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TV-Film „Nebelwand“ : Ein Schiff wird brennen

  • -Aktualisiert am

Steffie (Hildegard Schroedter) rettet sich aus dem brennenden Schiff. Bild: NDR/Oliver Feist/Degeto

Frauen vor Hafflandschaft: Stimmig in Ton und Stil, unterläuft der „Usedom-Krimi“ weiter das Polizeifilm-Genre. Wenn sonst Männer auf den Putz hauen, werden sie hier weggeputzt.

          Ob man als Teenager eine solche Omi wohl cool fände? Schließlich wirkt Karin Lossow (Katrin Sass) kein bisschen gebrechlich, sondern lässig und angstfrei, macht nicht einmal vor Autojagden halt, schnüffelt als ehemalige Staatsanwältin aber auch gern in fremden Angelegenheiten herum. Da kann sich Enkelin Sophie (Emma Bading) nur kurz freuen über Omas Interesse an ihrem neuen Prinzen Jäckie (Oskar Bökelmann). Der nämlich wird sogleich als jener Junge erkannt, der zehn Jahre zuvor seine Eltern bei einem Segelunfall verloren hat, in den ausgerechnet Karins Ehemann verwickelt war. Das darf man wohl verdächtig nennen. Geht es um Rache? Um uneingestandene Schuld? Sophies Großvater kann dazu freilich nichts mehr sagen, denn seine resolute Gattin hat ihn, wie wir seit der Auftaktfolge wissen, wegen Fremdgehens abgeknallt und dafür acht Jahre hinter Gittern verbracht.

          Und doch existieren eben auch wundersame Zufälle. Damit kokettiert das mit der vierten Episode gut eingespielte Drehbuch-Team Scarlett Kleint, Michael Vershinin und Alfred Roesler-Kleint ganz offen. Jäckies Auftauchen erklärt sich so zunächst einmal mit einem leicht ominösen Verein, der Segeltörns für Problem-Jugendliche anbietet und dafür die ehemalige Unfalljacht gekauft hat. Als diese eines Nachts in Flammen aufgeht und eine Frau schwer verletzt wird, nimmt sich Sophies Mutter Julia (Lisa Maria Potthoff), eine unterkühlte, aber geradlinige Kriminalhauptkommissarin, des Falls an, wird jedoch von Vollgas-Karin immer wieder überholt oder ausgebremst. So ist das mit Müttern und Töchtern. Eine verzweifelte, aggressive Jugendliche (Lena Urzendowsky), die in der Jugendgruppe seit Jäckies Strafverschickung nach Polen gemobbt wird, erweist sich als derart ideale Tatverdächtige, dass Zweifel angebracht scheinen. Aber auch mit unseren Zweifeln könnte hier gespielt werden.

          Der „Usedom-Krimi“, der mehr Alltagsdrama als klassischer Polizeifilm ist, hat es geschafft, eine eigene, attraktive Tonalität zu entwickeln, indem er auf postkartenillustres Regionalmarketing pfeift und handlungstechnisch permanent Erwartungen unterläuft. Wo sonst eine klare Exposition gefragt ist, setzt man auf Rätselhaftigkeit; wo sonst Streit herrscht, zieht man am selben Strang; wo sonst Männer auf den Putz hauen, putzen hier Frauen die Männer weg; wo sonst grotesker Witz für Abwechslung sorgt, fokussiert man auf lebensnahes Familienchaos. Dass Julia mit einem gutmütigen Langweiler (Peter Schneider) verheiratet ist und unablässig Schmerzmittel einwirft – in einer früheren Folge ist sie unter die Räder geraten –, wird von Regisseur Andreas Herzog so zugewandt inszeniert, dass man von einer Nebenhandlung kaum sprechen mag.

          Eine Besonderheit der Reihe ist ihre Blickrichtung: So geläufig persönlich in Kriminalfälle involvierte Kommissare uns inzwischen sind, stellen die Ermittlungen hier vor allem Umwege dar, auf denen die tragische, aber nicht unrealistische Familiengeschichte der Lossows aufgearbeitet wird. Dass die Autoren dabei drei äußerst glaubwürdige, selbstbewusste und doch geheimnisvolle Frauenfiguren entworfen haben, die von drei fulminanten Darstellerinnen überzeugend mit Leben gefüllt werden, ist ein Glücksfall. Auch der leichte, lakonische Humor der Serie wirkt stimmig. So prallt etwa der Thriller-Grusel einer nächtlichen Lagerhausdurchsuchung auf das trockene „Moin“ einer nackten Obdachlosen. Kuriose Ehegespräche finden zwischen Toilette und Badewanne statt.

          Aber der Witz schiebt sich in diesem etwas anderen Küstenkrimi so wenig in den Vordergrund wie das Verbrechen, das eher schwache Finale oder der moralische Kommentar, in diesem Fall bezogen auf eine nicht ganz uneigennützige Jugendhilfe. Selbst die Geheimnisse der Vergangenheit verbleiben weitgehend in der Vergangenheit, zumal die aktuelle Episode – anders als die vorherige – nicht mit Dramatik überladen wurde.

          In erster Linie handelt es sich bei dem ruhigen, dialogarmen, durch szenische Anspielungen, geschickte Kameraführung (Wolfgang Aichholzer) und ahnungsvolle Musik (Colin Towns) gelungen dauersuggestiven Film „Nebelwand“ vielmehr um eine detailgenaue Familienbeobachtung mit hervorragendem Gespür für jene operettenhafte Beziehungsdynamik, die hinter der Nebelfassade jeder Familie zu finden sein dürfte.

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