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Veröffentlicht: 15.05.2017, 18:31 Uhr

TV-Thriller „Treibjagd im Dorf“ Diese Hölle hat keinen Ausgang

Opas letzte Infamie: Die ZDF-Filmreihe über ein sinistres Dorf in Österreich geht mit einem Rufmord in die dritte Runde. Man mag sich kaum vorstellen, was als nächstes kommt.

von Oliver Jungen
© ZDF und Andrea Mayer-Rinner Fünf Angehörige und ein Todesfall: Josef (Manuel Rubey, links)), Franz (Max von Thun), Irene (Franziska Weisz) und ihre Mutter Amalie (Sissy Höfferer).

Allmählich könnte man an eine Fehde glauben. Nahezu im Alleingang haben die Wiener Schauspielerin und Drehbuchautorin Konstanze Breitebner sowie Regisseur Peter Keglevic das Image der Steiermark ruiniert. Nun präsentieren sie uns schon den dritten schonungslosen Heimatfilm über ein geistig-moralisch rückständiges steirisches Dorf, in dem es mehr Abgründe als verstockte Bewohner zu geben scheint: ein Hort der archaischen, bösartigen Männerbündelei und des Abscheus vor allem Fremden, Schwachen und Modernen.

Wieder wartet die ORF/ZDF-Koproduktion mit einer beeindruckend düsteren Optik auf. Über die wie gemalt wirkende urtümliche Landschaft mit ihrem kraterhaften Steinbruch ziehen schwefelgelbe Wolken hinweg oder gehen sintflutartige Regengüsse nieder; sämtliche Räume der biederen Ortschaft sind mit spitz gehörnten Jagdtrophäen derart gespickt, dass man an das Foltergerät Eiserne Jungfrau denken muss; die Details der meisten Aufnahmen aber verlieren sich ohnehin in einer alles verschluckenden Finsternis. Es ist klar, wo wir hier sind: in der Hölle des Hieronymus Bosch. Und es ist klar, dass es allenfalls einen Eingang, aber sicher keinen Ausgang gibt.

46417844 © ZDF und Andrea Mayer-Rinner Vergrößern Hat Gesprächsbedarf: Josef (Manuel Rubey) findet bei den verschlossenen Dorfbewohnern allerdings wenig Gehör.

Eine einzige Fremde ist vor Jahren einmal hier gelandet und hat Josef (Manuel Rubey), dem musischen Sohn des hartherzigen Bauern Anton Wolf (August Schmölzer), den Kopf verdreht. Die Anfeindung der Italienerin bis zur Flucht des Paars nach Italien bildete den Inhalt der ersten, starken Episode „Die Fremde und das Dorf“ (2014). Man erfuhr zudem, dass der Patriarch Anton früher nicht nur seine Söhne Franz und Josef die Faust spüren ließ, sondern einst im Streit gar deren Mutter, seine Frau, erschlagen und im Stall vergraben hat.

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In der Folge „Ein Geheimnis im Dorf“ (2016) kehrte Anton nach extrem kurzer Haftstrafe zurück, um von Erna (Franziska Walser), der Schwiegermutter seines verwitweten Sohns Franz (Max von Thun), umgarnt zu werden. Ernas beste Freundin wiederum ist die Mutter der Bürgermeisterin Irene (Franziska Weisz), auf der das Trauma einer folgenreichen Vergewaltigung durch ihren Stiefvater lastet. Sie und Franz wurden ein Paar.

© ZDF und Andrea Mayer-Rinner, ZDF Fernsehtrailer: „Treibjagd im Dorf“

Hier setzt der neuste Teil der Reihe an, der im Gegensatz zum kolportagehaften zweiten Part sehr geradlinig komponiert ist, vielleicht sogar zu sehr. Diesmal geht es Anton an den Kragen. Bei Schießübungen trifft ihn sein Lieblingsenkel Franzi (Enzo Gaier) in den Bauch, Zeugen gibt es nicht. Anton landet auf der Intensivstation, ergibt sich aber bald seinem Schicksal. Man weiß nicht, ob es ein Versehen oder eine letzte Feindseligkeit des Horror-Opas war, via Erna den Verdacht auf Franz zu lenken, seinen als Bio-Bauer erfolgreichen, aber als „Waschlappen“ verachteten Sohn. Das bedrückt zwar dessen Filius, den eigentlichen Schützen, aber ein Bekenntnis zu seiner Schuld kommt Franzi nicht über die Lippen. Nun rast die Fama wie eine Furie durchs Dorf. Tatsächlich hat Franz, der vermeintliche Erbe, kein Alibi, und jeder scheint ihm den Vatermord zuzutrauen. Nicht einmal der zurückgekehrte Bruder Josef, der freilich nicht um den Vater trauert, bildet da eine Ausnahme.

Max von Thun spielt seinen Charakter mit leicht anschwellender Panik, aber eigentümlich ausdruckslos, obwohl ihm doch alles entgleitet, auch materiell übrigens, was an recht platt eingebauten Aktienspekulationen und einer wenig glaubwürdig aufgetauchten jungen Geliebten des Vaters liegt. Auch die Rolle der Kripo-Ermittlerin (Edita Malovcic), die es nur allzu müde mit dem verderbten Dorf aufnimmt, reißt kaum mit.

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Unfreiwillig komisch dagegen wirken die gehässigen Alten, die sich mit Bierglas oder Jagdgewehr in der Hand ständig die ihrer Meinung nach zutreffende Version des Geschehens zuzischeln. Vor allem aber ist da eine absurde Langatmigkeit, weil den ganzen Film hindurch ein Verdachtsmoment auf den nächsten getürmt wird, obwohl wir doch wissen, dass Franz’ Sohn die sich zuspitzende Situation jederzeit leicht auflösen könnte.

Das Finale ist trotz eines weiteren Schusses denn auch betont unspektakulär. Wirklich gut werden kann da längst nichts mehr, das gilt für die Atmosphäre im Dorf wie für den Film. Weit entfernt ist er von einer diskussionswerten Reflexion über das Konzept Heimat als Verstrickung in ein gruppenstabilisierendes Lügengebilde, wie sie noch die radikale Vorlage der Handlung auszeichnete, das Stück und den Film „Jagdszenen aus Niederbayern“ (1965/1969), die der Provinz freilich gleich inhärenten Faschismus unterstellten. Das steirische Höllendorf hingegen wächst sich gerade zur veritablen Intrigen-Soap aus, denn ein vierter Teil soll bereits in Planung sein.

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