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„Tatort“ aus Weimar : Wenn Wünsche Wollschlüpfer werden

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Corpus Delicti: Christian Ulmen und Nora Tschirner sichten Beweismaterial. Bild: MDR/Anke Neugebau

Im Zeichen des weichen „Nischels“: Der „Tatort – Der wüste Gobi“ gerät zur herrlich überdrehten Krimipersiflage im Strickmusterkleid.

          Buchstabennudelsuppe. In der Klinik für forensische Psychiatrie gibt es Mittags immer nur Buchstabennudelsuppe. Dort wo Professor Elmar Eisler (Ernst Stötzner) die harten Fälle therapiert. Solche wie den „Würger von Weimar“ mit dem Buchstabensalatnamen Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili (Jürgen Vogel). Ein exzellentes Studienobjekt für wissenschaftlich Interessierte. Vor fünf Jahren hat der Mann, umständehalber kurz „der wüste Gobi“ genannt, drei Frauen umgebracht. Woran er sich genauso wenig erinnern kann wie an alles andere, seit durch die starken Medikamente „sein Nischel Pudding ist“. Seitdem gedeiht das Verhältnis zwischen dem georgischen Bademeister (dessen Eltern hochvermögende preisgekrönte Biochemiker und Astrophysiker mit noch viel zungenbrechenderen Namen waren) und dem leitenden Gutachter und Klinikarzt mit stechend irrem Blick aufs Schönste.

          Die Erfolge: Der wüste Gobi hat in der Therapie Handarbeiten gelernt, der Professor steht kurz vor der Anwendung neuer Gehirnchirurgie und übt vorerst an putzigen Eichhörnchen und Waschbären, die die Trophäenwand zupflastern. Nebenbei versorgt er seine bettlägerige Frau, eine ehemalige Selleriekönigin, mit Buchstabensuppe ohne Gemüse. Jeden Mittag. Bevor die Frau eines Tages in Flammen aufgeht. Ein Kurzschluss an der Heizdecke.

          Chancenlos „wie ein Pinguin in der Haidisko“

          Die Tote war aber schon vorher tot, finden die Kommissare Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) heraus. Ist der Täter der gerade entflohene Gobi? Oder war es ein „Trittbrettwürger“? Wollte man Gobi etwas anhängen, wäre der „Würger von Weimar“ ungefähr so chancenlos „wie ein Pinguin in der Haidisko“.

          Von Gobis Unschuld überzeugt ist zumindest seine Verlobte Mimi Kalkbrenner (Jeanette Hain). Aus der Kanalisation („mein Orpheus!“) hat Gobi sich zu ihr gerettet. Langsam kommt die Erinnerung an den Ausbruch: „Ich habe die Krankenschwester umgebracht. Es war ein ganzes Stück Arbeit“. Darauf sie: „Da gehören immer noch zwei dazu.“ Klar. Ein Mörder und eine, die sich ermorden lässt. Die Frauen haben es überhaupt auf Gobi abgesehen in diesem Weihnachts-„Tatort“ des MDR. Alle, wirklich alle wollen einen Häkelbikini von ihm. Was soll einer wie dieser eingeschränkt schlaue Mann da schon tun: „Ich muss eingenickt sein. Sie muss sich auf mich draufgesetzt haben. Im Traum habe ich gedacht, du wärst das.“ Das findet Mimi einfach süß und weist der Nebenbuhlerin in augenfälliger Garnunterwäsche die Tür.

          Siehe: Die haben sie wirklich nicht mehr alle am Nischel, die Beteiligten der nun fünften Krimipersiflage im „Tatort“-Strickmusterkleid vom MDR. Aber in diesem Fall kann man das ebenso wohlwollend auffassen. Die schlicht konstruierte Kriminalhandlung – sie wirkt in etwa so spannend wie von den Letztplatzierten beim Edgar-Wallace-Gedächtnispreis erdacht. Doch konzentriert man sich dieses Mal auf die mehr oder weniger, eher weniger, subtile Wiederholung bestimmter Gags. Seriell verwendet werden sie wirkungstechnisch angelegentlich vom Rohrkrepierer zum Knaller.

          Regisseur Ed Herzog tut erfolgreich so, als wäre hier seltsamerweise jeder normal – selbstverständlich außer den therapierenden Ärzten und all den Frauen, die den wüsten Gobi anschmachten. Die Autoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger setzen vor allem auf die Kalauertauglichkeit ganz, ganz weniger Motive: Dorn und Lessing möchten gern, kommen aber aus obskuren Gründen nicht zum Sex und betrachten daher den Häkelschlüpferstürmer Gobi mit neidvollem Blick. Lessing sagt die kompliziertesten Letternfolgen immerzu fehlerfrei auf, was Dorn ganz wuschig macht, und glänzt als versierter Musikkritiker. Rollenprosa schlägt Ernsthaftigkeit.

          Dr. Streifeneder (Andreas Schröders), ein Kollege Professor Eislers, hat über diesen bloß das Übelste zu vermelden, während in seinem Büro ein Hamster im Rad um sein Leben rennt und ab und an vor lauter Unsinnsverdacht herausfällt. Bevor der echte Dr. Streifeneder (Thomas Bading) den vorgeblichen wieder zum Makramée und anderen Patientenbelustigungen schickt, um dann in exakt denselben Worten über seinen Chef herzuziehen. Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) arbeitet am späten Triumph über seinen zurückgekehrten Kollegen Bruno Götze (Ralf Dittrich), der das Aufrollen der alten Vorgänge um den „Würger von Weimar“ verhindern will. Und zum Schluss passt das Meiste recht schön zur feiertäglichen Stimmung. Das Glück ist mit der Torheit – und den tüchtigen Kommissaren. Und Buchstabensuppe, so sie nicht in der Nähe von Heizdecken verabreicht wird, ist eine echte Alternative zum schweren Gänsebraten.

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