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ARD zeigt „Alles gelöscht“ : Sie erinnert sich an nichts

  • -Aktualisiert am

Sprung zurück ins Leben? Amnesiepatientin Jeanette (unten) kann sich nicht mehr an ihre Vergangenheit erinnern. Bild: MDR/Isabel Álvarez

Was ist, wenn wir auf einmal alle unsere Erinnerungen verlieren?  In „Alles gelöscht“ geht die Amnesiepatientin Jeanette auf die Suche nach ihrer Vergangenheit

          Das Gedächtnis, eine Festplatte. Alles, was auf ihr gespeichert ist, kann gelöscht werden, überschrieben mit neuer Vorstellung, neuem Erleben, neuer Erinnerung. Ein Gedanke, der so faszinierende wie beängstigende Konsequenzen hat. Bei Jeanette ereignet sich der Reset zwei Tage nach ihrem fünfzigsten Geburtstag. Den Morgen verbringt sie arbeitend, sie ist Klinikreferentin. Beim Verlassen eines Krankenhauses wird sie beobachtet, wie sie im Laufschritt, gestresst und in Eile, plötzlich ohnmächtig wird und mit dem Gesicht voran auf den Betonboden fällt. Zu sich kommt sie in einer neurologischen Klinik. Ohne Erinnerungen an ihr früheres Leben, aber mit ausreichend Fähigkeiten, die meisten praktischen Dinge des Alltags zu bewältigen.

          Die Folge „Alles gelöscht“ von Adama Ulrich aus der Reihe „Gott und die Welt“, die häufig Menschen am Abgrund oder in Krisensituationen zeigt, setzt zwei Jahre nach Jeanettes Schwarzblende ein und begleitet die inzwischen Arbeitsunfähige auf der Suche nach ihrer Vergangenheit bis ins dritte Jahr. Die Löschung war so gut wie vollständig. Weder ihren Sohn noch ihren Lebensgefährten erkannte sie. Kindheitserinnerungen gibt es keine. Im Streit um eine zumindest vorübergehend gezahlte Rente engagiert sie eine Anwältin. Es ergibt sich, trotz der Prozessanordnung der Reportage – so sucht Jeanette mit Freundinnen Orte auf, die ihr einmal etwas bedeutet haben – der Eindruck eines Schlaglichts mit dubiosen Schatten darum herum.

          Nach ihrem Gedächtnisverlust muss Jeanette vieles aufs Neue lernen.

          Denn manches in „Alles gelöscht“ wirkt merkwürdig. Nachdem organische Ursachen ausgeschlossen wurden, bleibt den Ärzten die Psyche als Erklärung. Was allerdings so belastend war und dazu führte, dass der Körper der Frau in Union mit ihrem Gedächtnis auf Löschen schaltete, wird hier nur vage angedeutet. Schwierigkeiten mit der Adoptivmutter, die Jeanette auch jetzt nicht sehen will. Der Adoptivvater eine beredt beschwiegene Leerstelle. Kontaktabbruch mit dem Sohn. Immer wieder Beziehungsabbrüche. Jeanette, die ruhig und beherrscht ihre Lage beschreibt, dabei früher eher hektisch gewesen sein soll, wirkt nicht durchgehend glaubwürdig, manche Überraschung eher gespielt. Zeichen psychischer Überforderung oder Hinweis darauf, dass vielleicht doch nicht alles so ist wie geschildert? Man misstraut dieser Amnesiepatientin auch. Wem will sie etwas vormachen?

          Die Reihe „Gott und die Welt“ zeichnet sich in der Regel durch ihre solide dreißigminütige Formatfernsehanmutung aus. Reportagekonservativ in gutem Sinne; ohne Präsentatoren, die sich selbst ständig ins Bild bringen müssen oder theatralisch an ihnen verschlossenen Türen von Institutionen und Konzernen rütteln. Die Filme sind inhaltlich interessant, nicht formal. Dieser Beitrag aber beginnt, wahrscheinlich unabsichtlich, bedeutungsintensivierend zu schillern, je näher man hinschaut. Keine Detektivgeschichte mit Auflösung, und doch auf einen Höhepunkt dokumentarisch hin inszeniert, wie es in ähnlichen Mutmachgeschichten dramaturgisch üblich ist. Zum Schluss wagt Jeanette einen Tandem-Fallschirmsprung, einen Gutschein aus der Zeit vor der Amnesie einlösend, den sie ganz zufällig wiederfand. Der Kommentar redet so anschaulich wie plakativ davon, dass sie jetzt über den Dingen schwebe. Reportageprosa für den Sonntagnachmittag. Die man aber auch als erzählte Oberfläche einer ganz und gar schaurigen Geschichte vom Erwachsenwerden lesen kann.

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