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„Wie starb Benno Ohnesorg?“ : Der Polizist, der angeblich aus Notwehr schoss

  • -Aktualisiert am

Berlin, 2. Juni 1967: Der Student Benno Ohnesorg ist tödlich getroffen. Bild: rbb/Wolfgang Schöne

50 Jahre nach dem verhängnisvollen 2. Juni 1967 beschäftigt sich die ARD mit dem deutschen Schicksalsdatum. Eine Doku stellt die Frage: „Wie starb Benno Ohnesorg?“

          Ob nun Anlass oder Ursache – es war eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik, eine, die zu „68“ führte, auf die sich die „Bewegung 2. Juni“ berief, eine, die für den Terror der RAF, insbesondere des Herbstes 1977 die Rechtfertigung liefern sollte und die 42 Jahre danach noch einmal eine zeithistorisch bedeutsame Wende erfuhr: Am 2. Juni 1967 wurde der Lehramtsstudent Benno Ohnesorg am Rande der Demonstration gegen den Schah von Persien von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras im Hof des Hauses Krumme Straße 66/67 in West-Berlin gegen 20.30 Uhr aus nächster Nähe durch einen Kopfschuss getötet.

          Auf der Flucht vor Uniformierten und Beamten in Zivil, den „Greifern“, die Rädelsführer festhalten sollten, hatten sich Demonstranten, die gegenüber der Deutschen Oper zwischen Bauzäunen und Absperrungen eingezwängt worden waren, vermeintlich in Sicherheit gebracht. Der Hof erwies sich als Sackgasse. „Knüppel frei“, so lautete die Anweisung des Polizeipräsidenten Duensing, nachdem der Schah und seine Frau im Opern-Gebäude angekommen waren. Zuvor war es schon zu Prügeleien beim Empfang des iranischen Gastes am Schöneberger Rathaus gekommen. Die sogenannten „Jubelperser“ machten sich nun auch hier mit Latten bereit.

          Der Schütze, der nicht nur Polizist, sondern auch ein Spion der Stasi war: Karl-Heinz Kurras galt als Waffennarr.
          Der Schütze, der nicht nur Polizist, sondern auch ein Spion der Stasi war: Karl-Heinz Kurras galt als Waffennarr. : Bild: rbb/Wolfgang Schöne

          „Wenn ich rauskomme, ist alles sauber“, so der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz. Zuvor waren aus Richtung der Demonstranten Eier, Mehl- und Farbbeutel in Richtung der Besucher geworfen worden. Steine, so wurde später rekonstruiert, flogen nur von jenseits des Bauzauns, von einem Grundstück, auf dem Polizei und Sicherheitskräfte patrouillierten. Duensings Vorgehen, die „Leberwursttaktik“, wurde im Folgenden vielfach kritisiert: In der Mitte reinstechen, um die Enden auszuquetschen, lautete die Anweisung, die mit äußerster Brutalität umgesetzt wurde. Aus dem „Happening“ wurde eine Hetzjagd.

          Die Dokumentation „Wie starb Benno Ohnesorg?“ unternimmt fünfzig Jahre nach dem Tod des Studenten die minutiöse Rekonstruktion des Geschehens. Sie bettet den Ablauf in die politische Stimmung jener Tage zwar ein, leistet sich aber großzügige Auslassungen. Nachgezeichnet wird die unmittelbare Vorgeschichte der Demonstrationen beim Schah-Besuch durch Zeitzeugen, fast alle waren damals Studenten an der Freien Universität Berlin. Am Vortag hatte der iranische Oppositionelle Bahman Nirumand in der Uni einen bewegenden Vortrag über das Unrechtsregime in seinem Land gehalten. Aber nicht internationale Solidarität allein war Anlass der Proteste. Am 10. März 1967 hatte das Bundeskabinett Notstandsregelungen zur Aufnahme in das Grundgesetz verabschiedet und in den Bundestag und Bundesrat zur Beratung überwiesen. Der Historiker Eckard Michels verweist in seinem Buch „Schahbesuch 1967. Fanal für die Studentenbewegung“ darauf, dass in Teilen des akademischen Milieus der Besuch des Kaiserpaars „angesichts der seit Anfang Mai 1967 einsetzenden großen Sicherheitsvorkehrungen als ,Notstandsübung‘“ gegolten habe. Ausführende Staatsorgane hätten ihre Durchsetzungskraft auf die Probe stellen wollen.

          Trailer : „Wie starb Benno Ohnesorg?“

          Diesen Kontext lässt der ARD-Beitrag außer Acht. Stattdessen betont er die persönliche Tragik für die Familie und das skandalöse, bis heute nicht vollständig aufgearbeitete Vertuschen und Entwenden aller Beweise, die den Schützen Kurras in Erklärungsnot gebracht hätten. Bei der Obduktion waren Teile des Schädelknochens Ohnesorgs verschwunden. Es ließ sich nicht mehr entscheiden, aus welcher Entfernung der angeblich in Notwehr schießende Polizist abgedrückt hatte. Film- und Bildmaterial (vor Ort waren zahlreiche Reporter) wurden nicht ausgewertet, Augenzeugen zu den Prozessen nicht geladen.

          „Wie starb Benno Ohnesorg?“ lädt sie zum Ortstermin. Otto Schily, damals wie Horst Mahler als junger Anwalt an den Prozessen beteiligt, beschreibt die Vorgänge vor Gericht detailreich. Ein damaliger BZ-Reporter, dessen Glaubwürdigkeit der Überprüfung unter Umständen wenig standhielte, erzählt den Filmemachern, wie er von Kurras Pistole und Munition zum Entsorgen bekam – was er den Ermittlungsbehörden nie weitergab.

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          Gesichert scheint zu sein, dass Kurras – der seit 1954 als IM für die DDR spionierte, was erst 2009 herauskam – nicht im Auftrag seines heimlichen Dienstherrn, der Stasi, handelte. Die Ergebnisse des Forschungsverbunds SED-Staat der FU Berlin zu diesem Fall lassen kaum einen anderen Schluss zu. Für Kurras standen wohl finanzielle, nicht ideologische Motive bei der Spionage im Vordergrund. Der angehende Familienvater Benno Ohnesorg war kein Rädelsführer der Studenten-Proteste, sondern eher ein Mitläufer. Karl-Heinz Kurras wurde in zwei Prozessen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen, bis zu seinem Tod 2014 kam er in den Genuss seiner Beamtenpension.

          Wie starb Benno Ohnesorg?, heute, Montag, 29. Mai, um 23.45 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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