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Der Quoten-Wahn Schmidt weg, Gottschalk wackelt

Sat.1 setzt Harald Schmidt vor die Tür, an Thomas Gottschalks Stuhl im Ersten wird gesägt: Alltagsszenen aus einer überhitzten Branche, die nur noch Quoten, nicht mehr Qualität erkennt.

© dapd Mehr Zeit fürs Theater: Harald Schmidt bei der Stuttgarter Generalprobe seines Liederabends „Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen“

In diesem Punkt lege er sich eindeutig fest, sagte der Manager Fred Kogel einmal im Interview mit dieser Zeitung: „Late Night kann in Deutschland nur Harald Schmidt.“ Und da Harald Schmidt nach dem 3. Mai bei Sat.1 seine Late-Night-Show nicht mehr machen kann, sieht es für dieses Genre düster aus.

Michael Hanfeld Folgen:

Was nicht nur wegen Schmidt ein Jammer ist, sondern eine unbedingt zu besetzende Leerstelle bedeutet - die des intellektuellen Spötters, der die „hysterische Wirklichkeit“ (Schmidt) und die besondere Rolle der Medien darin bricht. Das kann keiner wie Schmidt, das versucht nicht mal einer - die vergeblichen Bemühungen von Benjamin Stuckrad-Barre bei ZDFneo lassen wir einmal außen vor.

Dabei haben wir den Spötter vom Dienst als Stimme der Vernunft nötiger denn je, allein als Gegenpol zur Kakophonie der vor allem im Ersten nicht endenden Talkrunden, die längst ihr eigenes Paralleluniversum bilden. Wer dringt in diese Galaxien - im Fernsehen - nun vor?

Schmidt sagt „Schade“

Am 3.Mai hätte Harald Schmidt in die Sommerpause gehen sollen. Er geht auch, nur kehrt er nicht mehr zurück. Man habe sich „nach intensiven Gesprächen darauf verständigt, dass dieser Tag gleichzeitig das Finale der Sendung bedeutet“, teilt Sat.1 mit. Die Gespräche dürften sehr intensiv gewesen sein. Darauf deutet Schmidt einsilbige Stellungnahme: „Schade.“

Und darauf deutet der Hinweis von Schmidts Manager Fred Kogel: Die Sendungen seien gut gewesen, „die Quoten waren es insgesamt noch nicht. Eine tägliche Late Night Show braucht entsprechende Rahmenbedingungen und vor allem Zeit. Wenn man darüber keine Einigung erzielen kann, hört man besser auf.“

Nach nur neun Monaten ist für Harald Schmidt nun also die Zeit gekommen, dabei hatte der Sender beim Staffelbeginn im vergangenen September Stein und Bein geschworen, zunächst nicht auf die Quoten zu schauen. Einen Vertrag über zwei Jahre schloss man ab, was bedeutet, dass Schmidt wahrscheinlich für den sudden death, den ihm der Sender bereitet, eine Abstandszahlung zustehen dürfte.

Am Ende regiert doch auch bei Sat.1 die Ungeduld, mit der einige in der ARD die Sendung von Thomas Gottschalk im Ersten begleiten. Dabei äußert sich der Sat.1-Geschäftsführer Joachim Kosack so, als trete Schmidt nicht ab, sondern gerade erst an: „Harald Schmidt ist für mich persönlich Late Night der Extraklasse. Doch auch die Erhöhung der wöchentlichen Frequenz auf drei Ausgaben hat die Fangemeinde leider nicht ausreichend erweitern können. Ich danke Harald Schmidt und seinem gesamten Team herzlich für viele wunderbare Sendungen.“

Sie können sich die Hände reichen

Schmidts Extraklasse muss man aber erkennen und sich leisten wollen. Die ARD, bei der er bis zum vergangenen Jahr war, wollte das nicht, sie musste ihr Überangebot an Talkmastern bewältigen und ordnete der Verpflichtung von Günther Jauch alles andere unter. Über oder mit Schmidt sprach niemand mehr. Die Rückkehr zu seinem alten Sender Sat.1 erschien als - von Fred Kogel clever ausgehandelte - glückliche Fügung. Und Schmidt legte mit Aplomb los, er ist zu alter Hochform aufgelaufen und hält diese bis heute, er seziert das politische wie das mediale Geschehen wie kein Zweiter im Fernsehen.

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