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Deutscher Fernsehpreis Bitte Mutter, hau' auf die Glocke!

30.09.2007 ·  Der Deutsche Fernsehpreis scheint am Ende zu sein: Was 2007 im deutschen Fernsehen passiert ist, war am Samstag abend überhaupt nicht wichtig. Stefan Niggemeier über eine Veranstaltung, die möglicherweise die zeitloseste Preisverleihung der Welt ist.

Von Stefan Niggemeier
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Als am Samstagabend dann unter dem Titel „Abschiede 2007“ ausführlich noch Ulrich Wickerts letzte „Tagesthemen“-Sendung gewürdigt wurde, war der Deutsche Fernsehpreis endgültig aus der Zeit gefallen. Die Sendung hatte, wie das Datum im Hintergrund unübersehbar in Erinnerung rief, am 31. August 2006 stattgefunden - also fast zwei Monate vor der letztjährigen Verleihung des Deutschen Fernsehpreises.

Das passte ganz gut zu einer Veranstaltung, die möglicherweise die zeitloseste Preisverleihung der Welt ist. Es gewann erstmals „Super-Nanny“ Katharina Saalfrank, drei Jahre, nachdem sie begann, Kinder bei RTL auf die „Stille Treppe“ zu setzen. Ausgezeichnet wurde „Stromberg“ , die Pro-Sieben-Sitcom mit Christoph Maria Herbst, die seit 2005 jedes Jahr als beste Sitcom nominiert wird und offenbar einfach das Glück hatte, lange genug zu überleben, bis es praktisch keine Konkurrenz in dieser Kategorie mehr gab. Die Laudatoren beschränkten sich gerne darauf, Lehrbuch-Definitionen über das jeweilige Genre vorzulesen, es gab einen kurzen Film mit Pannen, der aus jedem Jahr hätte stammen können, und nicht einmal eine Erinnerung an die Verstorbenen des Jahres. Was 2007 im deutschen Fernsehen passiert ist, war fast vollständig abwesend bei dieser Veranstaltung, die doch genau das würdigen und feiern sollte. Und so wurde ausgerechnet Oliver Pocher zu einem Helden des Abends.

„Nächstes Jahr sitzt da ein anderer“

In einen Stand-up legte er den Finger in offene Wunden. „Informationssendungen“, sagte er, „ja, einige sind heute nicht nominiert. Schade für Sat.1.“ Es war angesichts des Elends der Sat.1-Informationsprogramme einer der wenigen großen Lacher des Abends im Saal, und Pocher setzte gleich noch einen drauf: „Da klatschen jetzt zweihundert Ex-Mitarbeiter“, sagte er, und als die Kameras dann Sat.1-Geschäftsführer Matthias Alberti zeigten, fügte er bösartig hinzu: „Nächstes Jahr sitzt da ein anderer.“

Es war ein merkwürdiger Auftritt, bei dem Pocher vor lauter Aufregung und Begeisterung nicht aufhören konnte, über seine eigenen Pointen zu glucksen. Aber es war eine Wohltat, weil da jemand stand, der sich tatsächlich mit dem Fernsehgeschehen des letzten Jahres beschäftigte - und sei es nur, um böse Witze darüber zu machen. Fast alle anderen und die gesamte Inszenierung strahlten vor allem eine grenzenlose Gleichgültigkeit aus, die man nicht einmal „Routine“ nennen möchte, weil das zu sehr nach „Können“ klingt.

„Endlich zum Ende kommen“

Konstanter Tiefpunkt des Abends war der Moderator Marco Schreyl, der sonst vor großem Publikum Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ moderiert, für deren Erfolg völlig gleichgültig ist, wer da steht und die Standardsätze von Moderationskarten abliest. Schreyl nahm der Veranstaltung das bisschen Restglamour, das sie noch hätte haben können, wie er auf die Bühne schlappte und sich Mühe gab, nichts zu tun, an das man sich am nächsten Tag erinnern könnte, außer Fremdschäm-Momente in Reihe zu produzieren, wenn wieder einmal eine Pointe versagte und er das Publikum aufforderte, trotzdem zu applaudieren.

Spätestens als Pocher auf der Bühne sagte, er hätte hier lieber den Oliver Geißen gesehen, und das kein harmloses Gefrotzel, sondern offenkundig der Gedanke vieler war, hatte Schreyl die Sympathien der Zuschauer im Saal verloren - von denen sich einige ohnehin Bücher mitgebracht hatten, um darin zu lesen. Schon bald gelang es der Kamera nicht mehr, Gesichter im Publikum einzufangen, die nicht bestenfalls gelangweilt aussahen, wenn nicht ernsthaft genervt, und Götz George, der als letzter ausgezeichnet wurde, für sein Lebenswerk, schien allen aus dem Herzen zu sprechen, als er sagte, man müsse endlich zum Ende kommen, er habe einen solchen Hunger.

Lieblos und dilettantisch produzierte Show

Aber der Fernsehpreis hat größere Probleme als die lieblos und dilettantisch produzierte Show, in der er verliehen wird. Die langjährigen Jurymitglieder Klaudia Wick und Thomas Schadt sind längst zu PR-Sprechern für den Preis und das deutsche Fernsehen mutiert und bejubeln Qualität und Innovationen selbst im dahinsiechenden Genre der deutschen Sitcom. Peter Kloeppel, dessen „RTL aktuell“ sich gegen „Tagesthemen“ und „heute journal“ als beste Informationssendung durchsetzte, brachte die Beliebigkeit des Preises unfreiwillig auf den Punkt: „Wir wissen, die anderen beiden oder die anderen vier hätten genauso gut hier oben stehen können wie wir“, sagte er. In der Tat.

Wer da warum einen Preis bekam, schien weitgehend beliebig und bestenfalls rätselhaft. Im Fall von „RTL aktuell“ bleibt wenigstens der Generalverdacht, dass die Jury den veranstaltenden Sender nicht mit nur einem einzigen Preis abspeisen wollte. Auch der mysteriöse „Sonderpreis“ für Michael Schumacher wirkte wie ein Formel-1-Werbepreis für RTL. Niki Lauda begründete ihn in einer sensationell kryptischen Rede mit dem Talent guter Rennfahrer, eine kurze Leitung zu haben: „Die deutsche Gründlichkeit und seine Leistung hat es zustande gebracht, dass viele Deutsche sich mit ihm personifiziert haben und alle versucht haben, die lange Leitung zu verkürzen, dass sie mit ihrem eigenen Leben schneller und besser zurecht kommen.“

Die Jury versuchte, unberechenbar zu sein

Das vergangene Fernsehjahr scheint keine herausragenden Höhepunkte gehabt zu haben; es gab keinen Abräumer, was natürlich auch daran liegen kann, dass die Jury versuchte, unberechenbar zu sein, und doch alle irgendwie glücklich zu machen. Als besten Film zeichnete sie Alain Gsponers Debüt „Rose“ aus, als besten Regisseur aber Lars Kraume für seinen Film „Guten Morgen, Herr Grothe“, den Beate Langmaak geschrieben hat, die aber nicht den Drehbuchpreis bekommen hat, sondern Ralf Husmann, Autor der Comedy „Dr. Psycho“, die aber nicht beste Serie wurde, sondern das für ZDF-Freitagskrimi-Verhältnisse revolutionäre Format „KDD - Kriminaldauerdienst“, dessen Autor Orkun Ertener aber leer ausging, was den „KDD“-Schauspieler Manfred Zapatka bei aller Begeisterung sichtlich erzürnte.

„Mein Kopf ist ganz blutleer“

Ein guter Abend war es jedenfalls für den Sender Pro Sieben, der gleich vier Preise gewann, und am Ende reichte es sogar für Sat.1 zu einem halben Fernsehpreis in der Kategorie „beste Ausstattung“ für „R.I.S. - Die Sprache der Toten“ - in der Fernsehübertragung reichte die Zeit aber nicht einmal, die Sendungen zu nennen, für die die Preisträger in den vier Kategorien Schnitt, Kamera, Ausstattung und Musik ausgezeichnet wurden - ein Trauerspiel, wenn Kurt Krömer gefühlte Stunden lang aus seinem „Tagebuch“ vorlesen darf, bevor er den Preis für die beste Dokumentation vergibt („Im Schatten der Blutrache“ von Jana Matthes und Andrea Schramm; beste Reportage: „Der Gotteskrieger und seine Frau“ von Gert Monheim).

Erstaunlicherweise waren es die Dankesreden der Preisträger, die für die wenigen Lichtblicke sorgten: Matthias Koeberlin, der als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde, bedankte sich bei seiner Agentin, „weil sie mich drum gebeten hat“; die „beste Schauspielerin“ Maria Furtwängler sagte: „Mein Kopf ist ganz blutleer. Ich hatte mich so irrsinnig darauf konzentriert, was für ein Gesicht ich mache, wenn ich ihn nicht kriege, dass ich jetzt gar nicht mehr weiß, was ich sagen wollte“, und Franz Dinda, der für seine Rolle als junger Drogensüchtiger in „Blackout“ mit einem der beiden Nachwuchspreise überrascht wurde, hielt ein spontanes Plädoyer für die Filme, die praktisch ohne Geld von Hochschulen gedreht wurden, und dankte schließlich seiner Mutter mit den Worten: „Letztes Mal hat sie die Glocken geläutet, als ich den New Faces Award gewonnen habe - bitte, Mutter, hau die Glocken an!“

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa
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