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„Tatort“ aus Dortmund : Lassen die Kommissare alle Hoffnung fahren?

Sie wissen viel voneinander, doch bei der Lösung des Falls hilft ihnen das nicht: Aylin Tezel, Jörg Hartmann, Stefan Konarske und Anna Schudt (von links) spielen die Kommissare. Bild: WDR/Thomas Kost

Die „Tatort“-Ermittler aus Dortmund haben so viel mit sich selbst zu tun, dass sie kaum in der Lage sind, ihren Fall zu lösen. Dabei steht die Stadt nach dem Tod eines kleinen Mädchens vor dem Kollaps.

          An die tausend Bulgaren gebe es in der Dortmunder Nordstadt, dazu Kurden, Rumänen, Schwarzafrikaner ohne Zahl, täglich würden es mehr. Sie klauten, sie dealten, der Park verkomme zum Drogenumschlagplatz. „Das ist ein gesellschaftlicher Tsunami, der da auf uns zurollt. Den kann keiner aufhalten“, schleudert Dieter Lahnstein (Werner Wölbern) den Kommissaren entgegen. Er ist ein Freund des Ehepaars, das gerade seine Tochter verloren hat. „Emma war erst der Anfang“, sagt er.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das sechsjährige Mädchen hat auf einem Spielplatz in ebenjener Nordstadt ein Tütchen Kokain aus dem Sandkasten gezogen, die vermeintlichen Bonbons in den Mund gesteckt und ist gestorben, ohne dass der Rettungssanitäter – ausgerechnet Lahnsteins Sohn Oliver (Axel Schreiber) – hätte helfen können. Die Mutter des Kindes (Alexandra Finder) steht am Rande des Zusammenbruchs, der hasserfüllte Blick des Vaters (Sönke Möhring) scheint vom Verlangen nach Selbstjustiz zu sprechen. Bald darauf gibt es im Dealermilieu tatsächlich ein Todesopfer, das aus dem Senegal stammt und über Lampedusa und Österreich nach Deutschland kam. Der Vater des toten Mädchens und die beiden Lahnsteins, allesamt womöglich nur scheinbar unbescholtene Modelleisenbahner, waren am Tatort. Aber auch Drogenboss Abakay (Adrian Can) könnte mit dem Mord zu tun haben.

          Angst vor Flüchtlingen

          „Kollaps“ heißt der siebte Fall des Ermittler-Teams aus Dortmund; es ist der zweite „Tatort“ in Folge, der sich mit der Angst vor Flüchtlingen auseinandersetzt. Man kann daraus ein Gespür der Reihe für drängende Probleme herauslesen oder eine volkspädagogisch motivierte Verengung der Themenwahl. So oder so – dass Werner Wölbern am vergangenen Sonntag als Anstifter eines Mordes auftrat und nun als Tatverdächtiger, verstärkt das Gefühl, man habe das alles schon einmal gesehen. Obwohl es im Hamburger „Tatort. Verbrannt“ um tödlichen Fremdenhass in den Reihen der Polizei ging und „Kollaps“ die Implosion bürgerlichen Vertrauens in den Staat und seine Ordnungskräfte verhandelt.

          Eine wichtigere Rolle aber spielen die Zusammenbrüche der vier Kommissare. Sie als Charaktere weiterzuentwickeln war für Jürgen Werner, der abermals das Drehbuch schrieb, erkennbar das wichtigste Anliegen. Und was er alles für Konflikte und Belastungen und Liebesleiden auffährt: Martina Bönisch (Anna Schudt) lässt sich scheiden, lebt im Hotel, trinkt an der Bar, schleppt Männer ab und verliert wohl das Sorgerecht für ihre Söhne, Faber (Jörg Hartmann) schiebt ihr fürsorglich Psychopillen rüber, könnte sich erkennbar mehr vorstellen, rastet aus, lebt im Kopf des Täters, gibt den barmherzigen Samariter, setzt einen Lockvogel der Todesgefahr aus und kriegt es deshalb mit Kossik (Stefan Konarske) zu tun, der wiederum seine Verflossene Nora Dalay (Aylin Tezel) beschattet und sich mit ihr, die nun einen älteren Mann trifft, bösartige Wortgefechte liefert.

          Der Sturz wird kommen

          Rote Fäden in diesem Konfliktgefecht sind die Angst vor dem Verlust und Vater-Sohn-Beziehungen. Das zwingt Regisseur Dror Zahavi, viele Erzählstränge neben- und ineinanderlaufen zu lassen. Er teilt sie mit scharfen Schnitten, auf dass die Charaktere neu aufeinander losgehen können. Ihre Fehden sind Wortgefechte, ihr verbaler Schlagabtausch ist so dicht gespickt mit Anwürfen, Retourkutschen, Beleidigungen und erwiderten Schimpfworten, dass die Dialoge, auch wenn sie glänzend gespielt sind, aufgesagt wirken. Dazu trägt die Diktion permanenter Gereiztheit bei, in der Zahavi seine Darsteller sprechen lässt. Jörg Hartmann vermag als Einziger seine Figur mit unterschiedlichen Sprach-Temperaturen auszustatten, das gibt ihr die größte Fallhöhe.

          Der Sturz wird kommen, für ihn und andere. Am Ende dieses düsteren „Tatorts“ geht wieder einer zu Boden und steht nie wieder auf. Die Frage nach dem Schuldigen scheint beinahe aufgegeben, weil vielleicht jeder schuld ist, irgendwie. In ihrem nächsten Fall werden die Dortmunder nicht zuerst einen Täter, sondern neue Hoffnung finden müssen.

          Wo kommt das her? Die Mutter des verstorbenen Mädchens (Alexandra Finder, links) und Kommissarin Bönisch (Anna Schudt).

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