtenden Tisch, in einem dunklen Büro. Er will ihnen ein Geheimnis verraten, die Erinnerung an seine Beichte aber gleich wieder durch eine Substanz namens TD12 löschen. Krankenschwestern hängen die Gäste, bevor diese sich rühren können, an die dafür vorgesehenen Tropfe.

          Die BBC weiß, wie eine Detektivserie im 21. Jahrhundert aussehen muss: Sherlock (Benedict Cumberbatch, vorne rechts) mit family and friends.
          Die BBC weiß, wie eine Detektivserie im 21. Jahrhundert aussehen muss: Sherlock (Benedict Cumberbatch, vorne rechts) mit family and friends. : Bild: Hartswood Films 2016/BBC

          Über die dritte Episode, in der eine Drohne in die Baker Street 221b gesteuert wird und Seeleute seltsame Funksprüche hören, darf man vorab nichts verraten. Sie gibt der Geschichte des modernen Sherlock Holmes vielleicht eine Umdrehung zu viel – ein Psychothriller, Horror-Drama und würdiger Abschluss der Serie, sollte es als solcher gedacht sein. Wobei die beiden Macher, Steven Moffat und Mark Gattis, angeblich gewillt sind, eine fünfte Staffel aufzulegen.

          „Sherlock“ ist ihr Geniestreich. Als die Serie 2010 anlief, hob sie Holmes in die Gegenwart, wie es Steven Moffat bereits mit Robert Louis Stevensons „Dr. Jekyll“ gemacht hatte. Sie präsentierte mit rasanten Kamerafahrten, schnellen Schnitten, effektvoll eingesetzten Zeitlupen und SMS-Einblendungen zeitgemäßes Fernsehen.

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          Auch in der vierten Staffel, die manchmal wie ein Bond-Film daherkommt (was in Großbritannien nicht goutiert wurde), haben die Zuschauer das Gefühl, im Kopf eines Mannes zu sitzen, der schneller denkt und redet als irgendwer sonst. Was er tatsächlich sieht und was nur in Gedanken, greift ineinander. Nun wäre die Zeit reif für eine Ableger-Serie. Alles, was notwendig wäre, Hauptfigur inklusive, ist in der vorerst letzten Episode zu finden.

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