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Veröffentlicht: 19.12.2012, 20:22 Uhr

Deutsche Fernsehkrimis Krümelmonster beim Leichenschmaus

Der Schrott des Gemetzels verstopft die Kanäle. Es gilt, den Leichenzug zu stoppen. Das Maß an beiläufiger Blutgier und biederem schwarzen Humor im Fernsehprogramm ist voll.

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© SWR Smalltalk in der Pathologie: Die Tatort-Kommissare aus Stuttgart fühlen sich von der Leiche nicht gestört

Eine Werbeanzeige des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Blick von oben in ein Treppenhaus, an dessen Grund ein zerschmetterter Mensch in einer Blutlache liegt. Dazu der Spruch: „Uppsala. Wie konnte das passieren?“ Genau. Wie konnte es eigentlich passieren, dass die Slogans zur Anpreisung mittelmäßiger Krimis inzwischen nicht nur dämlich, sondern auch maximal zynisch sind?

Jan Wiele Folgen:

Weiterhin interessant an der Werbung: Sie erscheint beim Surfen im Internet unauffällig am Rande des Browserfensters. Das Blut in der Banderole ist der Inbegriff der Beiläufigkeit. Und sickert doch ins Unterbewusstsein, wo längst ein Blutsee, ach was, ein Blutozean von all den hingemetzelten Fernsehtoten sich gesammelt hat.

Frühstück unter Leichen

Zwei Dinge am gegenwärtigen Fernsehen können einen verrückt machen - wenn sie uns nicht vorher völlig abstumpfen lassen: der sogenannte schwarze Humor, der meistens einfach nur schlechter Humor ist, und die Beiläufigkeit einer Gewalt, die an Drastik allerdings nichts mehr ausspart.

Wenn man ungezielt das Fernsehen einschaltet, stehen die Chancen gut, dass sich im Programm gerade Forensiker über Ein- und Austrittswinkel von Projektilen unterhalten und darüber, ob diese auf ihrem Weg noch Gehirnmasse mitgenommen haben. Währenddessen essen die Forensiker ein Brötchen. Mit vollem Mund sagen sie so unbeteiligt wie möglich Sätze wie: „Du meinst, sie wurde erst in den Mund und dann ins Auge geschossen?“ Auf die heute in Fernsehfilmen sehr beliebte Feststellung von Ermittlern, ein Gewaltopfer müsse noch gelebt haben, als ihm ein Finger, der Penis oder der Kopf abgeschnitten wurde, folgt kein Ausdruck des Schreckens, sondern die Kaffeepause.

Klingeling!

Wenn man weiterschaltet, stehen die Chancen gut, dass im nächsten Programm der Blick in einen Seziersaal fällt. Die Kamera schaut einer aufgebahrten Leiche knapp von hinten über die Schulter, so dass man den mit groben Stichen zugenähten Brustkorb sehen kann, oft noch grün und blau schillernde Hämatome oder grässliche Wunden. Die Gerichtsmedizin ist seit einiger Zeit der beliebteste Ort des deutschen Fernsehens. Alle Szenen in Klassenzimmern, Supermärkten und Ehebetten zusammengezählt ergäben mit Sicherheit keine so große Zahl wie die der Pathologieseminare. Nirgendwo lässt sich besser flirten oder über Autos reden als im Angesicht einer verstümmelten oder verbrannten Frauenleiche - vornehmlich sonntags, denn das ist der Deutschen heiligster Krimitag.

Dabei kennt der Wahn, versehrte Menschenkörper zu zeigen, keine Grenzen mehr: Jüngst war zu sehen, wie ein Pathologe in seiner Hand ein frisch entnommenes, weißes und wabbeliges Gehirn hielt, während er die kläglich gescheiterte Aktualisierung eines Hamlet-Monologs hersagte. Dem deutschen Fernsehen ist nichts zu blöd. Apropos „Uppsala“: Das Fernsehen arbeitet hart daran, dass künftige Generationen bei bloßer Nennung des Begriffs „Schweden“ wie Pawlowsche Hunde beim Glockenton an zerstückelte Leichen denken - und bei jeder Darstellung eines einsamen Holzhauses an Schweden: Klingeling!

New York Times Cartoons © New YorkTimes Cartoons/laif Vergrößern „Ich wäre schon zufrieden mit einem Leben ohne Angst vor sinnloser und irrationaler Gewalt“: Diesen frommen Wunsch kann Santa Claus wohl ebensowenig erfüllen wie deutsche Fernsehchefs, ob nun an Weihnachten oder im Alltag

Der schwarze Humor hat in vielen Fernsehfällen eine sehr gestrig wirkende Miss-Marple-Haftigkeit - der kleine Mord zur Teestunde, nein, wie amüsant! Noch beim biedersten Drehbuch dieser Manier wird allerdings die „Leiche zum Dessert“ heute tatsächlich aufgetischt, so widerlich wie möglich. Auch das schnuckligste englische Kleinstadtidyll ist nicht mehr ohne Metzeltatort zu denken, der gleich hinter dem Pub, im Blumenladen oder am besten natürlich in der Kirche liegt. Aus der grotesken Idee, den Krimi mit Unterhaltung zu paaren, ist eine Missgeburt von Genre hervorgegangen, die heute fast alles dominiert. Deswegen freut man sich geradezu, wenn Drastik wenigstens gelegentlich mit Drama verknüpft wird und nicht nur als Gimmick auf der Leichenschnitzeljagd dient.

Natürlich ist man in Amerika drei Schritte voraus. In den jüngeren amerikanischen Krimiserien geht es längst nicht mehr um Grenzen der Drastik (es gibt keine zu überschreitenden mehr); vielmehr testet man die letzten Grenzen des Zynismus oder reizt angesichts einer als ohnehin verdorbenen angesehenen Welt den Gedanken der Selbstjustiz aus - so etwa in der Serie „Dexter“: Das ist ein beziehungsgestörter Kriminalist, der im Geheimen den Verbrechern ihre schlimmen Taten dreifach heimzahlt. Die Identifikationsfigur bewundert es beispielsweise, wenn jemand einen Menschen derart ermorden, zerlegen und entsorgen kann, dass keinerlei Blutspuren zu finden sind. Dexters kategorischer Imperativ lautet: Töte ausgiebig und fies, aber töte stets so, dass es Dir keiner nachweisen kann. An solchen Beispielen kann man sehen, wohin die Reise geht.

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Aber kann man den Zug vielleicht noch aufhalten? Einmal muss Schluss sein mit dem Schrott des Gemetzels: Ich will keine Leiche mehr zum Dessert. Ich will keine Kugelaustrittswinkelgespräche mehr hören und keine Brötchenpathologieszenen mehr sehen. Ich will keine Blutbanderolen mehr, die durch mein Unterbewusstsein spuken. Ich will nicht, dass das Gemetzel für mich genauso normal wird wie der Kaffee am Morgen. Ich gründe hiermit den Club gegen beiläufige Fernsehdrastik und schwarzen Humor. Wenn Sie auch in diesen Club eintreten wollen, müssen Sie nicht viel tun.

Mitglied wird man durch jede Geste der Verweigerung, Premium-Mitglied durch Benutzung des Peter-Lustig-Gedächtnisknopfs der Fernbedienung (“Abschalten!“) am Sonntag oder an hohen Feiertagen. Die Clubmitgliedschaft kostet keine Gebühren - während sich die Gebühren für beiläufige Fernsehdrastik und schlechten Humor leider nicht abschaffen lassen. Von Januar an heißen sie „Rundfunkbeitrag“, sie belaufen sich nach wie vor auf 17,98 Euro im Monat. Vorher kommt aber erst noch die festliche Zeit. Sie wissen doch, welche? Genau: Die, in der es zur Anpreisung des besten Feiertagsprogramms wieder heißt: „Blutige Weihnachten!“

Quelle: F.A.Z.

 

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