03.10.2011 · Für sein Lebenswerk wurde Joachim Fuchsberger gekürt, die Preise in den Königsdiziplinen gingen an die Schauspieler Nina Kunzendorf und Jörg Hartmann. Der Abend gelang.
Von Michael HanfeldFrank Elstner hatte ein Problem. Wie sollte er in nur drei Minuten die Lebensleistung eines guten Freundes würdigen, der dafür an diesem Abend den Ehrenpreis der Stifter des Deutschen Fernsehpreises erhielt? Notgedrungen entschied sich Elstner für einen Schnelldurchlauf, in dem er nur Stichpunkte nannte zur beruflichen Vita des Wandlungsfähigen, der in der ersten Reihe auch nach mehr als drei Stunden gefasst seiner Ehrung harrte: Joachim Fuchsberger hat mehr als eine Karriere hingelegt, er ist Schauspieler, Unterhalter, Moderator und Autor.
Was er erreicht hat, kann man allein daran erkennen, dass sein Frühwerk heute zu freundlich gemeinter Ironie taugt - zu überprüfen an der Edgar-Wallace-Persiflage, die in den letzten Jahren in zwei Teilen im Kino lief.
Der Geehrte, von Ovationen auf die Bühne begleitet, hat sich in einem Buch schonungslos mit den Mühen des Alters beschäftigt, wovon Elstner an diesem Abend aber nicht sprechen wollte. Fuchsberger blieb die Bescheidenheit selbst, dankte und formulierte nur „einen ganz persönlichen Herzenswunsch, der heißt: auf Wiedersehen“.
In diesem emotionalen Augenblick und in einem weiteren - als der ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert ausgezeichnet wurde - war die Branche ganz bei sich. Sie konnte zeigen, welche Persönlichkeiten das Fernsehen hervorzubringen vermag und wie diese das Medium prägen. Unbedingte Authentizität, nicht nachlassende Ausdauer und Zugewandtheit zeichnen Menschen wie Fuchsberger und Seelmann-Eggebert aus. Ihretwegen schalten die Zuschauer ein, klatscht der ganze Saal, und wir erleben an diesem Abend, für einen Augenblick, tatsächlich die „Fernseh-Ökumene“, wie der RTL-Moderator Marco Schreyl den Deutschen Fernsehpreis beschrieb.
Den Rest der Gala als glanzlos zu bezeichnen wäre noch wohlwollend formuliert. Nazan Eckes und Marco Schreyl führten so uninspiriert durch die Show, als durchblätterten sie lustlos einen Warenhauskatalog und machten Häkchen hinter dem jeweils nächsten, zu bestellenden Artikel. Es war dem Kabarettisten Dieter Nuhr vorbehalten, mit einer geistreichen Laudatio Akzente zu setzen. Den Moderatoren der RTL-Dschungelshow, Sonja Zietlow und Dirk Bach, die tatsächlich in der Kategorie „Beste Unterhaltung Show“ nominiert worden waren, bescheinigte er „Mitgefühl“ mit den D-Promis, die sich dem Insektenfraß hingeben, gepaart „mit unbedingtem Vernichtungswillen“. Von der Internationalen Funkausstellung hatte Nuhr die Hoffnung auf neue, intelligente Fernsehapparate mitgebracht, solche nämlich, die selbsttätig um- oder aussschalten, wenn das Programm jedes Niveau vermissen lässt.
Dass der „Eurovision Song Contest“ gewann, war nur zu verdient. Dass allein die ARD (beziehungswiese der NDR) sich mit dem Preis schmückt, verstellt aber das Bild, schließlich hat sich NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber mit gutem Instinkt der besten Beigaben von Sat.1 (Anke Engelke) und Pro Sieben (Stefan Raab) versichert - insofern ist dies der fernsehökumenische Deutsche Fernsehpreis des Jahrgangs 2011.
Anke Engelke bekam für ihre Comedy „Ladykracher“ (Beste Comedy) gleich einen weiteren Preis, Stefan Raab nahm noch den Publikumspreis als „Bester Entertainer“ mit und konnte hier sogar Günther Jauch ausstechen. Jetzt müsse er sich wohl, wie er sagte, Gedanken machen, weil es mit seinem Markenzeichen - zu polarisieren - vorbei sein könnte.
In den sogenannten Königsdisziplinen hat die Jury nichts falsch gemacht: Nina Kunzendorf wurde als „Beste Schauspielerin“ ausgezeichnet für ihre Rolle in dem Film „In aller Stille“ (BR); ihr Kollege Jörg Hartmann für seinen Stasioffizier Falk Kupfer Rolle in der Serie „Weissensee“ (MDR) - die auch als „Beste Serie“ geehrt wurde.
Zum „Besten Mehrteiler“ wurde „Hindenburg“ (RTL) bestimmt. Als „Bester Fernsehfilm“ galt der Jury mit „Homevideo“ (NDR/BR/Arte) ein Stück, das herausragend und unerträglich bedrückend das Thema Mobbing im Internet aufnimmt. Der junge Hauptdarsteller Jonas Nay erhielt den mit 15 000 Euro dotierten Förderpreis. Ranga Yogeshwar (ARD/WDR) bekam für seine unaufgeregt sachlichen Erklärungen zur Atomkatastrophe in Fukushima den Preis in der Kategorie „Beste Information“.
Als „Beste Dokumentation“ galt der Film „Wärst Du lieber tot?“ (ZDF), in dem Christina Seeland Schwerstbehinderten diese ungeheuerliche Frage stellt; der Film „Adel vernichtet - Der bemerkenswerte Niedergang des Bankhauses Oppenheim“ (WDR) von Ingolf Gritschneder und Georg Wellmann wurde als „Beste Reportage“ prämiert.
Ob man die Kategorie „Beste Unterhaltung Doku“ wirklich braucht, bleibt fraglich. Es gewann jedenfalls die Reihe „Stellungswechsel“ (Kabel 1), in der Menschen aus Deutschland ihren Job mit Kollegen in aller Welt tauschen, was selbstredend mit einigen kulturellen Schocks verbunden war. Der von RTL zelebrierte Boxkampf zwischen Wladimir Klitschko und David Haye schließlich siegte in der Kategorie „Beste Sportsendung“ nach Punkten.
Für die ARD war es ein gelungener Abend (den nur Oliver Pocher als Laudator mit ein paar frechen Bemerkungen unterbrach), zumal die Jury neben Rolf Seelmann-Eggebert auch noch das Literaturmagazin „Druckfrisch“ von Dennis Scheck mit einem Sonderpreis bedachte sowie die drei Regisseure des vom Publikum verschmähten Experiments „Dreileben“: Dominik Graf, Christoph Hochhäusler und Christian Petzold. Machte summa summarum elf Preise für die ARD, zwei für RTL, jeweils einen für Kabel 1, Pro Sieben, Sat.1 und das ZDF.
Mit ihren Sonderpreisen geriert sich die Jury ein wenig wie die Kollegen bei Grimme, macht aber zugleich das Beste daraus, da sie Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren, Cutter und Ausstatter nach dem Willen der Stifter - also der Sender ARD, RTL, Sat.1 und ZDF - nicht mehr einzeln auszeichnen kann. Das derart veränderte Reglement hatte im vergangenen Jahr noch für einen Eklat gesorgt.
Im nächsten Jahr will die Deutsche Akademie für Fernsehen, der achtzehn Berufsgruppen angehören, mit einem eigenen Preis auftrumpfen - zu vergeben in einundzwanzig Kategorien! An solchen mangelt es dem Deutschen Fernsehpreis - dessen Preisträger in diesem Jahr jeden ihrer Unterstützer aufzuzählen sich mühten - im Augenblick nicht. Man hat eher den Eindruck, dass der Preis im zehnten Jahr seines Bestehens zur lästigen Pflichtaufgabe geworden ist.
Ein Adelsexperte?
Albrecht Schmidt (barbaluschmidt)
- 04.10.2011, 07:24 Uhr