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Deutscher Dokumentarfilm : Lieber mal ein Schock fürs Auge

„Man muss Spielräume schaffen für Unvorhersehbares“ - die Regisseure David Bernet, Irene Langemann und Andres Veiel während des Gesprächs. Bild: Jens Gyarmaty

Prekäre Finanzen und die Abhängigkeit vom Fernsehen – die drei deutschen Regisseure David Bernet, Irene Langemann und Andres Veiel im Gespräch über die Lage des Dokumentarfilms.

          Sie haben kürzlich zusammen mit neun anderen renommierten Kollegen anlässlich des deutschen Dokumentarfilmpreises eine Erklärung veröffentlicht. Sie fordern darin von den Fernsehsendern höhere Budgets und bessere Sendeplätze für Dokumentarfilme als die armseligen zwölf im Jahr, die die ARD bietet. Sie begründen das mit der Diskrepanz zwischen der großen gesellschaftlichen Bedeutung des Dokumentarfilms und dessen geringer Präsenz im Programm. Ist der deutsche Dokumentarfilm wirklich so wichtig und so gut?

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          David Bernet: Die Bedeutung, die wir hervorheben, zitieren wir ja nur, wir haben reagiert auf das, was Vertreter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens immer wieder sagen, der Dokumentarfilm gehöre zu ihrer Kernkompetenz, zur DNA des Systems. Wenn das so ist, wie kann es dann sein, dass wir in der Programmstruktur eine so kleine Rolle spielen, dass die Marke benutzt wird zur Selbstlegitimation, aber dann gar nicht vorkommt? Wie kann man so schöne Sätze sagen und dann gerade mal zwölf Sendeplätze zur Verfügung stellen?

          Irene Langemann: Im ZDF gibt es ja gar keine langen Formate mehr, was den kreativen künstlerischen Dokumentarfilm angeht, außer dem Kleinen Fernsehspiel, aber das ist Nachwuchsförderung. Und die Dokumentarfilme werden nur früh am Morgen oder tief in der Nacht gesendet, das drückt auch eine Geringschätzung unserer Arbeit oder des Genres aus. Warum ist das so, selbst bei Arte, wo man früher noch die großen Formate unterbringen konnte? Es wäre doch eine Kernaufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, Filme, die sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, zu zeigen.

          Andres Veiel: Unabhängig davon, dass es zum Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gehört, nimmt die Bedeutung des Dokumentarfilms zu, weil er die Chance hat, durch intensive Recherche, durch das Aufzeigen von Zusammenhängen und Ursachen ein komplexes Gefüge sichtbar zu machen, und das in einer Zeit, in der Nachrichten und Schlagzeilen einander immer schneller ablösen. Kein anderes Medium hat dieses Potential, nicht nur Phänomene zu beschreiben, sondern eine Art von Ursachenforschung und Kontextualisierung zu betreiben. Das ist sein Alleinstellungsmerkmal. Deshalb müsste man sagen, wir wollen genau dieses Genre fördern, es hat eine gesellschaftliche Notwendigkeit, es ist Sauerstoff in der Auseinandersetzung mit Wirklichkeit. Aber das geht nur durch Umverteilung der Budgets.

          Leidet nicht der Spielfilm an denselben Strukturen? Fast alle deutschen Spielfilme werden vom Fernsehen mitfinanziert und dann im Nirwana des Programms versendet.

          Veiel: Was die Sendezeit angeht, bin ich bei meinem Spielfilm „Wer wenn nicht wir“ mit der Ausstrahlung um 22.45 Uhr geradezu privilegiert behandelt worden. Prinzipiell aber ist es so, dass die Sender sich bei preisgekrönten Filmen in Presseerklärungen gerne als Finanziers bekennen, aber wenn es darum geht, den Film im Programm zu platzieren, ihn mit der Brikettzange anfassen.

          Und die Mediatheken der Sender? Da sind die Filme doch abrufbar, und viele Leute haben sich vom linearen Fernsehen längst abgewandt!

          Bernet: Man kann hier markenpolitisch argumentieren. Das Fernsehen hat quasi die Hoheit über alles, was an Filmen entsteht in Deutschland, es geht nichts ohne seine Beteiligung. Es werden jährlich insgesamt zwischen 80 und 90 Dokumentarfilme in Deutschland produziert. Und gleichzeitig findet das im Fernsehen nicht statt. Die Marke „Deutscher Kinofilm“, in die man investiert, existiert nicht im TV. Und dann kommt Netflix, macht ein paar gute Dokumentarfilme, die sie auch gut verkaufen, und übernimmt die Marke.

          Zum einen geht es Ihnen darum, wie der Dokumentarfilm in Deutschland sein Auskommen hat; zum anderen ist die Frage, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen insgesamt aussehen soll. Uns kommt das so vor, als sollte der deutsche Dokumentarfilm wieder aufgestellt sein wie in den siebziger Jahren, als ein stark mit dem Fernsehen verwobenes System. Beim Spielfilm dagegen sagen viele, die Allianz mit dem Fernsehen müsse endlich aufgebrochen werden. Müsste man heute nicht ganz anders ansetzen und sagen, das Fernsehen ist bloß ein Aspekt, unsere Projekte müssen noch in ganz andere Richtungen gehen?

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