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Veröffentlicht: 22.04.2012, 19:31 Uhr

Der Profiler Axel Petermann Er arbeitet auf der Spur

Die Lösung realer Verbrechen ist Aufgabe des Bremer Profilers Axel Petermann. Aber er liebt die Fiktion und arbeitet deshalb mit dem Frankfurter „Tatort“-Team zusammen.

von Hans Hütt
© Daniel Pilar Profiler Axel Petermann: In einem Raum im Keller des Bremer Polizeipräsidiums sammeln er und seine Kollegen alles, was sie über einen Fall wissen.

Auf den Umschlägen seiner beiden Bücher (zuletzt: „Im Angesicht des Bösen“ bei Kindler) sieht Axel Petermann aus wie ein Schauspieler. Skeptisch, etwas melancholisch, einer, der zu wissen scheint, wie es da draußen aussieht. Nicht gut. So einen Gesichtsausdruck zeigen Leute, die in menschliche Abgründe geblickt haben.

Irgendwie aber sieht Petermann auch aus wie ein in die Jahre gekommener Hippie, dem die langen Haare noch heute etwas bedeuten. Sie legen eine biographische Spur. Man könnte ihn für einen Philosophie- oder einen Musiklehrer halten, einen, der mit einem kaum hörbaren Sigmatismus über „Blumen des Böwen“ nachdenkt, über finstere Balladen.

Wäre da nicht dieser Trenchcoat mit den Schulterstücken und wäre da nicht dieser Satz in seinem ersten Buch, der gleich zu Beginn den Leser auf den Boden der Tatsachen zurückholt: „Das Gute ist, dass das, was das Böse ist, im Strafgesetzbuch steht.“

Elegante und rasante Schnitte

Axel Petermann ist Fallanalytiker bei der Bremer Kriminalpolizei. Seit 1980 hat er mehr als 1500 Todesfälle bearbeitet. Seit 2011 berät er das neue Frankfurter „Tatort“-Team: den Drehbuchautor Lars Kraume, den Regisseur Stefan Kornatz, die Schauspieler Nina Kunzendorf und Joachim Król.

Über seine Arbeit erzählt Petermann wie ein Desillusionierungskünstler. Er enttäuscht und überrascht. Ein Profiler sei kein moralischer Saubermacher. Sein Handwerk sei es, auf der Spur zu arbeiten. Nicht wie vierbeinige Schnüffler, eher wie ein Schauspieler aus der Lee-Strasberg-Schule oder wie ein Tänzer aus Pina Bauschs Truppe.

Tatort: Es ist böse © HR/Johannes Krieg Vergrößern Arbeiten wie Axel Petermann: Die Frankfurter „Tatort“-Kommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf) vor der Medienwand ihres Falles

In den Höhepunkten der „Tatorte“ entstehen „auf der Spur“ blitzartig fast tänzerisch wirkende Szenen, in denen die Kommissare in die Haut des Täters schlüpfen, auf seinen Spuren das Tatgeschehen nachstellen. So etwas Packendes, so elegant wie rasant Geschnittenes ist neu in der „Tatort“-Geschichte.

Die Choreographie verdankt sich dem Ergebnis einer minutiösen Rekonstruktion, in die wie in einem riesigen Puzzle alle Details passen und nicht dafür passend gemacht werden dürfen. Deshalb führt das Frankfurter „Tatort“-Team zurück zum Handwerk der Polizeiarbeit, belässt die Geheimnisse der beiden Kommissare und ihre Macken in der Schwebe, was sie noch interessanter macht, als sie schon sind.

Die energiegeladene, kesse Nina Kunzendorf und der verhaltene, scheue Joachim Król machen auf den von Axel Petermann gelegten Spuren für den Fernsehkrimi neue Pfade gangbar.

Die Besuche im Knast

Bei Spaziergängen am Duhner Strand erzählt Petermann, warum ihm die Zusammenarbeit mit den „Tatort“-Leuten so gut gefällt. Er liest selbst Krimis, liebt die alten Sjöwall/Wahlöö-Stücke, wie kann es anders sein bei einem Kriminalkommissar aus der Freien Hansestadt Bremen. Auch Mankells Wallander gefällt ihm und die Fernsehproduktion zu Stieg Larssons Trilogie um die Punkgöre Lisbeth Salander. Den norwegischen Autor Jo Nesbø findet er nicht so überzeugend.

Der analytische Blick auf Fallgeschichten lenkt die Aufmerksamkeit des Profis auf Muster, auf Versatzstücke, auf effektvolle Tricks aus der Kiste. Dass er seine Arbeit einbringen kann in die Fernsehunterhaltung, betrachtet er nicht als Verrat, eher als Haltung in der Unterhaltung. Denn die Realität da draußen ist böse genug, um uns unruhig zu machen. Petermanns Blick von den Buchumschlägen erzählt das auf eigene Weise.

Seine Arbeit auf der Spur des Bösen führt ihn immer wieder zu den Bösen selbst, ins Gefängnis, in die Anstalten des Maßregelvollzugs. Da sitzen die Experten ein. Manche besucht Petermann noch viele Jahre nach ihrer Verurteilung, weil ihm die letzte Erklärung für ein Detail fehlt, er keine Ruhe gibt, bis er verstanden hat, was das Böse in ihnen in Gang setzte. So auch im Fall des neuen „Tatorts“, der auf einem von ihm ermittelten Serienmord beruht. Mehr als fünfzehn Jahre nach dem Fall besuchte Petermann den Täter. Ein Kamerateam dokumentierte das Interview.

Zum Beispiel Plastikindianer verbrennen

Die Frankfurter „Tatort“-Crew nutzt das Interview so genial, dass es dem Zuschauer die Sprache verschlägt. Der Serienmörder erzählt von seiner Kindheit, wie es aussah, wenn seine Mutter böse mit ihm war und dann Tage oder ganze Wochen lang schwieg, um ihm deutlich zu machen, dass er eine Regel verletzt hatte. Der Täter erzählt, was in ihm als Einzelgänger vorging, wenn er in der Schule darüber nachdachte, was er am Nachmittag wohl machen würde. Plastikindianer verbrennen zum Beispiel. An der Glasscheibe des Kohleofens.

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Oder was es heißt für das Kind, sich nicht wehren zu können, wenn ihm die Worte fehlen, um der Spottlust der anderen zu begegnen. Oder wie er sich auf die erste Tat vorbereitet und in die Tür gestochen hat. Das ging aber irgendwie nicht. Und dann sei er eben zu dieser ersten Frau hingefahren.

Wenn man die Sätze liest und den Täter sprechen sieht, begreift man erst, was für eine Tiefe des kriminalistischen Handwerks in diesem „Tatort“ steckt und wie zutreffend der Titel darauf vorbereitet, was uns erwartet: Es ist böse.

Quelle: F.A.Z.

 

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