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Doku über Protestbewegung : Nicht alle liebten Rockmusik

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Die 68er-Bewegung nahm ihren Anfang in den Vereinigten Staaten, fand aber bald im damaligen Westdeutschland Anhänger. Die Geschichte der Protestbewegung erzählt der Film mithilfe von Zeitzeugen nach. Bild: Radio Bremen - privat

Ho-, ho-, hoffnungslos banal: Die ARD-Dokumentation zum Aufstand von 1968 bemüht sich, kommt aber über Folklore nicht hinaus.

          Ist das nun eine ganz subtile Rache? Ließe sich der kritisch-theoretisch bis an die Zähne bewaffneten, jederzeit aus dem Stand ganze Merve-Bände herunterbeten könnenden Achtundsechziger-Clique, deren bis heute durch Diskurshegemonen wie Wolfgang Kraushaar oder Claus Leggewie vorgenommene Selbststilisierung als intellektueller Einlauf in die Gedärme der verstockten Republik durchaus ebenso nerven kann wie ihre Verteufelung durch nachgeborene Konterrevolutionäre, ließe sich also dieser so wirkmächtigen Aufrührer-Generation ein größerer Tort antun als eine sämtliche virulente Fragen burschikos ignorierende Dokumentation zusammenzuschustern, welche für den Umbruch von 1968 nichts als leere Klischeesätze übrig hat?

          Die vollmundig als „Deutschland ’68“ annoncierte, dann aber unbeholfen von Schlagwort zu Schlagwort hoppelnde Beschäftigung mit der gesellschaftspolitisch wohl wichtigsten Phase der jüngeren deutschen Vergangenheit ist von einer solchen analytischen Schlaffheit und einfallslosen Archivbild-Ödnis, dass man es nur schwer mit dem Bildungsauftrag der ARD in Einklang zu bringen vermag. Es geht nämlich tatsächlich nicht viel tiefer als bis zu der angeblich in Vergessenheit geratenen und daher hier immer wieder als bahnbrechende Entdeckung verkauften These, dass im Jahre 1968 „Gegensätze aufeinanderprallten“: Heintje für die Massen in der Provinz, in den Städten der Aufstand der Studenten.

          Oberflächliche Umsetzung grundsätzlich guter Ideen

          Die auf Factual Entertainment und Doku-Soaps spezialisierte Regisseurin Caroline Pellmann und ihr Kompagnon János Kereszti, Moderator bei Radio Bremen, interessieren sich allein für die bereits unendlich oft polierte Oberfläche der Straßenkampfjahre und geben tatsächlich solche Sätze von sich: „Die rauhe und laute Rockmusik aus England trifft diesen Nerv.“

          Was die Akteure von damals im Inneren antrieb und warum sie bald in so verschiedene Richtungen auseinanderdrifteten, dass nicht wenige Alt-Achtundsechziger ihre ehemaligen Mitstreiter heute von weit rechts kritisieren, wird nicht im Ansatz thematisiert. Dabei wäre es interessant, zu überlegen, wo sich Antiautoritäre und Identitäre heimlich berühren. Stattdessen klappert der Film mit je ein, zwei nichtssagenden Sätzen die wohlbekannten Stationen dieses realutopischen Performance-Dramas ab: schrille Mode; Teach-ins; Schah-Besuch; Schüsse auf Benno Ohnesorg; sexuelle Befreiung; Vietnam- Kriegs-Proteste; „Enteignet Springer!“- Kampagne; Dutschke-Attentat; die RAF und so fort. Die uralte Leier.

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          Den Großteil des Films nehmen Interviews mit eher zufällig ausgewählten Zeitzeugen ein, was an sich keine schlechte Idee ist. Hier aber erweist sich der Umstieg aufs Persönliche als Fehlgriff, weil die Befragten größtenteils Banalitäten von sich geben. Da ist Hein Simons, eben „Heintje“, dem zu 1968 nur einfällt, dass es in seinem Umfeld über die Protestierenden hieß: „Die müssen mal ein bisschen arbeiten gehen, dann kommen die nicht auf so dumme Ideen.“

          Da ist der Gewerkschafter aus Bochum, der fälschlich dachte, die Studenten seien auf Seiten der Arbeiter, da ist der langgediente Berliner Polizist, der daran erinnert, dass die Eskalation schon 1967 eingesetzt habe. Die CSU-Politikerin Annemarie Biechl scheint immer noch für „Zirkus“ zu halten, was damals geschah. Die Betreiberin einer alternativen Modeboutique belustigt sich ein wenig über die mit dem Holzhammer durchgesetzte Freie-Liebe-Idee, und die aus der DDR stammende Sängerin Bettina Wegner beklagt, dass die westdeutsche Studentenbewegung sich „null“ für die Hoffnungen der jungen Generation im Osten des Landes interessiert habe. Zu einem Gesamtbild fügen sich die auf ganz verschiedenen Ebenen liegenden Meinungen und Anekdoten nicht.

          Zu wenig für ein halbes Jahrhundert

          Selbst die Soziologin Barbara Köster, die als Frankfurter „Weiberrätin“ zum inneren Zirkel der APO-Bewegung gehörte und über den Prozess der Neuaushandlung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse viel zu sagen haben müsste, kommt hier nur mit wenig reflektierten Aussagen zu Wort, wie der, dass die tonangebenden Männer zwar rhetorisch brillant, aber „eher unansehnlich“ gewesen seien. Ihre Hauptbotschaft – „Ich glaube, es war eigentlich insgesamt eine Aufbruchstimmung“ – darf man zumindest unterkomplex nennen.

          Der von allen Zeitzeugen vielleicht am besten gealterte, der Yogalehrer Willem Wittstamm (natürlich im Lotussitz), überrascht immerhin mit der Stellungnahme, er habe 1968 vor allem als All-you-need-is-love-Experiment wahrgenommen. Das ist denn auch schon die Quintessenz des Films von Pellmann und Kereszti: dass diese Zeit des Wandels bis heute für jeden etwas anderes darstellt. Dass die alten Gegensätze mithin erhalten geblieben sind. Für eine Bilanz nach einem halben Jahrhundert ist das allzu dünn.

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