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TV-Film „Falsche Siebziger“ : Dreimal Rente süßsauer, bitte

  • -Aktualisiert am

Die Limousine ist zu lang: Gerhard Wittmann, Sebastian Bezzel und Kathrin von Steinburg (von links) in „Falsche Siebziger“. Bild: BR/h & v entertainment Gmbh/Raym

Neues von der Heimatfilmfront: Matthias Kiefersauer, gewitzter Bayernversteher, hat eine Komödie über das Ungedruckte des Generationenvertrags gedreht. „Falsche Siebziger“ zieht alle Register.

          Unter allen „Breaking Bad“-Persiflagen ist die hier nur angetäuschte vielleicht die skurrilste, gerade weil sie so hemdsärmelig in sich zusammenfällt: Karl (Gerhard Wittmann), seit der Insolvenz einer Lackfabrik als Chemiker arbeitslos und pleite, hat einige Pillen hergestellt, aber schon bei der Übergabe an den begeisterten Dealer bricht aus ihm heraus, dass er das alles nicht mehr will. Nicht aus Rücksicht aufs Gesetz, sondern weil: „Schon wieder Chemie!“ Er hasst Chemie, hat es immer gehasst, nur auf Befehl der hartherzigen Mutter hatte er damals in der Fabrik angefangen. Angst ist bei seiner Drogenkoch-Absage auch dabei: „Wenn das die Mami mitkriegt, hab ich echt ein Problem.“ Er konnte ja nicht ahnen, dass ihn wenig später Nachbar Hubertus (Sebastian Bezzel) fragen würde, was er sagen täte, wenn er erführe, „dass dei Mama nimmer lebendig waret“. Da sagt Karl nichts mehr, aber er grinst bis über beide Ohren.

          Diesem überraschenden Ableben, das Hubertus’ Vater übrigens ebenso ereilt hat, ging eine Verkettung dusseliger Umstände voraus, zu denen zwei schmierig wienernde „Des is jo des“-Geldeintreiber und eine nicht ganz freiwillige Kamikazeautofahrt von Hubertus’ sechzehnjährigem Sohn Daniel (Markus Krojer) gehören. Spätestens jetzt weiß man, worauf man sich hier eingelassen hat: auf einen der dampfnudelnden Heimatfilme in Holzhüttenoptik und mit derb bajuwarischem Humor. Man erkennt sogar die Personen wieder, denn Bezzel und Wittmann granteln sich ja auch erfolgreich durch die „Eberhofer“-Spaßkrimis (dort sogar als Bruderpaar), und Krojer überzeugte bereits als Kind in Marcus H. Rosenmüllers Debüt-Schwank „Wer früher stirbt ist länger tot“. Mit Iris (die „Hindafing“-erprobte Kathrin von Steinburg) kommt noch eine dritte Dorfbewohnerin in eher prekären Verhältnissen hinzu, deren Mutter jüngst ins Gras gebissen hat.

          Und Iris ist es auch, die die Idee mit den Doppelgängern hat, um weiterhin von den saftigen, in den fetten Jahren der Bundesrepublik angesammelten Altersbezügen der Eltern zu zehren: Rente mit vierzig gewissermaßen. So kommen also drei weitere Protagonisten hinzu. Fred Stillkrauth, Gundi Ellert und Ilse Neubauer spielen ihre Charaktere, die wiederum Hubertus’ fluchenden Vater, Iris‘ verdatterte Mutter und Karls erdrückende Mami mimen, mit Hingabe und Elan. Für zwei von ihnen ist es eine Flucht zurück ins Leben. Nur die falsche Anna hadert mit sich und Gott, als sie erfährt, welche Dienste sie in ihrer Rolle dem Pfarrer zu erweisen hat. Natürlich kommt es, wie es kommen muss, und die neuen Eltern werden zu einem so vollgültigen Ersatz, wie sich das niemand hat wünschen können. Für eine derart geradlinige Skriptidee – dreimal Rente süßsauer – wirken die makabren Wendungen und lakonischen Dialoge dann doch überraschend originell.

          Einige plakativ zugespitzte Gags gehören zu einer solchen Posse schlicht dazu. Deshalb geht es schon in Ordnung, dass Karls selige Mutter just vor dem Ableben ihre Ersparnisse in eine zugwaggonlange Zuhälterlimousine investiert haben soll: Stretching statt Lifting. Etwas subtiler wird es, wenn die Ersatzeltern mühsam das miesepetrige Poltern und den bayerischen Dialekt lernen müssen, denn hier ironisiert das Drehbuch auch das Genre der Provinzkomödie selbst. Nebenbei lässt sich abermals beobachten, welch punktgenauer Humorschauspieler in Sebastian Bezzel steckt, der wie befreit wirkt seit dem Ende seiner Langweiler-Rolle als praktikantenmäßiger Kommissar Perlmann im ehemaligen Bodensee-„Tatort“.

          Die Leichen sind echt, die Rentenbescheide sind es nicht: Sebastian Bezzel, Gundi Ellert, Fred Stillkrauth, Kathrin von Steinburg, Markus Krojer, Gerhard Wittmann und Ilse Neubauer (von links).
          Die Leichen sind echt, die Rentenbescheide sind es nicht: Sebastian Bezzel, Gundi Ellert, Fred Stillkrauth, Kathrin von Steinburg, Markus Krojer, Gerhard Wittmann und Ilse Neubauer (von links). : Bild: BR/h & v entertainment GmbH/Raym

          Ganz neu ist die Grundidee des Films freilich nicht. Vor drei Jahren erst wurde in der ARD auf einem bayerischen Bauernhof Rente für die tote Oma in der Gefriertruhe kassiert, bis eine Pflegestufenprüfung eine Doppelgängerin nötig machte. Aber Thomas Kronthalers „Schluss! Aus! Amen!“ schielte zugleich aufs Tragische im Komischen. Diese Gefahr besteht diesmal nicht. Regisseur Matthias Kiefersauer, der das Buch mit Alexander Liegl geschrieben hat (ein erprobtes Team; schon 2007 hat man „Das große Hobeditzn“ realisiert), hebt ganz aufs Schrullige und Inkorrekte ab. Auch die Bildgestaltung durch Thomas Etzold setzt auf atmosphärische Überwältigung ohne viele Zwischentöne.

          Und weil das alle Beteiligten so schön kauzig und doch menschlich rüberzubringen wissen, ist diese fröhlich unmoralische, in Sachen Bildungsauftrag weitgehend belanglose Rumpelkomödie mit umwegkitschigem Happy End und lustiger Dudelmusik vom Lande (Rainer Bartesch) vor allem: ein schöner Spaß. Vielleicht muss man allen deutschen Hochglanzserienambitionen zum Trotz doch das Genre des derb-komischen Heimatfilms, das in mancher Hinsicht bis auf den frühneuzeitlichen Grobianismus zurückgeht, als urdeutschen Beitrag zum Weltfernsehgeschehen betrachten.

          Fernsehtrailer : „Falsche Siebziger“

          Falsche Siebziger, heute, Mittwoch 13. September, um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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