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TV-Kritik : Jetzt schau doch nicht so tiefgründig

  • -Aktualisiert am

Er fährt, sie fixiert: Nora von Waldstätten und Matthias Koeberlin spielen auf unterschiedlichen Klaviaturen. Bild: ZDF und Oliver Roth

Vor der Kamera versteinert: Der ZDF-Krimi „Die Toten vom Bodensee“ ist ein totaler Reinfall. Die Kamera saugt sich am Antlitz der Hauptdarstellerin fest, als gäbe es sonst nichts zu zeigen. Gibt es auch nicht.

          Diese Tote war wohl kein stilles Wasser. In ihrer schicken Bodensee-Wohnung, deren Terrasse umstandslos in ein dekoratives Wildnisufergestrüpp übergeht, empfing sie wechselnden Herrenbesuch. Wissen die Nachbarn zu berichten. „Lebenslustig“, konstatiert Polizeikollege Komlatschek (Hary Prinz) österreichisch-charmant. Der Mörder, befindet der Pathologe, während er den Hals des Opfers einer detaillierten Prüfung unterzieht, könnte ein perverser Lüstling sein. Den Würgemalen nach zu schließen, wurde die Frau mit längeren Pausen stranguliert: bitte genau hinsehen. Womit nicht nur die Kommissare vom Bodensee, sondern auch die Zuschauer aufgefordert sind, ihre durch das Fernsehen geschulten gerichtsmedizinischen Kenntnisse zu vertiefen. Wie oft sollen wir uns so etwas noch ansehen?

          Der dritte Fall der deutsch-österreichischen ZDF-Koproduktion „Die Toten vom Bodensee“ ist Dutzendware. Sogar eher etwas unterdurchschnittlich, wenn man die Standard-Ansehnlichkeit vieler Fernsehkrimis bedenkt. Die Handlung von „Stille Wasser“ ist durchsichtig. Der Bodensee ist, nachdem die nackte Tote aus dem Fischernetz, in das sie ging, ausgewickelt ist, so gut wie verschwunden. Wenn die Kameradrohne hier und da für eine Wasserflächenansicht sorgt, wirkt das wie ein pflichtschuldiges Memento: dieser stimmungsvolle Prospekt ist auch noch da!

          Die Charaktere sind statisch

          So wenig sich der Drehbuchautor Timo Berndt und der Kameramann Jo Molitoris für den Handlungsort interessieren, so wenig scheint dem Regisseur Andreas Linke am Fall dieses Films zu liegen. Stattdessen geht es um die Gegensätzlichkeit der Kommissare Micha Oberländer und Hannah Zeiler. Während Oberländer den Emphatiker verkörpert, ist Zeiler die brillant kombinierende Autistin und Sozialpsychotikerin mit schrecklichem Familiengeheimnis. Matthias Koeberlin und Nora von Waldstätten sind für diese Rollen gewiss keine schlechte Besetzung, ihre Charaktere aber sind vollkommen statisch. Und von Waldstättens Mimik minimalistisch zu nennen wäre eine Übertreibung. Die eingefrorene Unbeweglichkeit ihres Gesichts kann einem irgendwann schon auf die Nerven gehen. Nicht jedoch der Kamera. Sie saugt sich am Antlitz der Schauspielerin förmlich fest.

          Im Wäldchen hinter der Luxuswohnung der Toten - ein Lehrerinnensalär müsste man beziehen - findet Oberländer ein verstörtes Kind. Noemi (Nara Köpfle) ist schon oft von zu Hause ausgerissen, sagen die Eltern. Mutter Melanie (Laura Tonke) wirkt seltsam unsicher, Vater Peter Rademann (Philipp Hochmair) macht auf harmlos gutaussehend. Der Onkel, Mike Schiffl (Dirk Borchardt), schraubt Tag und Nacht an alten Motorrädern herum und treibt so sein beobachtendes Unwesen. Ein komischer Typ, höchst verdächtig. Welche Schandtat sollte mit dem Mord an der Lehrerin verborgen werden? Spielt es eine Rolle, dass sie sowohl mit dem Rektor als auch mit dem Reitlehrer poussierte? Oberländer, mit den üblichen Kommissars-Eheproblemem („Du bist nie zu Hause, wenn man dich braucht“), stößt auf eine Verbindung seiner Frau Kim (Inez Bjorg David) zum Reitlehrer und will diesem gleich eine verpassen. Dem jedoch sei die traumatisierte Hannah Zeiler vor. Obwohl Bilder des Unfalls ihrer toten Eltern ihre Erinnerung verwirren, hat sie den Durchblick - das kleine Mädchen muss der Schlüssel zur Lösung sein. Der Rest ist reine Routine.

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