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„Tatort“ aus Dresden : Der fliegende Schokoladenkuchen ruht

Sechs Fäuste für ein Halleluja: Platte (David Bredin, links), Eumel (Alexander Hörbe) und Hansi (Arved Birnbaum) wollen Kommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels) zeigen, was sie drauf haben. Bild: MDR/Gordon Mühle

Der Dresdner „Tatort“ soll vom Obdachlosen-Milieu handeln. Doch er wird zu einem langen Hausbesuch bei den Kommissarinnen. Ist deren Privatleben so interessant? Wo ist der Krimi?

          Was muss ein „Tatort“ leisten? Er muss in jeder Sekunde zu hundert Prozent verständlich sein, auch für jemanden, der eine Stunde zu spät einschaltet. Die Frage „Wer war es?“ hat sich dem unterzuordnen. Das Privatleben der Polizisten – in diesem Fall der Kommissarinnen – ist von höchstem Interesse. Eine moralische Lektion sollte es in neunzig Minuten mindestens geben. Die Stadt, in welcher der „Tatort“ spielt, wird so bebildert, dass der Zuschauer stets glaubt, es könne sich auch um New York handeln. Humor ist wichtig, muss aber den Geschmack aller Altersgruppen treffen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Genau daran soll und muss sich ein „Tatort“ selbstverständlich nicht orientieren, aber das Muster findet sich nach 45 Jahren der Krimi-Reihe noch immer – zum Beispiel in dem recht neuen „Tatort“ aus Dresden, mit dessen Verfassung der Regisseur Dror Zahavi am Sonntag in der Episode „Der König der Gosse“ ringt.

          Der „Sozialunternehmer“ stürzt in die Tiefe

          Der Fall nach einem Drehbuch von Ralf Husmann und Mika Kallwass spielt im Obdachlosen-Milieu. Hans-Martin Taubert (Michael Sideris), Sozialunternehmer, Gründer der „Berberhilfe“ und schillernder Lebemann, dessen Charakter dem realen Vorbild eines gewissen Hans-Harald Ehlert, ehemaliger Chef der Berliner Treberhilfe mit einer Vorliebe für Maseratis, nachempfunden scheint, stürzt von einer Brücke. Zwei Männer haben ihn hinuntergestoßen, wie die Schwarzweiß-Rückblende zeigt.

          Es treten auf drei rührende Obdachlose: Anführer „Hansi“ (Arved Birnbaum), der die Fäuste nicht immer unter Kontrolle hat; „Platte“ (David Bredin), der mit einem Leierkasten unterwegs ist, und „Eumel“, mit Sprachfehler und Pudelmütze, der sich an passender Stelle als gelernter Koch entpuppt. Diese drei, deren Texte meist nach Sachkundeunterricht klingen, treffen auf das resolute Ermittlerduo, Oberkommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels) und Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) – die durcheinanderredenden Obdachlosen, die sich als Leibwächter des Opfers vorstellen, gehen den Ermittlerinnen gehörig auf die Nerven.

          Ist er etwa sprachlos? Das wäre neu: Kommissar Schnabel (Martin Brambach) mit den Kolleginnen Gorniak (Karin Hanczewski, links) und Sieland (Alwara Höfels).

          Doch schon nach dem ersten Wortwechsel geht es unvermittelt um das Privatleben von Kommissarin Gorniak. War doch auch ihr Vater ein Trinker, ein „Loser“. Kollegin Sieland hat einen fesch gescheitelten Freund (Franz Hartwig), der am Computer „Pixel durch die Gegend“ schiebt. Karin Gorniak zieht im Alleingang ihren sensiblen Rotzlöffel von Sohn (Alessandro Emanuel Schuster) groß, der ihr Schokoladenkuchen backen will, das misslungene Ergebnis jedoch wütend an die Fotowand klatscht – und dort belässt. Der ulkige Vorgesetzte – Martin Brambach als Charakter-Kalauer Peter Michael Schnabel – bekommt eine tapsige Mitarbeiterin aus dem Betrugsdezernat zur Seite, die für Konflikt- und Kicherpotential zu sorgen hat. Die Spitzen der beiden „Amazonen“ (Schnabel) unterlaufend, darf Kommissarin Wiebke Lohkamp (Jule Böwe) mit Schnabel flirten und dessen Schrullen gutheißen, die sich in Dosenmilch und einem Kaffeebecher mit der Aufschrift „Schnabeltasse“ erschöpfen.

          Und der Fall? Die üblichen Verdächtigen schildern in Rückblenden, was in der Tatnacht passiert ist. Sozialunternehmer Taubert soll sich nebst seinen drei Leibwächtern mit einem „Schlipsträger“ beim Nobelitaliener getroffen haben. Auch der mürrische Bruder von Taubert (Urs Jucker), der in seinem Fitnessstudio Protein-Riegel verkauft, ist verdächtig.

          Die Bilder dieses „Tatorts“ (Kamera Gero Steffen) wirken für einen Film, der das Obdachlosen-Milieu zeigen will – eine „traurige, einsame, dunkle Welt“, wie Kommissarin Sieland sagt – ziemlich aufgeräumt, fast steril. Er versucht, Klischees zu vermeiden, umgeht aber gleich die ganze Szene. Kaum, dass sich einer mal nach einer weggeworfenen Zigarette bückt. Stattdessen Leierkasten und Drehtabak. Vieles wirkt poliert. Bis hin zum großen Herzen von Oberkommissarin Henni Sieland.

          Nachdem der Fall gelöst und allen Gerechtigkeit widerfahren ist, ziehen sich die Ermittlerinnen wieder ins Private zurück: Der Sohn von Karin Gorniak bekommt eine Ohrfeige, Henni Sielands Freund Ole ist ein „paar Tage bei Matze“: „muss nachdenken“. Katerstimmung. Die letzte Szene zeigt Sieland am Tisch ihrer Wohnküche. Ratlos blickt sie aus dem Bildschirm, hinein ins Wohnzimmer des Zuschauers. Der blickt ratlos zurück.

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