Home
http://www.faz.net/-gsb-y41v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

„Der Spiegel“ und Wikileaks Wir halten kritische Distanz

Der „Spiegel“ hat die Depeschen amerikanischer Diplomaten zur großen Geschichte gemacht. Wikileaks lieferte das Material. Im Gespräch verraten die Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron mehr über die Hintergründe der Aktion.

© Holde Schneider Vergrößern „Spiegel”-Chefredakteure Mathias Müller von Blumencron (rechts) und Georg Mascolo (links)

Sie haben eine Reihe der Depeschen amerikanischer Diplomaten, die Wikileaks zugespielt worden sind, für Ihre aktuelle Titelgeschichte verarbeitet. Warum?

Georg Mascolo: Die Verpflichtung des Journalisten ist eine der Wahrheit gegenüber. Als wir vor fünf Monaten mit der Arbeit an dem Material begonnen haben, haben wir uns gefragt: Was halten wir für berichtenswert, was sind schützenswerte Geheimnisse der Staaten? 50 Redakteure und Dokumentare haben die Depeschen gesichtet. Wir haben sorgfältig abgewogen und uns mit unseren Partnern besprochen, der „New York Times“ und dem „Guardian“. Dann haben wir entschieden, was wir publizieren. Wikileaks ist eine Quelle für den „Spiegel“, so wie es in der Geschichte des „Spiegel“ viele Quellen gegeben hat. Wikileaks hat uns das Material zur Verfügung gestellt, wir treffen unabhängig unsere journalistische Entscheidung. Es gibt nur eine einzige Absprache und das ist die über den Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Mehr zum Thema

Wie stellen Sie sicher, dass nicht Dinge veröffentlicht werden, die nur den Informanten gefährden?

Mathias Müller von Blumencron: Das ist eine der zentralen Aufgaben. Wir haben bisher drei Titelgeschichten auf der Basis von Wikileaks-Dokumenten veröffentlicht. Bei allen drei – zu Afghanistan, zum Irak und nun zu den diplomatischen Vertretungen der Vereinigten Staaten – geht es um diese Frage: Was gehört publiziert? Und was nicht, weil wir damit Informanten oder auch Erfolge bei der Terrorfahndung gefährden würden.

Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© reuters Vergrößern Amerikaner suchen mit Hochdruck nach Wikileaks-Informanten

Mascolo: Es gibt die Diskussion, wie Wikileaks die klassischen Medien verändert, mindestens so berechtigt ist die Frage, wie die Medien Wikileaks verändern. Als wir über die Afghanistan-Veröffentlichung gesprochen haben, gab es bei Wikileaks die Vorstellung, das Material werde in Gänze ins Netz gestellt. Dann haben wir mit der „New York Times“ und dem „Guardian“ das Material gesichtet und sind schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass wir als Redaktionen diesen Ansatz nicht teilen – das war beim Thema Irak später ebenso. Es gibt etwa Berichte über Dorfälteste, die mit alliierten Truppen zusammenarbeiten. Deren Namen wie auch die Namen der Dörfer müssen geschützt werden. Unsere Bedenken haben wir Wikileaks mitgeteilt. Unsere Sicht auf die Welt ist nicht, dass jede Information, die verfügbar ist, deshalb auch publiziert werden darf. Wir Journalisten leben genauso in dieser Welt, unsere Korrespondenten bereisen die gefährlichsten Regionen. Aber es gilt auch: Der Journalist ist kein Staatsdiener.

Nicht Sie, aber Wikileaks hat trotzdem Dokumente ins Netz gestellt, von denen versierte Beobachter sagen, dass diese Informanten gefährden.

Müller von Blumencron: Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates hat gegenüber dem Kongress eingeräumt, dass es bislang keinen Fall gibt, in dem eine solche Enttarnung bekanntgeworden sei. Wir müssen aber noch einmal herausstellen, dass es sich um getrennte Organisationen handelt: Wikileaks und die beteiligten Medien. Wir nutzen Wikileaks als Quelle, wie wir andere Quellen auch nutzen. Was Wikileaks mit dem Material macht, können wir bis ins Detail nicht kontrollieren.

Was den FDP-Informanten angeht, der die amerikanische Botschaft über die Koalitionsverhandlungen ins Bild gesetzt haben soll, darf man davon ausgehen, dass er nicht lange unentdeckt bleibt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Privatsphäre Whisper - das gläserne Geheimnis

Die App Whisper rühmte sich damit, seinen Nutzern Anonymität zu bieten. Jetzt stellte sich heraus, dass die Bekenntnis-App so ziemlich alles speichert, was ausgewertet werden kann. Mehr Von Felix-Emeric Tota

17.10.2014, 18:13 Uhr | Feuilleton
20 Jahre Online-Journalismus

Drei ausgewiesene Experten haben in der Oper Frankfurt über die Zukunft der Printmedien und den Einfluss des Internets auf traditionelle Medien gesprochen: Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, Sascha Lobo, Autor und Blogger, und Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur von FAZ.NET. Sehen Sie hier den ersten Teil des Mitschnitts. Mehr

25.09.2014, 09:34 Uhr | Feuilleton
Peter Hammerschmidt: Deckname Adler Moral kann sich ein Dienst kaum leisten

Klaus Barbie, ein eher durchschnittlicher NS-Täter, war in den fünfziger und sechziger Jahren CIA- und BND-Zuträger. Mehr Von Rolf-Dieter Müller

06.10.2014, 17:12 Uhr | Politik
20 Jahre Online-Journalismus

Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, Sascha Lobo, Autor und Blogger, und Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur von FAZ.NET, sprechen über die Zukunft der Medien. Sehen Sie hier den zweiten Teil. Mehr

23.09.2014, 17:28 Uhr | Feuilleton
Neue Community Frankfurter Allgemeine Zeitung eröffnet digitalen Lesesaal auf FAZ.NET

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kooperiert mit der E-Book-Plattform Sobooks - und schafft auf FAZ.NET zukünftig eine Lese- und Rezensionscommunity zum Thema Literatur. Mehr

10.10.2014, 12:01 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.12.2010, 06:52 Uhr

Wer ist das Volk?

Von Mark Siemons, Peking

Die Kunst soll dem Volk dienen: Das hat Chinas Staats- und Parteichef einmal mehr klargemacht. Künstler rebellieren offen gegen diese Rollenzuweisung – und der Staat zögert nicht, sie dafür ins Gefängnis zu werfen. Mehr 1 3