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Die ARD-Hörspieltage : Radio rund um die Uhr

  • -Aktualisiert am

Großer Sieger: Hermann Bohlen gewinnt den Deutschen Hörspielpreis der ARD Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Leistungsschau mit Glücksmomenten: Mit zahlreichen Veranstaltungen lockten die ARD-Hörspieltage das Publikum ins akustische Schlaraffenland. Hermann Bohlen gewann den Hauptpreis.

          Die ARD-Hörspieltage sind eine Leistungsschau ausgewählter jüngster Produktionen und in Glücksmomenten mehr als das: ein akustisches Schlaraffenland, das von einem Hörabenteuer ins andere lockt. Dazu trägt auch das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) bei, das als Gastgeber, Anreger und Mitspieler glänzte. In hochkarätigen Vorführräumen umrankte den Hörspielwettbewerb ein Rahmenprogramm aus Live-Inszenierungen, Diskussionen, Kinderstücken, Konzerten und Klanginstallationen.

          Längst gewinnt das Hörspiel Hörerkreise durch neue Distributionswege, CD-Editionen und Internet. Ins ZKM kommen Intensivhörer, diesmal zehntausendfünfhundert. Zu Live-Aufführungen drängten sie sich. In „Pietà Piëch“ (SWR) entdeckt Walter Filz im Machtmenschen und VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch den Schmerzensmann, dessen Karrierestationen chorische Songs für kapitalistische Härtetests begleiten.

          Traditionelle gregorianische Choräle, Schweigen und Alltagsgeräusche prägen hingegen Johannes Sistermanns Originalton-Komposition „Ausculta“ (SWR), die im ZKM-“Klangdom“ mitten ins Kloster Lichtenthal versetzte.

          Ein konkurrenzloses Genre

          Zudem hatten die Veranstalter den Mut, eine literarische Großproduktion vorzuführen: Die Hörversion von James Joyce’ „Ulysses“ (SWR/DLF), zum „Bloomsday“ 2012 urgesendet und im Hörverlag erschienen, fand nun ein sichtbares Publikum. Der Regisseur und Musiker Klaus Buhlert erschließt das Pionierwerk der Moderne neu.

          So konnten die Hörer Leopold Bloom (Dietmar Bär) und Stephen Dedalus (Jens Harzer) beim Tageslauf samt Tagträumereien durch Dublin begleiten. Zu erleben war, wie konkurrenzlos das Hörspiel wird, wenn es seine direkten Drähte zur Mündlichkeit und zur Musik ausspielt.

          Spannung weckte der ARD-Hörspielwettbewerb. Die Jury unter Vorsitz von Jochen Hieber (Feuilleton-Redakteur dieser Zeitung) diskutierte lebhaft über zehn konkurrierende Beiträge. Den Hörspielpreis vergab sie an „Alfred C. - Aus dem Leben eines Getreidehändlers“ (DKultur/HR). Originell porträtiert hier Hermann Bohlen, angeregt von einem realen Vorbild, einen Unternehmer und Stifter. „Nicht mit dem Furor des Aufdeckers“, lobt die Jury, arbeite Bohlen. Gewitzt implizit lasse er Dubioses zutage treten.

          In der Lüneburger Heide

          Dem Autor gelingt das Kunststück, den Wohltäter Alfred C. (Harald Halgardt) vielsagend schwadronieren zu lassen: Nazikontakte hat er durch Treffen mit untadliger Prominenz von Buber bis Reemtsma verdeckt. Jeweils auf der Höhe des Zeitgeists ein zielstrebiger Profiteur und Mitmacher, zeigt er sich als Sonderling, Heide- und Heidschnuckenfan. Bohlen, ein Virtuose satirischer Rundumschläge, trifft auch, so die Jury, „das selbstgerechte Ritual der bundesdeutschen Enthüllungsindustrie“.

          Lobend erwähnte die Jury „Wann wo oder Eine gewisse Anzahl Gespräche“ (HR/DLF) und den Komponisten Bernd Leukert. Dieses Radiokunstwerk erhielt den Online-Award der Hörer. Die Szenen von überraschender, ja schmerzhafter Absurdität verfasste Aleksandr Vvedenskij, ein Leningrader Avantgardist und Freund von Daniil Charms, 1937 in der stalinistischen Ära. Alltagsszenen steigern sich zu Endspielen, die totalitären Druck spiegeln. Ein Irrenhaus mit zufallenden Türen wird zum Inbegriff der eingesperrten Gesellschaft. Leukerts Komposition krönt den verknappten Text, indem sie ihn weitgespannt ausschwingen lässt.

          Überhaupt lässt das Thema Katastrophen alle Variationen der Welt zu. Vorhersehbar fördert in Chris Ohnemus’ „Rette sich, wer kann“ (SR/RB) ein Jahrtausendunwetter die ökologische Revolution. Expressive Panik überfällt in Lutz Seilers „Turksib“ (MDR) jäh einen Autor auf Vortragsreise im Zug nach Kasachstan.

          Thomas von Steinaecker, gewitzt

          Gut gelaunt inszenieren hingegen Henning Nass, Jonathan Meese, Bernhard Schütz posteuropäische Katastrophenblödeleien: In „Illegale Publikation oder Tod den Ohnmächtigen bis zur Revolution“ (WDR) genießt das Autorentrio Schock und Ulk. Zum Revolutionsjahr 2032 amüsiert es sich in Afrika beim Tanz von Versatzstücken aus Expeditions-, Abenteuer-, Kolonialromanen, Agententhriller und Polittheorien.

          Das Karlsruher Publikum - und die Jury - amüsierten sich bei Thomas von Steinaeckers gewitztem Radiostück um eine akustisch ergiebige Hauptfigur: Martin Umbach tummelt sich als Synchronsprecher, längst in Wirklichkeit und nun auch in „Die Entstehung des Hörspiels ,Umbach muss weg’“ (BR). Professionell glänzt Umbach als „Chamäleon“ rascher Stimm- und Stimmungswechsel.

          Umbach, der Rollenvirtuose, dilettiert privat insgeheim in einem Doppelleben, mit Familie in München, junger Liebe in Berlin. Da weiß nur das Navi, wo es langgeht: Hier glückt das perfekte Vexierspiel einer zersplitterten Existenz, die medienbewusste Komödie der Täuschungen und Selbsttäuschungen.

          Die Karlsruher Hörspielpreise 2012

          Deutscher Hörspielpreis der ARD: „Alfred C. – Aus dem Leben eines Getreidehändlers“. Autor: Hermann Bohlen, Regie: Judith Lorentz, Hermann Bohlen. Eine Produktion von Deutschlandradio Kultur/hr2.

          ARD Online Award: „Wann Wo oder eine gewisse Anzahl Gespräche“. Autor: Aleksandr Vvedenskij, Komposition: Bernd Leukert, Bearbeitung und Regie: Oliver Sturm. Eine Produktion des Hessischen Rundfunks/DLF.

          Premiere im Netz: „Ins Wasser“ von Tristan Vostry und Christian Udo Eichner.

          Deutscher Kinderhörspielpreis: „Anton taucht ab“. Autor: Milena Baisch, Regie: Maidon Bader. Eine Produktion von SWR und WDR.

          Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe: „Der große Baresi“. Ein Hörspiel in zwei Teilen nach dem Buch von Jimmy Docherty, Hörspielbearbeitung: Heidi Knetsch und Stefan Richwien, Regie: Hans Helge Ott, Musik: Rudolf Schmücker, Eine Produktion des NDR.

           

          Alfred C. - Aus dem Leben eines Getreidehändlers, das Siegerstück des Wettbewerbs, läuft in den kommenden Wochen auf allen öffentlich-rechtlichen Kulturradios, zunächst am 16. November um 21.03 Uhr bei BR 2.

          Quelle: F.A.Z.

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