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„Deutschland-Saga“ im ZDF : Mit Christopher Clark am Klischee entlang

Ja, das gute alte VW-Käfer-Cabrio - und darin ein offenbar gut gelaunter Cambridge-Professor aus Australien, der gut Deutsch spricht. Reicht das? Bild: Harry Schnitger

Professor Clark spricht sehr gut Deutsch. Zudem hat er einen Bestseller über den Ersten Weltkrieg geschrieben und ist in allerlei Talkshows aufgetreten. Fürs ZDF fährt er nun im roten Käfer-Cabrio durch Deutschland. Was dabei wohl rauskommt?

          An dieser Stelle müssen wir über Bilder reden. Über die Filmbilder, genauer gesagt, die in der ersten Folge der sechsteiligen „Deutschland-Saga“ des ZDF das Höhlenleben der Neandertaler, das Duell zweier Germanenhäuptlinge, den Überfall der Hunnen auf ein gotisches Dorf, die daraus folgende Völkerwanderung, die Schlacht im Teutoburger Wald, die Taufe des Frankenkönigs Chlodwig in Reims und die Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom zeigen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In diesen Aufnahmen sieht man Statisten, die als Neandertaler, Germanen, Goten, Franken und so weiter verkleidet sind, zwischen Holzhütten hindurch rennen, mit Papstdarstellern Blicke tauschen, Mammutknochen nagen und verschiedene andere Dinge tun, die in der Geschichte unserer Urahnen und Vorväter Epoche machten.

          Die Bilder sind freilich keine Ausschnitte aus neuen oder älteren Spielfilmen, sondern Szenen, die eigens für die Verwendung in dokumentarischen Fernsehserien gedreht wurden, Reenactments historischer Vorgänge, von denen es weder Filme noch Fotos und im Regelfall auch keine anderen bildlichen Originaldarstellungen gibt.

          Es handelt sich also um Konserven

          Die meisten Szenen wurden allerdings nicht für die „Deutschland-Saga“ gedreht - das hätte das Budget der Serie dann doch überfordert -, sondern stammen aus anderen Fernsehproduktionen, etwa aus dem ZDF-Zehnteiler „Die Deutschen“, der nach seinem Quotenerfolg im Jahr 2008 noch eine zweite, gleichfalls zehnteilige Staffel gebar, die zwei Jahre später ausgestrahlt wurde.

          Es handelt sich also um Konserven, die für die „Deutschland-Saga“ aus dem Schrank geholt wurden, so wie man für zeitgeschichtliche Dokumentationen Wochenschaubilder und historische Filmaufnahmen aus dem Archiv nimmt. Das Problem liegt nur darin, dass die Reenactment-Szenen weder zeigen, wie es wirklich war (das weiß niemand), noch irgend einen ästhetischen Reiz besitzen. Sie sind, mit anderen Worten, weder wahr noch schön. Sie sind Lückenfüller, fernsehförmiges Dämm-Material. Bestenfalls.

          Zwischen diesen Füllseln und ein paar Orten, an denen Karl und Chlodwig und die Goten sich herumgetrieben haben, fährt der in Cambridge lehrende australische Historiker Christopher Clark in der „Deutschland-Saga“ in einem knallroten VW-Käfer-Cabrio hin und her. Clarks Studie „Die Schlafwandler“ über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist der akademische Sachbuch-Bestseller dieses Jahres, und der Professor selbst, dem Fernsehpublikum durch zahlreiche Auftritte in Talkshows und Streitrunden bekannt, spricht sehr gut Deutsch.

          Wie Sonderangebote aus dem Schlussverkauf

          Für die ZDF-Geschichtsredakteure war das offenbar Qualifikation genug, ihn als Anchorman vor ihre Kamera zu holen. Tatsächlich ist Clark, der zum hellbraunen Anzug eine rote Fliege und eine rötlich getönte Sonnenbrille trägt, eine sympathische Erscheinung. Nur wirkt er dennoch wie ein Schwiegersohn-Darsteller aus einer alten Heinz-Erhardt-Klamotte, der auf dem Weg zum Filmstudio die falsche Ausfahrt genommen hat. Man würde Christopher Clark jederzeit sein historisches VW-Cabrio abkaufen, aber die Weisheiten zur deutschen Geschichte, die er in der „Deutschland-Saga“ aufsagen muss, klingen aus seinem Mund wie Sonderangebote.

          Das mag auch an dem Schlussverkaufs-Deutsch liegen, zu dem die von der Quote behexten ZDF-Historiker sich verstiegen haben. „Ein prähistorischer Phallus. Ging es hier um Sex? Oder Fortpflanzung? Oder das Fortleben überhaupt?“ - „So römisch hätte vermutlich ganz Berlin ausgesehen, wenn die Römer bis hierher gekommen wären. Statt Eisbein wären vielleicht Flamingozungen das höchste aller Gefühle.“ - „Dann segelten die Angeln und die Sachsen gen England und dachten sich: So ’ne nette Privatinsel ist nicht das Schlechteste.“ Auch der Soundtrack ist vom Feinsten. Zur Völkerwanderung beispielsweise erklingt die alte Bob-Dylan-Weise „Blowin’ in the wind“: „How many roads must a man walk down ...“.

          In den verbleibenden fünf Folgen segeln wir mit dem ZDF und Christopher Clark zu Luther, Goethe, Schiller, Bach und Beethoven, Kant und Marx, zum deutschen Wald und der Loreley, dem Brandenburger Tor und der Fußball-Weltmeisterschaft. Und immer hart am plattesten Klischee entlang. So ein netter Aus-Knopf am Fernsehgerät ist vielleicht nicht das Schlechteste.

          Die Deutschland-Saga beginnt am Sonntag, 30. November, um 19.30 Uhr im ZDF.

          Quelle: F.A.Z.

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