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„Der Spiegel“ und Wikileaks Wir halten kritische Distanz

Der „Spiegel“ hat die Depeschen amerikanischer Diplomaten zur großen Geschichte gemacht. Wikileaks lieferte das Material. Im Gespräch verraten die Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron mehr über die Hintergründe der Aktion.

© Holde Schneider Vergrößern „Spiegel”-Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron (rechts) und Georg Mascolo (links)

Sie haben eine Reihe der Depeschen amerikanischer Diplomaten, die Wikileaks zugespielt worden sind, für Ihre aktuelle Titelgeschichte verarbeitet. Warum?

Georg Mascolo: Die Verpflichtung des Journalisten ist eine der Wahrheit gegenüber. Als wir vor fünf Monaten mit der Arbeit an dem Material begonnen haben, haben wir uns gefragt: Was halten wir für berichtenswert, was sind schützenswerte Geheimnisse der Staaten? 50 Redakteure und Dokumentare haben die Depeschen gesichtet. Wir haben sorgfältig abgewogen und uns mit unseren Partnern besprochen, der „New York Times“ und dem „Guardian“. Dann haben wir entschieden, was wir publizieren. Wikileaks ist eine Quelle für den „Spiegel“, so wie es in der Geschichte des „Spiegel“ viele Quellen gegeben hat. Wikileaks hat uns das Material zur Verfügung gestellt, wir treffen unabhängig unsere journalistische Entscheidung. Es gibt nur eine einzige Absprache und das ist die über den Zeitpunkt der Veröffentlichung.

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Wie stellen Sie sicher, dass nicht Dinge veröffentlicht werden, die nur den Informanten gefährden?

Mathias Müller von Blumencron: Das ist eine der zentralen Aufgaben. Wir haben bisher drei Titelgeschichten auf der Basis von Wikileaks-Dokumenten veröffentlicht. Bei allen drei – zu Afghanistan, zum Irak und nun zu den diplomatischen Vertretungen der Vereinigten Staaten – geht es um diese Frage: Was gehört publiziert? Und was nicht, weil wir damit Informanten oder auch Erfolge bei der Terrorfahndung gefährden würden.

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© reuters Vergrößern Amerikaner suchen mit Hochdruck nach Wikileaks-Informanten

Mascolo: Es gibt die Diskussion, wie Wikileaks die klassischen Medien verändert, mindestens so berechtigt ist die Frage, wie die Medien Wikileaks verändern. Als wir über die Afghanistan-Veröffentlichung gesprochen haben, gab es bei Wikileaks die Vorstellung, das Material werde in Gänze ins Netz gestellt. Dann haben wir mit der „New York Times“ und dem „Guardian“ das Material gesichtet und sind schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass wir als Redaktionen diesen Ansatz nicht teilen – das war beim Thema Irak später ebenso. Es gibt etwa Berichte über Dorfälteste, die mit alliierten Truppen zusammenarbeiten. Deren Namen wie auch die Namen der Dörfer müssen geschützt werden. Unsere Bedenken haben wir Wikileaks mitgeteilt. Unsere Sicht auf die Welt ist nicht, dass jede Information, die verfügbar ist, deshalb auch publiziert werden darf. Wir Journalisten leben genauso in dieser Welt, unsere Korrespondenten bereisen die gefährlichsten Regionen. Aber es gilt auch: Der Journalist ist kein Staatsdiener.

Nicht Sie, aber Wikileaks hat trotzdem Dokumente ins Netz gestellt, von denen versierte Beobachter sagen, dass diese Informanten gefährden.

Müller von Blumencron: Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates hat gegenüber dem Kongress eingeräumt, dass es bislang keinen Fall gibt, in dem eine solche Enttarnung bekanntgeworden sei. Wir müssen aber noch einmal herausstellen, dass es sich um getrennte Organisationen handelt: Wikileaks und die beteiligten Medien. Wir nutzen Wikileaks als Quelle, wie wir andere Quellen auch nutzen. Was Wikileaks mit dem Material macht, können wir bis ins Detail nicht kontrollieren.

Was den FDP-Informanten angeht, der die amerikanische Botschaft über die Koalitionsverhandlungen ins Bild gesetzt haben soll, darf man davon ausgehen, dass er nicht lange unentdeckt bleibt.

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