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Deutsch-britische Fernsehkrimifolge : Platzhirschtreffen auf der großen Lichtung

Mit ihrer Entführung in London geht es los: Anna Maria Mühe spielt die Patentochter des „Soko”-Kommissars Trautzschke Bild: Talkback Thames / Ufa / ZDF

In Großbritannien ist die Serie „The Bill“ ein Hit, die „SoKo Leipzig“ kann sich hierzulande sehen lassen. Jetzt drehen sie gemeinsam, es ist der Feldversuch für eine Krimiserie jenseits der Landesgrenzen. Ein Besuch bei den Dreharbeiten in London.

          Auf dem Picadilly Circus ist die Hölle los. Das heißt, es tut sich auch nicht mehr als sonst auf dem Londoner Hauptverkehrsplatz. Auf den ersten Blick zumindest. Auf den zweiten entdeckt man zwei Kamerateams inmitten des Touristengetümmels. Und zwei Männer, die ein um das andere Mal über die Straße stürmen. „And now? And now?“, brüllt der eine. Was nun? Der andere hat keine Antwort. Schnitt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die beiden, die sich hier abhetzen, sind Schauspieler. Den einen kennt in Großbritannien jedes Kind. Seit sechzehn Jahren spielt Simon Rouse den Detective Chief Inspector Jack Meadows in der Fernsehserie „The Bill“, die bei dem privaten Sender ITV seit fünfundzwanzig Jahren im Programm ist. Sechsundneunzig Folgen laufen pro Jahr, zwei von jeweils einer Stunde Länge pro Woche. Mit diesem Marathon ist „The Bill“ auf der Insel ungeschlagen. Kein Wunder, dass Rouse, einmal innehaltend, den Passanten doch auffällt. Den Mann mit dem schwarzen Trenchcoat hingegen kennt hier keiner. Beim nächsten Dreh wird das umgekehrt sein. Denn der findet in Leipzig statt, und da kommt Andreas Schmidt-Schaller, der seit acht Jahren im ZDF, produziert von der Ufa, den Chef der „SoKo Leipzig“ spielt, nicht unerkannt über die Straße.

          Platzhirschtreffen auf der großen Lichtung

          Dass Rouse und Schmidt-Schaller gemeinsam spielen, ist einigermaßen sensationell und verdankt sich einer Idee der Produzenten Jonathan Young und Jörg Winger. Vor rund einem Jahr schmiedeten die beiden den Plan, ihre Erfolgskommissare für eine Doppelfolge zusammenzuspannen, nach dem Motto: „The Bill“ meets „SoKo Leipzig“. Die Entführung einer jungen Deutschen in London liefert den Handlungsrahmen. Charlotte Fischer, gespielt von Anna Maria Mühe, ist die Patentochter von Schmidt-Schallers Kommissar Hajo Trautzschke. Nach einem Anruf nimmt der den nächsten Flieger und ist noch vor den Londoner Kollegen am Tatort. Was, gelinde gesagt, für Unstimmigkeiten sorgt.

          Trautzschke (Andreas Schmidt-Schaller) steigt in den nächsten Flieger. Die Londoner Kollegen sind nicht begeistert

          Wie das mit der Abstimmung klappe, das war auch die große Frage für die Drehteams und die Schauspieler - schließlich tritt jeder auf der Bühne des jeweils anderen auf. Platzhirschtreffen auf der großen Lichtung. Doch etwaige Berührungsängste und Reserven verflüchtigten sich im Nu, insbesondere bei den Hauptdarstellern. Mit Simon Rouse und Andreas Schmidt-Schaller haben sich wirklich die Richtigen gefunden. Auf die Frage, wie das so läuft zwischen London und Leipzig, antworten sie mit dem fast identischen Wortlaut. „Wir sind wie zwei kleine Jungs“, sagt Rouse. Und also treten sie auf wie zwei - allerdings ziemlich große - Jungs, die erkennbar Spaß an ihrem Spiel haben und sich augenzwinkernd fragen: „Was machen wir eigentlich hier?“

          Das wechselseitige Gastspiel ist nur ein Probelauf

          Sie machen einen Probelauf. Denn ihre Produzenten, Jonathan Young von Talkback Thames und Jörg Winger von der Ufa, wollen es bei dem wechselseitigen Gastspiel ihrer Erfolgsmannschaften nicht belassen. Sie sitzen an einem Konzept für eine europäische, zunächst deutsch-britische Krimiserie, die in Berlin spielen soll. Das Verbrechen ist eine internationale Angelegenheit, seine Bekämpfung ist es auch, nur das Fernsehen macht an nationalen Grenzen halt und importiert fleißig Serien aus den Vereinigten Staaten.

          Bislang gab es nur einen gemeinsamen europäischen Versuch, dem etwas entgegenzusetzen. Das waren die „Eurocops“, deren Teams nach nationaler Quote besetzt und deren Geschichten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner abgeschliffen waren. Als „Europudding“ zum An-die-Wand-Nageln ist das Projekt in die Annalen eingegangen. Das soll mit „The Hub“, so der schwer übersetzbare Arbeitstitel - „Der Knotenpunkt“? - der deutsch-britischen Serie, nicht passieren. „Wir fühlen uns ein bisschen als Pioniere“, sagt der Produzent Jörg Winger. Einen Sender für die geplante Serie, deren Script Ende Juli vorliegen soll, gibt es noch nicht. Damit beim ZDF zu landen, wie mit der „SoKo“, würde Winger sich gerne vorstellen können.

          „Oh, my God“ hat er gedacht - dabei kann er gar kein Englisch

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