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Der Skandal um McCain : „New York Times“ schadet sich mit Gerüchten selbst

  • -Aktualisiert am

Die angebliche Enthüllung: Titelseite der „New York Times” am Donnerstag Bild: AP

Die „New York Times“ spekuliert über eine mögliche, acht Jahre zurückliegende Affäre McCains. Und schadet sich damit letztlich selbst: Das Kandidatenporträt auf Klatschbasis sorgt quer durch die Reihen für Kritik.

          Alle paar Jahre, so scheint es, gehen der „New York Times“ die Pferde durch. Nach den Skandalen um fabrizierte Reportagen und die fahrlässige Berichterstattung zu irakischen Massenvernichtungswaffen hat die „Grey Lady“ nun mit einem seltsamen Artikel über den Präsidentschaftsanwärter John McCain einmal mehr ihre Glaubwürdigkeit aus Spiel gesetzt.

          Am Mittwochabend erschien vorab auf der Website des Blattes jene saftige Enthüllungsgeschichte, auf die das Publikum im laufenden Präsidentschaftswahlkampf gespannt wartet. Nur: Sie enthüllte gar nichts, sondern erschöpfte sich, unter Bezug auf anonyme Quellen, in Raunerei um eine mögliche, acht Jahre zurückliegende Affäre McCains mit einer Lobbyistin. Den Schaden hat, wie sich zeigt, nicht so sehr McCain, sondern die Zeitung selbst, deren Kandidatenporträt auf Klatschbasis quer durch die Reihen für Kritik sorgte. Journalistenverbände kritisierten das Stück ebenso wie Tageszeitungen und konservative Kommentatoren. Sogar die eigenen Leser warfen der „Times“ ein unsauberes Vorgehen vor.

          Vorwürfe, Warnungen und Häme: den Schaden hat die Zeitung

          Unter dem Titel „McCains Vertrauen in die eigene Integrität birgt Risiken“ geht es darum, dass McCain stets behaupte, von Lobbygruppen unabhängig zu sein, vor mehr als acht Jahren aber eine Beziehung mit einer jungen Telekommunikationslobbyistin namens Vicki Iseman gehabt habe. „Angstwellen“, schreiben die Autoren, hätten McCains Beraterstab damals bei seiner ersten Präsidentschaftskandidatur durchlaufen, weil besagte Lobbyistin immer wieder mit McCain aufgetaucht sei, ihn in seinem Büro besucht und im Firmenjet eines Kunden begleitet habe. „Überzeugt, dass die Beziehung sich zu einem romantischen Verhältnis entwickelt hatte, griffen einige von McCains Top-Beratern ein“, heißt es im dritten Satz des Artikels. Es folgt das Dementi der Betroffenen.

          Umgehend dementiert John McCain. Ehefrau Cindy hört aufmerksam zu

          Die Story zog umgehend Kreise. Konservative Kommentatoren warfen der „Times“ eine Schmierkampagne vor und behaupteten, bei einer zeitigeren Veröffentlichung wären die Vorwahlen womöglich nicht zugunsten McCains ausgegangen. „News not fit to print“ urteilte der „Weekly Standard“ mit Blick auf das Motto der „New York Times“, das da lautet: „All the News that's Fit to Print“. Das „Time Magazine“ veröffentlichte einen ironischen Leitfaden zum Verständnis „einer jener Geschichten aus der ,New York Times', die man drei- oder viermal lesen kann, ohne zu verstehen, was eigentlich los ist“. Die „Columbia Journalism Review“ bemerkte, dass der Artikel „streckenweise auf einem schmalen Grat zwischen Information und Folgerung“ balanciere. Und das Poynter-Institut, eine angesehene Journalistenschule in Florida, warnte davor, die Unterstellungen der „Times“ zu kolportieren. Doch da hatte sich die „New York Post“ schon über den „McCain Shocker“ entsetzt, auf der Blogsite „Huffington Post“ war von „McCains Skandalfigur“ die Rede, und in zahlreichen Blogs wurde über McCain und seine „Mätresse“ schwadroniert.

          Das Vertrauen in die „New York Times“ ist mehr als angekratzt

          Kritiker werfen der Zeitung neben den unbewiesenen Unterstellungen vor, dass die seit dem vergangenen November vorbereitete Geschichte genau zu dem Zeitpunkt veröffentlicht worden sei, an dem McCains Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat so gut wie unumstößlich ist. Bill Keller, der Chefredakteur der „New York Times“, verteidigte sich mit den Worten: „Was seine Substanz angeht, so spricht der Artikel für sich. Was das Timing betrifft, so halten wir uns an unsere Regel, dass wir Geschichten veröffentlichen, wenn sie fertig sind.“

          Doch auch Kellers eigene Leser brachten massenweise Unmut zum Ausdruck. Mehr als 2400 überwiegend verärgerte Kommentare gingen auf der Website der Zeitung ein. Ausführlich nahmen der Chefredakteur und die verantwortlichen Redakteure Stellung. „Der springende Punkt des Artikels ist also, dass irgendeine Lobbyistin 2000 viel Zeit um McCain herum verbrachte, aber keiner etwas nachweisen konnte. Dennoch wird McCain verunglimpft. Tolle Berichterstattung, NYT!“, schreibt ein Leser. Die Tochterzeitung der „Times“, der „Boston Globe“, weigerte sich, die Geschichte zu übernehmen, und druckte stattdessen einen ähnlichen Artikel der konkurrierenden „Washington Post“, der ebenfalls McCains Beziehung zu Lobbyisten unter die Lupe nimmt und auch Vicki Iseman anspricht - allerdings ohne eine Affäre anzudeuten. Auch der „Public Editor“ der „Times“, Clark Hoyt, der als „Vertreter der Leser“ in einer eigenen Kolumne über die Standards des Blattes wacht, machte sich die Kritik zu eigen.

          Das Vertrauen in die „New York Times“ ist mehr als angekratzt. Jetzt beginne, sagte Barack Obama kürzlich bei einer Fernsehdebatte mit Hillary Clinton, die „Silly Season“, also die alberne Saison, des Wahlkampfs. Dass ausgerechnet die „Times“ sie einleitet, ist kein gutes Zeichen.

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