Alle Proteste der Hamburger und die Bedenken der Belegschaft haben nichts genutzt: Die Deutsche Presse-Agentur verlegt in der ersten Jahreshälfte 2010 ihre Zentralredaktion aus der Hansestadt und die Fotoredaktion aus Frankfurt nach Berlin. Das beschloss der Aufsichtsrat der Agentur am Dienstagnachmittag. Zweihundert Redakteure sind davon betroffen. In der „Weißen Villa“ am Hamburger Mittelweg 38 wird es einsam, dort verbleibt allein der Verwaltungssitz von Deutschlands größter Nachrichtenagentur.
„Im sechzigsten Jahr ihres Bestehens sieht sich die dpa tiefgreifenden Herausforderungen gegenüber, die wir mit dieser Entscheidung werden meistern können“, sagte der Chefredakteur Wilm Herlyn. „Wir investieren in die Zukunftsfähigkeit der Agentur“, sagte Malte von Trotha, Vorsitzender der dpa-Geschäftsführung.
Stellenstreichungen nicht intendiert, aber auch nicht ausgeschlossen
„Die Veränderungen in der Medienbranche in Richtung Multimedia erfordern von dpa eine grundlegende Neuausrichtung“, sagte Herlyn weiter. „Wir leben aber auch weiter von unserer regionalen Kompetenz. Die werden wir in jedem Fall erhalten und ausbauen. Die Berichterstattung aus der Fläche wird von dieser Entscheidung profitieren“, sagte der Chefredakteur. Sein designierter Nachfolger, Wolfgang Büchner, sei seit Mitte März in das Projekt eingebunden und begrüße die Entscheidung des Aufsichtsrates.
Wie genau die neue Zentralredaktion aussehen werde und wo in Berlin sie ihren Platz finde, solle in den nächsten Monaten geklärt werden, teilt die Agentur mit. „Wir werden jetzt in die konkreten Planungen einsteigen“, sagte Herlyn. „Wir schaffen eine schlagkräftige und schlanke Einheit, in der über Medien- und Ressort-Grenzen hinweg geplant, produziert und ausgeliefert werden kann.“ „Wir sind wirtschaftlich gesund und können die mit diesem Projekt verbundenen finanziellen Belastungen bewältigen“, sagte von Trotha. Was das für die Mitarbeiter bedeuten könnte, bleibt noch im Ungefähren. Wenn man Möglichkeiten sehe, Strukturen effizienter zu gestalten, werde man dies tun, hieß es auf Nachfrage von FAZ.NET. Stellenstreichungen seien nicht intendiert, aber auch nicht ausgeschlossen.
Harter Kampf um Marktstellung
Mit dem Umzug vollzieht sich bei der dpa ein interner Umbruch. Der Chefredakteur Herlyn, der die Agentur seit 1991 führt, geht - wie es heißt - spätestens zum Jahreswechsel in Ruhestand. Sein Nachfolger ist schon im Januar berufen worden: Wolfgang Büchner, der bislang als einer von zwei Chefredakteuren bei „Spiegel Online“ wirkt. Die Produktionsabläufe in den Redaktionen stünden „grundsätzlich auf dem Prüfstand“, hatte die dpa schon im Februar mitgeteilt und sich dafür der Dienste der Softwarefirma IDS Scheer aus Saarbrücken versichert.
Die dpa muss um ihre Stellung im Markt hart kämpfen, der Umsatz lag zuletzt - im Jahr 2007 - bei 93,8 Millionen Euro, der Gewinn bei 4,4 Millionen Euro. Doch allein durch das Abwandern der WAZ-Gruppe, deren Zeitungen auf die Dienste der dpa verzichten, geht der Agentur ein sechsstelliger Betrag pro Jahr verloren, zugleich drängt die vom französischen Staat mit knapp 110 Millionen Euro pro Jahr direkt subventionierte Agence France Presse auf den deutschen Markt. Der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust hatte zuletzt vor den finanziellen Risiken eines Umzugs gewarnt und gesagt, dass er alles dafür tun wolle, die Deutsche Presse-Agentur in Hamburg zu halten. Subventionen schloss er allerdings aus.