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TV-Serie „Meuchelbeck“ : Holst du die Leiche aus dem Keller oder ich?

Bild: WDR/Ziegler Film/Frank Dicks

Das WDR-Fernsehen wird fünfzig und zeigt mal „wildes“ Programm. Wie sieht das aus? Zum Beispiel wie die Serie „Meuchelbeck“. Sie erzählt schaurig und witzig unglaubliche Geschichten vom Niederrhein.

          Warum ist es am Niederrhein so schön? Markus Lindemann weiß es. Hier zu leben lohnt sich einfach, weil es „touristisch“ und „kulturell“ der Nabel der Welt ist. Allein die „Musik“! Und „endlich mal gute Luft“. Für seine sechzehnjährige Tochter Sarah, die gelangweilt aus dem Autofenster auf die triste Landschaft blickt, ist das der „Arsch der Welt“. Der liege dann aber „sehr zentral“, versucht ihr Vater zu witzeln, kann aber nicht wirklich erklären, warum es ihn nach zwanzig Jahren aus Berlin in die alte Heimat zieht, nach Meuchelbeck, das seinem Namen bald alle Ehre macht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Meuchelbeck, macht Markus später beim Dorfrundgang einer vermeintlichen Journalistin aus Holland weis, habe eine Vergangenheit wie Australien - als Kolonie von Kriminellen. Auf jeden Fall ist es ein Ort voller Geheimnisse, die hier so gut wie jeder pflegt. Kein Keller ohne Leichen, kein Garten, in dem der Salat nicht auf verscharrten Knochen wächst. Die Pension der Familie, die Markus’ Schwester Mechthild führt, heißt „Zum Höllentor“. Der Teufel habe sich im Ort angeblich sehr wohl gefühlt, sagt Markus, dem sein Humor noch vergehen wird. Meuchelbeck, das sehen wir bald, ist die Partnerstadt von „Twin Peaks“. Der Gasthof „Zum Höllentor“ könnte auch „Bates Motel“ sein.

          Jeder macht sich verdächtig

          Oder auch nicht. Denn so mancher meint es ja vielleicht auch nur gut. Dann hätte Markus (Holger Stockhaus) wirklich einen guten Grund zurückzukehren; stünde Mechthild (Dagmar Sachse) nicht im Verdacht, ihren verschwundenen Mann Albert umgebracht zu haben; würde Sarah (Janina Fautz) nicht wider Willen in den kleinen Drogengrenzverkehr gezogen; hätte Pfarrer Seifert (Luc Feit) keine Glaubenskrise; verginge die Dorfpolizistin Frauke (Anna Böger) nicht vor unerwiderter Liebe zu Markus; fühlte sich dessen alte Flamme Julia (Karin Hanczewski) nicht noch immer zu ihm hingezogen (und er zu ihr); hätte ihr Mann Oliver (Christian Hockenbrink) als örtlicher Immobilienfritze nicht einen rechtsradikalen Haufen am Hals, der in Meuchelbeck ein Vereinszentrum eröffnen will - dann würde der Tierarzt Rudi Geerkens (Hubertus Hartmann) nicht immerzu Menschen behandeln und sich so gut mit einer Ziege verstehen, viel besser als mit seiner Frau Veronika (Anuk Ens), deren Approbation als Psychologin zweifelhaft erscheint, und dann säße dem alten Lehrer Erwin (Claus Dieter Clausnitzer), der permanent durchs Dorf streunt, auch nicht seine verstorbene Frau Hilde als Puppe auf der Schulter, mit der er fortwährend schwatzt.

          Und dann würde Markus auch nicht eine Kuh über den Haufen fahren, die eine Schusswunde hat. Dann würden Mechthild und Markus nicht hunderttausend Euro finden, die in eine Wand eingemauert waren. Und die anonymen Briefe, die den handelnden Personen Fragen aufgeben, gäbe es auch nicht: „Glaubst du, die anderen wissen nicht, was du getan hast?“ oder „Wie lange willst du noch so weitermachen?“, heißt es da.

          Tochter Sarah (Janina Fautz, vorn) hält es in Meuchelbeck kaum aus.

          Mit diesem irren Panoptikum setzt der Drehbuchautor Stefan Rogall in der sechsteiligen Serie „Meuchelbeck“ der Programmoffensive, mit welcher der WDR zum fünfzigjährigen Bestehen seines Fernsehprogramms von Montag an zeigen will, wie unorthodox, frech und wild es im Angebot des größten ARD-Senders zugehen kann, ein Glanzlicht auf. Vierzehn Tage lang werde im Fernsehen alles „auf den Kopf gestellt“, rühmt sich der WDR. Aus dem Magazin „frauTV“ wird „mannTV“, Anke Engelke erscheint als „Ansagerin 2.0“, in „Die runde Ecke“ soll es um Geschichten aus dem wahren Leben gehen, und ein neues Comedy-Format namens „Die Mockridges“ gibt es auch. Der WDR sei ein „Powerhaus“, sagt der Fernsehdirektor Jörg Schönenborn.

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          Ob die Power für mehr als zwei Wochen Feierlaune reicht, werden wir sehen, spätestens wenn es mit den Reformen weitergeht, die der Intendant Tom Buhrow sämtlichen Gewerken aufgegeben hat. Im dritten Fernsehprogramm, bei den Radiokanälen, in Produktion und Verwaltung darf niemand denken, es gehe ewig weiter, wie es immer war, ist Buhrows Devise. Der Sender muss sparen, effizienter und innovativer werden. Im intern von den Gewerkschaften beherrschten, erstarrenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk und insbesondere bei der ARD ist das eine Titanen-Aufgabe.

          Mehr Rätsel dieser Art?

          Die Serie „Meuchelbeck“ jedenfalls ist ein guter Anfang. Sie strotzt geradezu vor „Power“. Es ist alles drin und dran: Das Ensemble ist groß in Form, will heißen: stellt lauter schräge, aber nicht verzeichnete Typen mit staubtrockenem Humor vor. Die Pointen sitzen, das Lokalkolorit passt, und die Dramaturgie (Regie Erik Haffner und Klaus Knoesel) sorgt für einen Cliffhanger nach dem anderen, so dass man am Ende jeder Folge unbedingt wissen will, wie es weitergeht - in Meuchelbeck.

          Läuft da was? Mechthild (Dagmar Sachse) und Pfarrer Seifert (Luc Feit).

          Nach dem Vorbild des ZDF hat der WDR die Serie vor Tagen schon komplett in seine Mediathek im Netz eingestellt, und man muss sagen: Im Fall von „Meuchelbeck“ lohnt sich das sogenannte „Binge Watching“, also alles auf einmal hintereinander zu sehen. Folge um Folge kann man sich weniger vorstellen, wie die Geschichte mit den vielen Geheimnissen aufgelöst werden soll. Solche Rätsel darf uns der WDR gerne öfter aufgeben.

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