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Deutscher Fernsehpreis : Eine Show, in der Kinder Tiere kochen

Soviel gelacht wie an diesem Abend habe manche bei einer Preisverleihung noch nie Bild: dapd

Olaf Schubert und Oliver Welke machen aus dem Deutschen Fernsehpreis eine Satire-Show: eine noch nie gesehene Selbstironie des ZDF. Das Gedenken an den verstorbenen Dirk Bach fiel etwas knapp aus.

          Das ZDF hat ein neues Traumpaar. Und setzt auf „ausschließlich Sex“. So jedenfalls wollte Oliver Welke seine eigene Besetzung und die seines Komoderators Olaf Schubert bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises verstanden wissen. Zwei Herren mittleren Alters, die an diesem Abend nur einmal wirklich ernst werden sollten, da es nämlich darum ging, des verstorbenen Schauspielers und Komödianten Dirk Bach zu gedenken, und ansonsten Texte aufsagten, die dem Verstorbenen ob ihres satirischen Gehalts sicher gefallen hätten – das war eine gewagte, aber gute Wahl des ZDF. Schubert und Welke gestalteten die Preisverleihung über weite Strecken als rhetorische Lockerungsübung, die „heute show“ stand Pate. Warum die beiden eigentlich noch keine eigene., gemeinsame Sendung hätten, wollte der Ehrenpreisträger Frank Elstner am Ende der Gala wissen. Und damit hatte der „Wetten, dass ..?“-Erfinder wie immer recht.

          Claus Kleber und Gundula Gause an der Garderobe

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Oder hat schon einmal jemand gesehen, wie Claus Kleber und Gundula Gause an der Garderobe stehen und als vom Teleprompter ferngesteuerte Automaten Mäntel in Empfang nehmen? Theo Koll ein Tortendiagramm zum Anbeißen verteilt und der „heute“-Moderator Matthias Fornoff fluchend den Boden schrubbt? In puncto Humor ist es für die Damen und Herren vom Lerchenberg mit der karnevalistischen Pflichtübung „Mainz bleibt Mainz“ nicht getan, das bewiesen die ZDFler an diesem Abend im Coloneum zu Köln-Ossendorf.

          Da bekam eigentlich jeder sein Fett weg, so auch Markus Lanz, dem, wie Oliver Welke meinte, in einem ausgesprochen „würdevollen Prozess“ die für den kommenden Samstag erstmals anstehende Moderation von „Wetten, dass ..?“ zugefallen sei: auf der Weihnachtsfeier des ZDF, beim Wichteln. Olaf Schubert wusste derweil, welche Programme beim Publikum erfolgreich sind und am Ende vielleicht sogar Preise gewinnen: Solche mit Kindern und/oder Tieren und solche, in denen gekocht wird. Am besten also wäre eine Show, in der Kinder Tiere kochen.

          Stilles Gedenken: Mit Aufklebern erinnerten die Gäste an den verstorbenen Schauspieler Dirk Bach Bilderstrecke
          Stilles Gedenken: Mit Aufklebern erinnerten die Gäste an den verstorbenen Schauspieler Dirk Bach :

          Aufgeschrieben wirken derlei Gags wie ein später Gruß aus Kalau, vorgetragen stellt sich ein anderer Eindruck ein, was nicht wenig ist, will man eine Zweieinhalbstunden-Gala wie diese überstehen, an deren Umfang in den letzten Jahren immer wieder herumgeschraubt wurde. Alle, die Preise verdienen, zu würdigen, und das dann auch noch in eine Form zu bringen, bei der die Gäste im Saal und die Zuschauer vorm Bildschirm nicht die Flucht ergreifen, ist keine kleine Kunst.

          Die Jury des Deutschen Fernsehpreises, den die Sender ARD, RTL, Sat.1 und ZDF gestiftet haben, hatte es dabei mit einem durchschnittlichen Fernsehjahr zu tun. Ihre Auswahl ist nachvollziehbar und abgewogen, doch ohne den großen Wow-Effekt. Die für die besten schauspielerischen Leistungen Nominierten hätte man allesamt auszeichnen können. Das gilt für die Schauspielerinnen Silke Bodenbender („Das unsichtbare Mädchen“, ZDF) Sibylle Canonica („Tatort: Borowski und die Frau am Fenster“, ARD), Anja Kling („Hannah Mangold & Lucy Palm“, Sat.1) und Ulrike C. Tscharre („Lösegeld“, ARD), die den Preis ebenso verdient hätten wie Barbara Auer und Ina Weisse, die gemeinsam für ihr Spiel in der ZDF-Film „Das Ende einer Nacht“ geehrt wurden. Nicht anders war es bei den Schauspielern mit Matthias Brandt („Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun“, ARD), Bjarne Mädel („Der Tatortreiniger“, ARD), Misel Maticevic („Lösegeld“, ARD) und Ulrich Noethen („Das unsichtbare Mädchen“, ZDF). Der Preis ging an Wotan Wilke Möhring in „Der letzte schöne Tag“. Als bester Fernsehfilm galt dann ebenfalls „Das Ende einer Nacht“ mit Barbara Auer und Ina Weisse – für das ZDF, das die Preisgala in diesem Jahr ausrichtete, war es also in mehrfacher Hinsicht ein gelungener Abend, ein Heimspiel der Mainzer in Köln.

          Selten so gelacht

          Über den Preis für „Der Mann mit dem Fagott“ (ARD), zeigten sich der darin porträtierte Udo Jürgens und der Schauspieler David Rott, der den Schlagersänger im Film spielt, gleichermaßen berührt. Das Stück wurde als „bester Mehrteiler“ ausgezeichnet. Als „beste Serie“ ging – endlich – „Der letzte Bulle“ mit Henning Baum und Maximilian Grill bei Sat.1 durch. Dass die „Knallerfrauen“ von Sat.1 mit Martina Hill der Jury als „beste Comedy“ galten, muss man nicht unbedingt nachvollziehen können. Bei der ausgezeichneten Musikshow „The Voice of Germany“ (Pro Sieben Sat.1), der Dokumentation „Nine Eleven“ von Souad Mekhennet und Elmar Theveßen (ZDF), „Stern TV“ mit Steffen Hallaschka (der vor Jahren für den Grimme-Preis nominiert war und gegen Bernd, das Brot verlor) ist das anders. Den Publikumspreis holt sich mit knappen Vorsprung das Morgenmagazin der ARD vor demjenigen von Sat.1, die Ehrungen für „Besondere Leistungen“ gingen an zwei Altmeister und zwei jugendliche Herausforderer – an den akribischen Dokumentaristen Stephan Lamby, den Actionregisseur Hermann Joha („Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“, RTL) und an Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt.

          Soviel gelacht wie an diesem Abend habe er bei einer Preisverleihung noch nie, lobte Klaas Heufer-Umlauf, der sich mit seinem Kollegen Joko recht gemächlich auf die Bühne bequemt hatte, die Rahmenauftritte von Olaf Schubert (der schließlich noch zur Gitarre griff) und Oliver Welke. Obwohl eigentlich alle sich überschwänglich bei ihren Familien und den Liebsten bedankten, war es ein Abend der großen Rührung wiederum nicht. Nicht bei der Erinnerung an den unersetzlichen Dirk Bach und auch nicht, als Norbert Blüm als Laudator den Ehrenpreisträger, den „großen Frank“ lobte. Für die Zuschauer mag es sich trotzdem lohnen, am Donnerstag bei der Preisverleihung vorbeizuschauen, wobei - im Ersten ja der zweite Teil von „Der Turm“ nach Uwe Tellkamp läuft, den man nicht verpassen sollte. Und dieses Stück dürfte dann im nächsten Jahr beim Deutschen Fernsehpreis auftauchen.

          Der Deutsche Fernsehpreis: Preisträger 2012

          Der Deutsche Fernsehpreis wurde am 2. Oktober zum 14. Mal verliehen. Er gilt als wichtigste Auszeichnung der Branche und wird gestiftet von den Sendern ARD, ZDF, Sat.1 und RTL. Die Preisträger im Überblick:

          Bester Fernsehfilm: „Das Ende einer Nacht“ (ZDF)

          Bester Mehrteiler: „Der Mann mit dem Fagott“ (ARD)

          Beste Serie: „Der letzte Bulle“ (Sat.1)

          Bester Schauspieler: Wotan Wilke Möhring („Der letzte schöne Tag“)

          Beste Schauspielerin: Barbara Auer und Ina Weisse („Das Ende einer Nacht“)

          Beste Dokumentation: „Nine Eleven“ (ZDF)

          Beste Reportage: „ZDFzoom: Mr. Karstadt“ (ZDF)

          Beste Information: „Stern TV“ (RTL)

          Beste Sportsendung: „Für ihre Spielanalysen zur Fußball-Europameisterschaft“ (ARD) Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl

          Beste Unterhaltung Show: „The Voice of Germany“ (ProSieben/Sat.1)

          Beste Unterhaltung Doku/Dokutainment: „Cover my Song“ (Vox)

          Beste Comedy: „Knallerfrauen“ (Sat.1)

          Publikumspreis (Bestes Frühstücksfernsehen): „Moma - Das Erste am Morgen“ (ARD)

          Ehrenpreis der Stifter fürs Lebenswerk: Frank Elstner

           

          Fernsehpreis für Besondere Leistungen:

          Bereich Fiktion: Hermann Joha

          Bereich Information: Stephan Lamby

          Bereich Unterhaltung: Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt

           

          Förderpreis:

          Philipp Käßbohrer und Matthias Schulz, Produzenten der Sendung „Roche & Böhmermann“ (ZDF Kultur) - 15.000 Euro Prämie

          Quelle: FAZ.NET

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