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Serie „Charité“ im Ersten : Operation am gebrochenen Herzen

Opium bis zum Umfallen: Die Hilfsschwester Ida (Alicia von Rittberg) horcht, ob Emil Behrings (Matthias Koeberlin) Herz noch für sie schlägt. Bild: ARD/Nik Konietzny

Es soll für jeden etwas dabei sein: Der Regisseur Sönke Wortmann hat sich für die ARD die Geschichte der Charité vorgenommen. Er erzählt von den Anfängen der modernen Medizin und - dreht eine Telenovela.

          Als die Hebamme am Bauch der Gebärenden horcht, nähert sich das Drama seinem Höhepunkt: „Die Herztöne werden schwächer, das Kind stirbt, dann bleibt nur noch ein Kaiserschnitt“, sagt die Geburtshelferin mehr zum Publikum als zu irgendjemandem sonst, und ein großes Gerenne in pathosbetonter Zeitlupe setzt ein.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn die Frau, die da anno 1888 in der Berliner Charité in den Wehen liegt, ist die Gattin des späteren Medizin-Nobelpreisträgers Paul Ehrlich (Christoph Bach), der als Forscher an der Charité in scharfer Konkurrenz zu seinem Kollegen Emil Behring (Matthias Koeberlin) steht – gleichfalls ein künftiger Nobelpreisträger. Und dann ist da noch der wissenschaftliche Übervater Robert Koch (Justus von Dohnányi), welcher justament zu dieser Stunde unter Beisein Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm II. einen medizinischen Weltkongress in der Reichshauptstadt eröffnet und den bevorstehenden Durchbruch in der Tuberkulose-Forschung ankündigt.

          Gegen zitternde Hände hilft ein kräftiger Schluck Opium

          Tragisch nur, dass der einzige den Kaiserschnitt beherrschende Arzt lieber mit den anderen Koryphäen auf dem Kongress Robert Koch – Nobelpreis 1905 – feiert, statt im Kreißsaal parat zu stehen. Und der Medizinstudent Georg (Maximilan Meyer-Bretschneider) lieber eine Mensur ficht, statt im OP seinen Mann zu stehen. Hilfsschwester Ida (Alicia von Rittberg), ihres Zeichens verwaiste Arzttochter, muss es wieder einmal richten. Sie eilt zu Behring, wohl wissend, dass er eine Schwäche für sie hat. Der Doktor wird einen Schluck Opium nehmen, damit die Hände nicht mehr zittern, sein blutiges Werk beginnen (kein Anblick für Zartbesaitete) und immerhin ein Leben retten.

          Nebenbei wird das Ansinnen der Hebamme auf Nottaufe – die Ehrlichs sind Juden – abgeschmettert, der kaiserzeitliche latente Antisemitismus also dramatisch in Szene gesetzt; Ida erhält einen Heiratsantrag von einem Mann sowie ein romantisches Liebesgeständnis von einer Frau; und der junge Monarch, der in diesem dramatischen Jahr nach zwei royalen Todesfällen als dritter auf den Thron gekommen ist, spuckt militaristische Töne, welche direkt auf 1933 vorausweisen. Rudolf Virchow (Ernst Stötzer), als Begründer der Pathologie und Hygieniker die einzige Charité-Größe, der das Wohl der Elenden und Kranken mehr am Herzen liegt als die eigene Karriere, schaut betroffen.

          Nein, man kann nicht sagen, dass es Sönke Wortmann, dem Deutschland-Spezialisten unter den Regisseuren, an Stoff und Drama fehlte in dieser ersten historischen Krankenhausserie, die er für die ARD inszeniert. Ort und Epoche sind gleichfalls gut gewählt: „Charité“ (Buch: Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann) handelt von den Jahren am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, als an der gleichnamigen Klinik Medizingeschichte geschrieben wurde. Wie zuvor das ZDF mit seinen „Event“-Serien „Das Adlon“ und „Das Sacher“ schwelgt nun das Erste im Glanz eines bis heute als starke Marke bestehenden Traditionshauses – nur, dass es in der ARD eben ein Krankenhaus ist und kein Hotel, das die Kulisse abgibt für die solche „Events“ auszeichnenden opulenten Kostüme, weitschweifige Handlung und drastischen Schauwerte.

          Zum großen Ärztekongress kommen Forscher aus der ganzen Welt nach Berlin.
          Zum großen Ärztekongress kommen Forscher aus der ganzen Welt nach Berlin. : Bild: ARD/Nik Konietzny

          Mit der Hospitalisierung aber gerät „Charité“ zwangsläufig in einen Trakt mit allen je produzierten Krankenhausserien – von der „Schwarzwaldklinik“ über „Emergency Room“ bis zu derjenigen, die beim amerikanischen Sender HBO das Genre zuletzt umstülpte. In „The Knick“ ließ Steven Soderbergh seinen Helden, einen drogensüchtigen Chirurgen, regelrecht in Blut versinken. Bei uns wurde das zu später Stunde im Spartensender ZDFneo versteckt. Keine Frage also, dass Soderbergh kein geeignetes Vorbild für einen gediegenen Sechsteiler im Ersten geben konnte – auch oder gerade weil Oliver Berben mit seinen „Die Hebamme“-Filmen für Sat.1 das hiesige Publikum schon abgehärtet hat.

          Eine Serie, die von allem ein bisschen sein will

          „Charité“ aus der Werkstatt von Nico Hofmanns Ufa Fiction geht einen anderen Weg. Diese Serie will von allem ein bisschen sein: Telenovela und Historienfilm, Krankenhaus-Splatter zum Weggucken und Kostümschinken zum Hingucken, Annäherung an eine fremde Zeit und Projektion heutigen Denkens in die Vergangenheit. Das Einzige, was „Charité“ wirklich will, ist möglichst viele Punkte auf der Lernzielliste für Zuschauer abzuarbeiten. Der historische Horizont wird aufgerissen, vier bedeutende Wissenschaftler laufen auf, doch im Mittelpunkt steht eine Frau, die sie in den Schatten stellt. Ida ist die aus unserer Gegenwart hinübergebeamte Sympathieträgerin: eine Krankenschwester, die Ärztin werden will. Von Teil drei an geht es darum, ob sie nach Zürich wechselt, wo Frauen damals schon Medizin studieren durften.

          Es gibt Liebe zwischen Arzt und Schwester, Konflikte zwischen weltlichen und geistlichen Pflegerinnen, einen Arzt, der lieber Künstler wäre, ein drogensüchtiges Genie und eine verführerische Varieté-Sängerin. Es gibt Séancen und Burschenschaften, einen Luftröhrenschnitt, eine Blinddarm-OP und Ausflüge in die Anatomie. Wir sehen, wie Tradition und Fortschritt im Widerstreit lagen und Infektionen in diesem schmutzigen Berlin töteten. Die Kostüme können sich sehen lassen, die Kulissen und die Ausstattung ebenso, die Dialoge altertümeln angenehm, und das Ensemble macht seine Sache gut. Und doch ist alles zusammen zu viel und zu wenig zugleich. „Charité“ gelingt es nicht, die Geschichte auch nur einer einzigen Figur, ihrer Motive und Konflikte wirklich zu entfalten. Dramaturgisch Zwingendes entsteht so nicht, sondern viel Schablonenhaftes. Bis zur Weltspitze ist es in dieser „Charité“ noch ein weiter Weg.

          Charité beginnt heute, Dienstag 21. März, um 20.15 Uhr mit einer Doppelfolge im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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