In diesem Punkt lege er sich eindeutig fest, sagte der Manager Fred Kogel einmal im Interview mit dieser Zeitung: „Late Night kann in Deutschland nur Harald Schmidt.“ Und da Harald Schmidt nach dem 3. Mai bei Sat.1 seine Late-Night-Show nicht mehr machen kann, sieht es für dieses Genre düster aus.
Was nicht nur wegen Schmidt ein Jammer ist, sondern eine unbedingt zu besetzende Leerstelle bedeutet - die des intellektuellen Spötters, der die „hysterische Wirklichkeit“ (Schmidt) und die besondere Rolle der Medien darin bricht. Das kann keiner wie Schmidt, das versucht nicht mal einer - die vergeblichen Bemühungen von Benjamin Stuckrad-Barre bei ZDFneo lassen wir einmal außen vor.
Dabei haben wir den Spötter vom Dienst als Stimme der Vernunft nötiger denn je, allein als Gegenpol zur Kakophonie der vor allem im Ersten nicht endenden Talkrunden, die längst ihr eigenes Paralleluniversum bilden. Wer dringt in diese Galaxien - im Fernsehen - nun vor?
Schmidt sagt „Schade“
Am 3.Mai hätte Harald Schmidt in die Sommerpause gehen sollen. Er geht auch, nur kehrt er nicht mehr zurück. Man habe sich „nach intensiven Gesprächen darauf verständigt, dass dieser Tag gleichzeitig das Finale der Sendung bedeutet“, teilt Sat.1 mit. Die Gespräche dürften sehr intensiv gewesen sein. Darauf deutet Schmidt einsilbige Stellungnahme: „Schade.“
Und darauf deutet der Hinweis von Schmidts Manager Fred Kogel: Die Sendungen seien gut gewesen, „die Quoten waren es insgesamt noch nicht. Eine tägliche Late Night Show braucht entsprechende Rahmenbedingungen und vor allem Zeit. Wenn man darüber keine Einigung erzielen kann, hört man besser auf.“
Nach nur neun Monaten ist für Harald Schmidt nun also die Zeit gekommen, dabei hatte der Sender beim Staffelbeginn im vergangenen September Stein und Bein geschworen, zunächst nicht auf die Quoten zu schauen. Einen Vertrag über zwei Jahre schloss man ab, was bedeutet, dass Schmidt wahrscheinlich für den sudden death, den ihm der Sender bereitet, eine Abstandszahlung zustehen dürfte.
Am Ende regiert doch auch bei Sat.1 die Ungeduld, mit der einige in der ARD die Sendung von Thomas Gottschalk im Ersten begleiten. Dabei äußert sich der Sat.1-Geschäftsführer Joachim Kosack so, als trete Schmidt nicht ab, sondern gerade erst an: „Harald Schmidt ist für mich persönlich Late Night der Extraklasse. Doch auch die Erhöhung der wöchentlichen Frequenz auf drei Ausgaben hat die Fangemeinde leider nicht ausreichend erweitern können. Ich danke Harald Schmidt und seinem gesamten Team herzlich für viele wunderbare Sendungen.“
Sie können sich die Hände reichen
Schmidts Extraklasse muss man aber erkennen und sich leisten wollen. Die ARD, bei der er bis zum vergangenen Jahr war, wollte das nicht, sie musste ihr Überangebot an Talkmastern bewältigen und ordnete der Verpflichtung von Günther Jauch alles andere unter. Über oder mit Schmidt sprach niemand mehr. Die Rückkehr zu seinem alten Sender Sat.1 erschien als - von Fred Kogel clever ausgehandelte - glückliche Fügung. Und Schmidt legte mit Aplomb los, er ist zu alter Hochform aufgelaufen und hält diese bis heute, er seziert das politische wie das mediale Geschehen wie kein Zweiter im Fernsehen.
Nur die Zuschauer ziehen nicht mehr in dem gewohnten Maße mit. Lag Schmidt in seinen früheren Jahren bei Sat.1 bei zweistelligen Marktanteilen, kann er sich jetzt mit dem in der ARD leidgeprüften Thomas Gottschalk die Hände reichen. Die beiden, die sich in den vergangenen Wochen auch aneinander abgearbeitet haben, liegen bei Marktanteilen so um die fünf Prozent. Das sind am Vorabend bei Gottschalk eine bis höchstens eineinhalb Millionen Zuschauer, bei Harald Schmidt am späten Abend sind es 750.000, inklusive eines Marktanteils von rund sieben Prozent bei den Zuschauern im Alter zwischen vierzehn und neunundvierzig Jahren, die für das werbefinanzierte Privatfernsehen besonders wichtig sind.
Und auch im Studio war zu erkennen, dass Harald Schmidts Reife einen gewissen, auch historischen Bildungsgrad voraussetzt, der sich, um es vorsichtig zu sagen, mit dem Erfahrungskanon der Jüngeren aus der Generation Internet immer weniger deckt. Sie wissen mit Schmidts Bezügen schlicht nichts anzufangen und sind daher auch für seine Witze verloren - es sei denn, Olli Dittrich latscht als Sidekick ins Studio und übt sich mit Schmidt in Albereien. Schmidts Bemühungen wiederum, Facebook und Twitter in die Show einzubauen, muss man als gescheitert betrachten - das war mühsam und selten witzig.
Ein gutes Ergebnis bei den Jungen und ein zweistelliger Marktanteil insgesamt muss es bei den Programmchefs - im privaten wie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen - aber heutzutage schon sein. Wer bei den großen Sendern hüben wie drüben unter zehn Prozent liegt, kann inhaltlich noch so sehr überzeugen - er ist dem Tode geweiht.
Falsch- und Halbwahrheiten über Gottschalk
Also straft der Sat.1-Geschäftsführer Kosack, dessen Sender nicht nur Quote holen, sondern auch für die Finanzinvestoren KKR und Permira Kohle machen muss, sich selber Lügen und gibt Schmidt den Laufpass. Und also sägt Volker Herres, der Programmdirektor des Ersten, - ritze, ratze - am Stuhl von Thomas Gottschalk, dessen Sendung die Zuschauer schließlich zur „Tagesschau“ hinführen soll, der nach wie vor meistgesehenen Nachrichtensendung des deutschen Fernsehens.
Die unfeinen Manöver hat Gottschalks neuer Redaktionschef Markus Peichl in einem Radiointerview gegeißelt. Die Programmdirektion der ARD solle doch, bevor sie die Presse informiere, nachdenken, bevor sie „Falsch- und Halbwahrheiten“ verbreite - vor einigen Tagen war die Meldung aufgetaucht, die Intendanten hätten schon mehr oder weniger beschlossen, Gottschalk vorzeitig abzusetzen, was vielleicht dem Wunschdenken einiger, aber - noch - nicht den Tatsachen entspricht.
Der Meinungsbildungsprozess im Ersten verläuft in solchen Fällen wie üblich mit allen Finessen des föderalen Meinungskampfes, bei Sat.1 geht es von heute auf morgen: Schmidt weg, Gottschalk auf der Kippe. Dieser Frühling scheint für die beiden Fernsehpatriarchen zum Herbst zu werden. Für Gottschalk machen sie im Ersten schon Hintertürchen auf, die zu abendlichen Schmalspurshows à la „Wetten, dass ..?“ führen.
Doch wo bleibt Schmidt, der kein Hehl daraus macht, dass er „neunzig Prozent der Branche für schwachsinnig“ hält? „Late Night ist alles, was der Fall ist. Was immer uns interessiert. Das ganze Leben. Es wird alles verheizt, alles“, sagt Schmidt. Fürs Erste hat das Fernsehen ihn verheizt. Am 5. Dezember 1995 trat er zum ersten Mal mit dem damals fürs deutsche Fernsehen neuen Genre auf. Bei Sat.1 blieb er bis Ende 2003, dann kam, nach einer Pause, die ARD, nun, für neun Monate nur, wiederum der Privatsender. Es ist das Ende einer Ära. Diese Sommerpause wird ein langer Winter.
Das völlige Versagen unserer Unterhaltungsindustrie..
Franz Muller (fmuller)
- 31.03.2012, 12:29 Uhr
Nicht immer gut aber mehr als wichtig...
János Sin (SirDandy1979)
- 30.03.2012, 11:10 Uhr
find ich nicht schlimm, WÖ machts viel besser!
Matthias Eibl (matthiaseibl)
- 29.03.2012, 19:50 Uhr
3 mal zuviel.
Matthias Frank (ernstl1704)
- 29.03.2012, 15:26 Uhr
"Dirty Harry" soll ruhig in Rente gehen,
Verena Haas (hibiskuss)
- 29.03.2012, 15:13 Uhr