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Veröffentlicht: 07.05.2017, 17:13 Uhr

„Polizeiruf 110“ aus München Nachts auf der Station

Im „Polizeiruf 110“ hat es Kommissar von Meuffels stets mit großen Gegenspielern zu tun. Diesmal geht es um ungeklärte Todesfälle auf einer Pflegestation. Die einzige Zeugin ist dement.

von Heike Hupertz
© BR/Hendrik Heiden In guten Händen? Frau Strauß (Elisabeth Schwarz, links) und Marija (Marina Galic) haben ein gutes Verhältnis zueinander.

Schichtende, Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) will nichts mehr sehen von all dem Elend da draußen. Er ist übermüdet, als ein Taxifahrer die verwirrte alte Frau im Nachtgewand spätabends beim Präsidium abliefert. Mit Falschgeld wollte sie zahlen, ihr Ziel war die Polizei. Es habe einen Todesfall im Pflegeheim gegeben, jemand sei erschlagen worden. Lachhaft, sagt der Nachtdienst, nachdem Meuffels das Heim von Elisabeth Strauß (Elisabeth Schwarz) gefunden hat. Hier stirbt dauernd jemand. Vor einigen Stunden war es eben der alte Herr Urban. Angehörige sind nicht benachrichtigt, Urban hatte notieren lassen: Bei Todesfall Verwandte nicht nachts stören. Einen Totenschein gibt es auch noch nicht, der Arzt kommt morgens.

Tot ist tot, drei Pfleger gleichzeitig bis Sonnenaufgang sind nach Ansicht der Heimleitung luxuriös, aber Meuffels kann gern zusehen, was auf der Station los ist, bevor der Tag beginnt. Kein vorschnelles Urteil, suggeriert der Schichtleiter Sebastian Kroll (Philipp Moog), während er Windeln wechselt, Orientierungslose zurückschickt, Medikamente verteilt, Erbrochenes beseitigt und Bettpfannen leert; mechanisch und mit tiefer Müdigkeit, die nichts Körperliches hat. Routiniert helfen ihm Tscharlie (Florian Karlheim) und Marija (Marina Galic). Sie sind nicht empfindungslos, sie haben keine Zeit für Zuwendung.

Individualität geht verloren

Die Kamera von Klaus Eichhammer nimmt ohne Rücksicht in den Blick, was sonst verborgen bleibt. „Nachtdienst“ von Rainer Kaufmann, Ariela Bogenberger und Astrid Ströher ist kein Krimi, obwohl Menschen in diesem „Polizeiruf“ gewaltsam zu Tode kommen. Der Film ist eine ästhetisch herausragend gestaltete Anklage; eine Nachtmahrgeschichte über die Schrecken des Endes der Individualität und den Verlust des Menschlichen, getragen von einem brillanten Ensemble steinalter Schauspieler. Der Film hält sich nicht mit Andeutungen auf, seine Übertreibung ist systematisch.

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In der Figur des ehemaligen SEK-Beamten und Scharfschützen Grübner (Ernst Jacobi) schildert er auch den – vergeblichen – Kampf um das Sichtbarmachen von Missständen im Pflegebereich. Kurze Kamerablicke in die Zimmer der Heimbewohner zeigen, dass Menschen mit Geschichte hinter den Türen leben. Gerahmte Familienfotos, Universitätsdiplome, hier und da ein antikes Möbelstück. Die letzte Etappe findet in Banane, Aubergine, Traube, Pilz oder Zitrone statt, so lauten die Zimmernamen. Elisabeth Strauß wohnt in Banane. In lichten Momenten versprüht sie Jungmädchencharme, in finsteren der Demenz Verbalinjurien.

© ARD Fernsehtrailer: „Polizeiruf 110: Nachtdienst“

Dass sich bis zum Morgengrauen noch Schrecklicheres abspielt, zeigt der dreizehnte „Polizeiruf“ mit Hanns von Meuffels gleich zu Beginn. Er braucht dazu nur Sekunden, in denen man eine filmisch und dramaturgisch meisterliche Rolle rückwärts sieht. Alles läuft rückwärts, Bilder, Ton, Darsteller. Bis auf Frau Strauß. Der Kommissar schwankt, kneift die Augen zu, als ob blinzeln das Gesehene vertreiben könnte. Der Sturmtrupp des SEK rennt los: Alle raus! Schwarzblende und auf Anfang. Ein Taxifahrer liefert eine verwirrte Frau im Nachtgewand bei der Polizei ab, Meuffels kümmert sich. Er erfährt, dass die demente Frau Schwarz Inhaberin von drei Parfümerien war und Musik liebte. Im Laufe des Nachtdienstes setzt sie sich ans Piano im Aufenthaltsraum und spielt, vergisst, spielt weiter. Ein „Nocturne“ von Chopin? Es kann nichts anderes sein. Meuffels hilft ihr, sich zu erinnern. Dann der finale Akkord, sie sagt: „Das war es“, ein langer Blick.

Eine unzuverlässigere Zeugin als diese kann man sich nicht vorstellen. Blutspritzer an der Wand sind verdächtig. Die Spurensicherung fällt aus allen Wolken. Aber Schuld war schon immer Meuffels Thema. Kaufmanns und Bogenbergers Film ist zwar ein Solitär, so wie fast alle „Polizeiruf“ mit Matthias Brandt, aber bald, wenn er den Dienst quittiert hat, wird man „Nachtdienst“ in die Galerie der Inventionen zum Begriff der Schuld einreihen können. Immer wieder hat Meuffels auch in eigener Schuldsache ermittelt. Immer wieder hatte er es mit großen Gegenspielern zu tun. In diesem gesellschaftskritischen Nocturne ist es Elisabeth Schwarz, die zum Niederknien spielt.

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