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Désirée Nosbusch im Gespräch : Komm nicht weinen!

Désirée Nosbusch: „Ich habe immer gehofft, dass irgendwann jemand kommt, der sagt: Ich hätte Lust, dich neu zu sehen.“ Bild: Andreas Pein

Vor acht Jahren hatte Désirée Nosbusch ihren letzten Auftritt im deutschen Fernsehen. Jetzt ist sie als kühle Bankenchefin in der Fernsehserie „Bad Banks“ zu sehen. Ein Gespräch über starke Frauen und schreiende Männer.

          Eine Serie über die Machenschaften einer Großbank: Das klingt nicht unbedingt nach dem Stoff, mit dem das deutsche Fernsehen endlich beweisen könnte, dass es radikal und originell sein kann; eher nach dem üblichen Verfahren, dramaturgische Langeweile mit gesellschaftspolitischer Brisanz aufzuladen. Dass die sechsteilige Miniserie „Bad Banks“, die Regisseur Christian Schwochow gemeinsam mit den Autoren Oliver Kienle, Jana Burbach und Jan Galli entwickelt hat, so cool, modern und unpädagogisch ist, liegt daran, dass die Finanzwelt nur die Bühne ist, auf der die Serie von den Abgründen der modernen Welt erzählt, von Macht und Sucht, von Männern und Frauen – mit Tempo, Dichte, dem Mut zur Überforderung. Und zur überraschenden Besetzung: Neben der großartigen Paula Beer glänzt auch Désirée Nosbusch, der die Rolle als kühle Bankenchefin endlich die Gelegenheit gab, sich von ihrem Teenie-Image zu befreien.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Frau Nosbusch, Ihren letzten Auftritt im deutschen Fernsehen hatten Sie vor acht Jahren in einem „Tatort“. Woran liegt es, dass Sie seitdem nicht mehr zu sehen waren?

          Das frage ich mich auch. Ich glaube, das hat zum einem damit zu tun, dass ich sechsundzwanzig Jahre in Amerika gelebt habe. Zum anderen war ich vermutlich in den Köpfen der Macher immer zu sehr Désirée mit dem Pferdeschwanz, die Moderatorin. Ich habe immer gehofft, dass irgendwann mal jemand kommt, der sagt: Ich hätte Lust, dich neu zu sehen. Das war jetzt Christian Schwochow.

          Die skrupellose Bankerin Christelle Leblanc in „Bad Banks“ ist die maximale Antithese zu Ihrem Image.

          Bei der Premiere hatte ich Freudentränen. Ich sehe mir meine eigenen Sachen nicht gern an. Aber nach zehn Minuten hatte ich vergessen, dass ich das bin. Ich war in der Geschichte drin und habe dieser Frau Leblanc zugeguckt. Ich hoffe, dass es den Zuschauern auch so geht.

          Wenn Zuschauer aus einer bestimmten Generation Ihren Namen hören, denken sie auch heute an Achtziger-Jahre-Shows wie die „Music Box“ oder an den Grand Prix Eurovision de la Chanson 1984. Stört Sie das?

          Das hat natürlich zwei Seiten. Ich bin nicht undankbar dafür. Ich wundere mich manchmal selbst, dass ich noch den Namen habe, den ich habe. Aber es war eben oft auch ein Hindernis.

          Obwohl Sie schon sehr früh versucht haben, gegen Ihr Mädchen-Image anzukämpfen, mit Rollen in außergewöhnlichen Filmen, zum Beispiel 1982 im Horrorfilm „Der Fan“.

          Ich habe schon rebelliert, aber ohne Strategie. Ich erinnere mich an ein Foto-Shooting für ein Cover der „Bild & Funk“, zu Ostern. Man hatte mich zurechtgemacht mit einem rotgepunkteten Schleifchen auf dem Kopf. Ich hatte ein Osterlämmchen im Arm. Ich weiß noch ganz genau, wie ich da stand und dachte: „Du musst jetzt etwas tun. Das bist du nicht.“ Aus dieser Rebellion heraus kam dann eine Phase, da war ich fünfzehn, sechzehn, da galt ich überall als frech, vorlaut, altklug – das waren die drei Worte, die mich immer wahnsinnig verletzt haben. Da wollte ich, dass mich die Leute wieder mögen. Mit dem Grand Prix war ich dann rehabilitiert: „Das Kind ist zurück, schaut nett aus, kann fünf Sprachen und die Showtreppe runterlaufen, ohne zu stolpern“, hieß es.

          Sind Sie auch deshalb nach Amerika gegangen, um Ihrem Image zu entkommen?

          Ich habe damals im Kino „Fame“ gesehen und dachte mir: So was brauche ich. Ich brauche wieder mehr Lebensfreude. Und Handwerk. Ich ging dann an die Schauspielschule in New York, das war genau das Richtige für mich.

          Die große Schauspielkarriere fing aber auch in Amerika nicht an.

          Vielleicht war ich auch einfach noch nicht gut genug. Vielleicht habe ich intuitiv versucht, einem Bild gerecht zu werden, oder eben dagegen anzuspielen.

          Vielleicht gab es auch die Rollen nicht. Ambivalente Figuren wollte man dem deutschen Zuschauer lange nicht zumuten. Hat es auch mit der neuen Qualität des Fernsehens zu tun, dass Sie jetzt unbekannte Seiten zeigen dürfen?

          Es hat vor allem damit zu tun, dass Christian Schwochow so arbeitet, wie er arbeitet. Christian ist ein Geschenk für jeden Schauspieler. Er fordert dich, aber immer mit Respekt und im Sinne der Sache. Es gibt ja Regisseure, die fordern dich, indem sie dich brechen wollen. Christian ist das Gegenteil. Er gibt dir immer das Gefühl, mit dir gemeinsam dorthin zu gehen, wo er dich haben möchte. Dann ist kein Weg zu weit.

          Das Gegenteil, auf das Sie anspielen, wäre der Tyrann am Set, dessen Ausfälle man lange als Schattenseite eines Genies entschuldigte. Steht jemand wie Schwochow für eine andere Generation?

          Ich denke schon, dass das eine Altersgruppe ist, die das gar nicht nötig hat. Die sind woanders. Die haben andere Visionen. Christian muss nicht schreien, der funktioniert über Respekt und Intelligenz. Natürlich gab es das auch früher, die Gebrüder Taviani zum Beispiel waren großartig, da war keiner ein Tyrann am Set. Aber es gibt eben die Garde, die eher in Therapie gehen sollte, als Filme zu machen. Ich gehöre nicht zu den Frauen, die so eine Debatte aufgreifen, um selbst wieder in der Presse aufzutauchen. Aber ich hätte sicher zur #MeToo-Debatte einiges zu erzählen. Man kann nicht Anfang der Achtziger mit fünfzehn in diesem Job angefangen und das nicht erlebt haben.

          Désirée Nosbusch als Bankenchefin Christelle Leblanc in „Bad Banks“

          Haben Sie so ein Verhalten jemals für den Preis gehalten, den man eben für einen guten Film zahlen muss?

          Nein. Ich funktioniere in kreativer Harmonie. Ich glaube an Augenhöhe, in jedem Lebensbereich. Aber natürlich habe ich das ganz oft erlebt: Schreiende Menschen, die denken, sie könnten dich durch Einschüchterung irgendwohin kriegen. Gelingt ja auch ab und zu.

          Sie haben vor ein paar Jahren eine Geschichte erzählt, die Sie bei Dreharbeiten mit Klaus Kinski erlebt haben. Damals war das vor allem im Kontext der Missbrauchsvorwürfe seiner Tochter Pola interessant, deren Buch gerade erschienen war. Heute wirken Ihre Erlebnisse wie die perfekte Illustration zur #MeToo-Debatte. Sie waren 15, haben Ihr Geld zusammengenommen und sind nach Kalifornien gefahren, um ein Fernsehinterview mit Kinski zu machen.

          Ich wollte Journalistin sein. Zeigen, dass ich das kann.

          Was passierte dann?

          Kinski hat mich für ein Vorgespräch in seine Hütte gebeten, irgendwo in den Hügeln bei San Francisco. Irgendwann hat er gesagt, er muss schnell etwas holen, und ging. Er hatte mich eingesperrt. Ich dachte, er kommt in fünf Minuten wieder. Nach zwei Stunden wurde es dunkel, dann bin ich über den Balkon abgehauen.

          Warum hat er das gemacht?

          Er wollte mich einschüchtern. Ich glaube, er hat sich stärker gefühlt, wenn er jemanden in die Ecke gedrückt hat. Ich habe ihn aber auch als verletzten Menschen erlebt. Er hatte einen Garten angelegt, in dem er Radieschen anbaute, alles bio. Das hätte man von einem Kinski nicht unbedingt erwartet, das durfte ich alles auch gar nicht filmen.

          Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?

          Das ist eine gute Frage, die würde ich heute auch stellen. Meine Tochter ist anders erzogen, die würde zur Polizei gehen. In meiner Generation war man nett zu Leuten und hielt den Mund. Wir haben alle mal den Satz zu hören bekommen: „Mach, was du willst, aber komm nicht weinen!“

          Zwei Tage später haben Sie mit Kinski gedreht, als ob nichts passiert wäre.

          Ich wollte nicht scheitern. Ich hatte mein ganzes Geld investiert. Am nächsten Tag rief er in meinem Motel an und hat sich totgelacht. Ich fand das nicht lustig. Ich wollte einfach nur hören: Machen wir jetzt das Interview oder nicht?

          Schon das Interview würde man heute sicher nicht mehr so senden: Kinski sagt Ihnen, wie rührend dumm Sie sind und legt seinen Kopf in Ihren Schoß. In einem Interview in der „Zeit“ wurden Sie schon damals gefragt, ob Kinski nicht versucht habe, Sie zu vergewaltigen oder verprügeln. Sie haben nur gesagt: „Wir haben darüber gestritten, wer wen in den Pazifik schmeißt.“ Warum haben Sie so lange nicht erzählt, was passiert war?

          Ich war nicht mutig genug. Wie viele Frauen. Das ist eben die Erziehung. Als Frau glaubt dir sowieso keiner. Und wenn es so war, dann wirst du das schon provoziert haben. Es brauchte die #MeToo-Debatte, damit wir endlich mal den Mut haben, den Mund aufzumachen.

          „Bad Banks“ wurde gedreht, bevor die #MeToo-Debatte begann. Aber es geht auch in der Serie um Frauen, die sich in einer Männerwelt behaupten wollen. War Sexismus ein Thema beim Drehen?

          Ja sehr, schon alleine weil es meine Figur unmittelbar betraf. Ich habe viel mit Christian Schwochow diskutiert, wie man diese Frau darstellen kann. Wie schafft man es, als Frau zu bestehen, ohne der bessere Kerl sein zu wollen?

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Bei Ihrer Figur geht es auch darum, Grenzen zu überschreiten. Darum, wie weit man gehen kann, um seine Karriere zu schützen. Auch Schauspieler profitieren im Zweifelsfall davon, wenn sie die Abgründe, die sie spielen sollen, schon einmal selbst erlebt haben. Sie haben mal gesagt: „Ich bin mir zu glatt. Mein Äußeres passt nicht zu meinem Innen. Ich wär’ eigentlich jemand, der ’ne Narbe haben müsste.“

          Bis ich irgendwann mit dem Gesicht durch eine Scheibe bin. Die Narben sind jetzt alle da. Man muss aufpassen, was man sich wünscht. Dustin Hoffman hat bei den Dreharbeiten zu „Marathon Man“ 72 Stunden nicht geschlafen, weil seine Figur auch für drei Tage wach geblieben ist. Laurence Olivier hat damals zu ihm gesagt: „Why don’t you try acting?“ Irgendwann lernt man: Es ist auch ein Handwerk. Du musst niemanden umbringen, um einen Mörder zu spielen. Intelligenz hilft. Das ist „sense memory“. Ich musste irgendwann am Set nur noch den Namen „Christelle Leblanc“ sagen, dann kam die entsprechende Haltung. Ich muss nicht Männer hassen und in einer Bank arbeiten.

          Wie ist es, wenn Sie in der Rolle Ihren stotternden Sohn schlagen müssen?

          Das war für mich die härteste Szene. Der Junge, der meinen Sohn spielt, stottert auch im Leben. Ich dachte erst, ich kriege das nicht hin, diesen Jungen zu schlagen. Wir wollten dann üben, wie wir es machen, ohne ihm weh zu tun. Aber er sagte, ich soll ihn doch einmal richtig schlagen, damit es ihm leichter fällt, mit dem Kopf zur Seite zu gehen. Ich fürchte, das ist auch die Aufnahme, die dann im Film landete. Aber das ist ja bei weitem nicht das Schlimmste, was die Leblanc macht. In dieser Welt der Banken ist offensichtlich für Moral überhaupt kein Platz mehr. Heute muss ich aufpassen, dass ich nicht den armen Mann am Sparkassenschalter böse anschaue.

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