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Vom Rasieren : Die sanfte Tour

Trotz aller Werbeversprechen: Das männliche Kinn birgt einige Hürden für die perfekte Rasur. Bild: dpa

Für das richtige Maß an männlicher Vollkommenheit reicht die vertraute Nassrasur längst nicht mehr aus. Aber rasieren die neuen Hightech-Wunder mit Aloe Vera überhaupt noch? Was wollen sie von uns?

          Das männliche Kinn bleibt eine Problemzone. Das gilt auch für die Gründlichen, Gewissenhaften, Unfaulen unter uns, die Nassrasierer. Wer hätte sich nach der Rasur nicht schon darüber geärgert, dass, während die Wangen fast schon übertrieben babyweich-speckig glänzen, das Kinn gleichsam eigensinnig in einer bartstoppelbedingten Kratzigkeit verharrt, die vielleicht beim Küssen noch nicht geradezu stört, die man aber, gelegentlich mit den Fingern kritisch drüberfahrend, als etwas Unerledigtes empfindet, wissend, dass es nach der nächsten Rasur auch nicht besser aussieht?

          Es gibt, das stimmt, Schlimmeres. Aber erwähnen wird man es wohl dürfen. Die Männer, die noch von anderen Sorgen geplagt werden, haben sich mehr oder weniger damit abgefunden. Wer dies nicht kann und auch Kinn und Oberlippe restlos in den Griff kriegen will, dem bietet sich, wenn er vor den Kaufhausregalen mit Artikeln „rund um den Mann“ steht, ein Angebot dar, das reichhaltig zu nennen nur jemandem einfällt, der auch die gesamte und keineswegs nachlassende Produktvielfalt, mit der wir alle terrorisiert werden, als etwas hinnimmt, das keine Aufregung mehr lohnt.

          Die Qual der Wahl

          Da glitzert und funkelt es dann: Rasierer in den buntesten Farben, unter denen sich Neon und Blau am aufdringlichsten darbieten, und in allen möglichen Formen und Krümmungen, die auch nicht besser aussehen als die meisten zeitgenössischen Fahrräder – auf plumpeste Weise dynamisch und funktionstüchtig, dabei viel zu massiv. Bei den Klingen ist es noch verrückter: Was hier alles im Angebot ist, muss jeden, der sich einfach nur rasieren will, schon deswegen zur Verzweiflung bringen, weil er nur ganz schwer herausbekommt, welches unter diesen Dingern überhaupt noch auf seinen Rasierer passt, so viele gibt es davon.

          „So gründlich und glatt, weil der G II zwei Schneiden hat“: Diese Zeiten, in denen eine Frauenhand neckisch das frisch rasierte Männerkinn streichelte, sind vorbei. Auch beim Rasieren begnügt man sich nicht mehr mit der Kunst des Möglichen, die Möglichkeit stehen bleibender Kinnstoppel hinnehmend. Auch hier muss es in jeder Hinsicht, für Barthaare, Haut und den ganzen Mann das Optimum sein. Und die Doppelklinge ist, wie das Zehn-Gang-Rennrad, längst ein Oldtimer – fünf Klingen (in einer) müssen es schon sein.

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          Bluten tut's immer noch

          Den Unterfertigten (selbstverständlich Nassrasierer) ließen bei seiner Suche nach neuen, guten alten Gillette-GII-Klingen mehrere Geschäfte einfach abblitzen: Es gab nirgends mehr welche. Stattdessen stieß er auf Wilkinson-Modelle, die einen Flip Trimmer aufwiesen, aber auf seinen hergebrachten, denkbar schlicht gehaltenen G-II-Rasierer nicht passten. Der Flip Trimmer ist eine Aloe-Vera-Gel verabreichende, mit dem Daumen zu betätigende Vorrichtung, die ein noch sanfteres Gleiten der Klinge über die männliche Haut, ja wohl schon ein Schweben ohne alle Reibungsverluste und blutige Aufritzungen ermöglicht, indem sie, auch mittels Vitamin-E-Zufuhr, die Hautfeuchtigkeit schon während der Rasur gewährleistet und so eventuelle After-Cremes überflüssig macht. Ob auf diese sanfte Tour die Barthaare überhaupt noch abkommen? Und ob man so etwas wirklich braucht?

          „Mit diesem Flip Trimmer“, so lässt die Firma wissen, „wird die exakte Rasur auch an nur schwierig zu erreichenden Stellen möglich.“ Das verspricht man uns schon seit Jahrzehnten, bluten tut’s immer noch. Der unterfertigende G-II-Nassrasierer ist jedenfalls skeptisch und bestellte sich seine GIIs jetzt einfach bei Amazon. Auch das ist Dialektik: Das Einfache, scheinbar Rückständige ist, wenn überhaupt, nur noch dort zu haben, wo ansonsten die Maxime dauernder Modernisierung gilt. Man fragt sich nur, warum es gegenwärtig, zumal unter den jungen Männern, so viele Vollbärtige gibt – ist das auch Dialektik, und die ganze Optimierungswirtschaft bringt nicht das Beste, sondern das Urtümliche im Manne hervor? Oder sind das bloß Hipster, die sich erst wieder rasieren, wenn man mit zehn Klingen arbeitet und damit vollends ein Babyface erzielt?

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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