http://www.faz.net/-gqz-8ivip

Stefan Aust wird siebzig : Er ist dann mal Chef

Einmal Chefredakteur, zweimal Chefredakteur: Was Stefan Aust beim „Spiegel“ konnte, kann er auch bei Springer. Bild: Marcus Kaufhold

Angefangen hat er bei „Konkret“ und den „St. Pauli Nachrichten“. Er war beim NDR, Chef beim „Spiegel“, nun führt er die Redaktion von „Welt/N24“. Angeblich wird Stefan Aust heute siebzig. Ob das stimmt?

          Die Einleitung zu dem Kommentar, den der Chefredakteur und Herausgeber der „Welt/N24“-Gruppe kürzlich zum Brexit schrieb, war typisch: „Bekanntlich regnet es in England sehr viel. Deshalb tragen alle Banker, wenn sie zu ihrer Bank gehen, um windige Geschäfte zu machen, einen Regenschirm. Um den gigantischen Pfützen auszuweichen, fahren die Autos in der Regel links. Die Regenfälle in den vergangenen Jahren waren so stark, dass das gesamte Königreich inzwischen von Wasser umgeben ist.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          England ist von Wasser umschlossen und da wäre keine Brücke, die ans andere Ufer führt – aus diesem Bild entwickelt Stefan Aust seine Betrachtung, die sich dann aber geradezu lustvoll vor allem mit den Fehlern auf der anderen Seite des Kanals befasst, mit denen, die in Brüssel unter eine Käseglocke hocken und die Welt nicht mehr verstehen.

          Spielerisch leicht zum Wesentlichen

          Spielerisch leicht zum Wesentlichen zu kommen, das ist eine der Stärken von Stefan Aust. Er verfügt über einen untrüglichen journalistischen Instinkt dafür, wo sich was ereignet und erkennt, was dahinter steckt. Um das zu erklären, muss er nicht weitschweifig werden, für seinen wichtigsten Kommentar, den er auf einem Handzettel notiert hatte, brauchte er nur einen Satz, als er bei „Spiegel TV“ den Fall der Mauer einordnete: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.“ Das sagte Aust am 9. November 1989, im Fernsehen bei RTL, während man bei ARD und ZDF mit anderem beschäftigt war (im Ersten lief ein Fußballspiel), mit erkennbar spitzbübischer Freude über das historische Ereignis, zu dem seine Reporter aus Berlin berichteten.

          Seither hat der einstige Redakteur des NDR-Magazins „Panorama“ selbst eine beeindruckende Grenzgänger-Reise durch den deutschen Journalismus gemacht. Geboren am 1. Juli 1946 als Sohn eines Landwirts in Stade, begann er mit zwanzig bei „Konkret“ und den „St. Pauli-Nachrichten“, 1970 kam er zum NDR, von 1988 an führte er „Spiegel TV“, gemeinsam mit Alexander Kluge schuf er ein kleines Fernsehimperium. Von 1994 bis 2008 war er Chefredakteur des „Spiegel“, mit ihm an der Spitze hatte das Magazin noch eine Millionenauflage und selten Schwierigkeiten, die richtigen Titel zu finden und Themen zu setzen, nach Aust, den Magazingründer Rudolf Augstein berufen hatte, wurde das anders.

          Ein Redakteur bei der Arbeit: Stefan Aust in seinem Büro in Berlin.

          In seinem Schaffen beirrte Aust das Ende beim „Spiegel“ nicht, er recherchierte wie in seinen frühen Reporterjahren, befasste sich mit Links- und Rechtsterrorismus und Geheimdienstgeschichten, drehte Filme, schrieb Bücher und stieg beim Nachrichtensender N24 als Gesellschafter ein. Als der Springer-Verlag vor drei Jahren den Sender kaufte, war das eine perfekte Volte: Aust wurde Herausgeber der „Welt“. Deren Chefredakteur ist er nun seit dem 1. Januar auch noch und soll sie – als Konglomerat aus Online-Auftritt, Fernsehsender und Zeitung – zu Springers Vorzeigemarke in der digitalen Welt formen. Das Zeug und den nötigen Zug hat Aust, überraschen oder schrecken kann den Journalisten, der in den siebziger Jahren auf einer Todesliste der RAF stand, nichts. Der junge Chefredakteur wird heute siebzig.

          Weitere Themen

          Blutspur im Puppenhaus

          Schauspiel Stuttgart : Blutspur im Puppenhaus

          Kleine Ursachen, große Wirkungen und umgekehrt: Saisonauftakt am Staatstheater Stuttgart unter der neuen Intendanz von Burkhard C. Kosminski mit Wajdi Mouawads „Vögeln“ und der Groteske „Abweichungen“ von Clemens J. Setz.

          Topmeldungen

          Digitale Helfer in der Uni : Handys raus – oder alles mit rein?

          Haben Smartphones, Laptops und Tablets etwas in Vorlesungen und Meetings zu suchen? Die Professoren Miloš Vec und Jürgen Handke sind darüber diametral anderer Meinung. Die F.A.Z. hat sie an einen Tisch geholt – und es gab Streit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.