14.08.2006 · Er kann sich schöne Filme über den Frieden der Kulturen vorstellen: Der Papst gibt ARD und ZDF ein Fernsehinterview und erweist sich in der gewandelten Weltlage von heute als der letzte Multikulturalist.
Von Patrick BahnersMit allem, was er sagt, löst der Papst Proteste aus. Auf die Frage nach einem zeitgemäßen Verständnis des Petrusamtes, die ihm im Fernsehinterview am Sonntag vorgelegt wurde, könnte eine Antwort lauten, daß der Fels, auf den die Kirche gebaut ist, Stein des Anstoßes sein muß. Auch die freundlichsten Einlassungen werden „von unten“ kritisiert werden - die Mitteilung etwa, über die Notwendigkeit der Sichtbarkeit von Frauen in höheren Positionen werde „natürlich sehr nachgedacht“, wobei offenblieb, ob dieses Denken seinen Ort hauptsächlich in Aufsätzen von Kirchenrechtlerinnen in deutschen theologischen Zeitschriften hat oder tatsächlich auch im Vatikan. Einen Vorwurf aber wird sich Benedikt XVI. von keinem geweihten oder ungeweihten Mitspieler im heilsgeschichtlichen Drama anhören müssen: Und die Botschaft? Und was ist mit der Botschaft?
Man konnte am Sonntag erschrecken über das hohe Tempo der ersten Antworten, das mit dem förmlichen Rahmen und der beschaulichen Atmosphäre von Castelgandolfo - jede Viertelstunde läuteten die Glocken - in beinahe bizarrer Weise kontrastierte. Auf dem hohen Papststuhl saß, scheinbar in sich zusammengesunken, ein alter Mann, der etwas loswerden wollte. Denkbar harmlos war die Einstiegsfrage des BR-Fernsehdirektors Fuchs: ob er bei seinem Heimatbesuch den Menschen auch den Wert der Heimat vermitteln wolle? Der Papst bejahte aus vollem Herzen, drängte dann aber sogleich hinaus über den engen Gesichtskreis von Marktl, Alt- und Neuötting, ins weltkirchliche Weite, über - einen Moment lang redete er wie Angela Merkel beim Verkünden eines Koalitionskompromisses - „Wege, die nach vorn führen“, in den offenen Raum der Begegnung „zwischen den Kulturen“. Und damit war der Schlüsselbegriff der Unterhaltung gefallen. Wie sollte man diese Ungeduld verstehen beim berühmten Apologeten des Ewigen und Bewährten? Ist Joseph Ratzinger jene Unruhe der theologischen Wissenschaft, die seine Altersgenossen zu manchen Torheiten veranlaßt hat, im letzten Amt in die Glieder gefahren?
Vielleicht auch Filme lancieren
Einen Wink gab am Ende des Gesprächs die ausführliche Antwort auf die Frage nach der Inflation der Selig- und Heiligsprechungen unter Johannes Paul II. Im Zuge der Erwägung, was man tun könne, um die Heiligen aus der Anonymität des Aktenvorgangs zu erlösen und für das Kirchenvolk sichtbar zu machen, entwickelte Benedikt den Gedanken, es wirkte spontan und war gewiß nicht nur eine Freundlichkeit gegen über den Herren vom Fernsehen, man könne „vielleicht auch Filme über solche Gestalten lancieren“. Wer im Weltjugendtagssommer in einem leeren Kinosaal einer rheinischen Bischofsstadt den Film über den seligen Johannes XXIII. gesehen hat, wird geneigt sein, die Idee für zeitfremd zu halten. Aber sie ist bezeichnend für die optimistische Phantasie Benedikts XVI. „Ich könnte mir schöne Filme vorstellen.“ Er nannte dann nicht Pater Maximilian Kolbe oder Thomas Morus, obwohl sich Wissenschaftsministerin Schavan vor der nächsten Brüsseler Stammzellabstimmung ruhig noch einmal Fred Zinnemans Klassiker mit Paul Scofield ansehen sollte, sondern die Kirchenväter. Er wünscht sich „einen Film über Augustinus, über Gregor von Nazianz und seine ganz eigenartige Gestalt, weil er immer wieder davongelaufen ist, weil es ihm zuviel wurde und so“.
An allen großen Gestalten der Kirchengeschichte wird man wegen des Widerspruchs zwischen göttlichem Auftrag und menschlichen Mitteln bei näherem Hinsehen etwas Idiosynkratisches wahrnehmen, und das gilt besonders für diejenigen, die mit geistesheroischen Tugenden gesegnet sind. Joseph Ratzinger ist nie davongelaufen, aber er hat sich auf der langen Strecke eine erstaunliche Sprintfähigkeit bewahrt.
Nicht Macht: Realität
Man wurde erst recht aufmerksam, wenn der sprudelnde Redefluß für winzigste Bruchteile dieser erstaunlich substantiellen halben Stunde stockte. Im Kontext der Aids-Bekämpfung korrigierte sich der Papst, nachdem er zunächst gesagt hatte, in mancher Kriegsregion Afrikas sei die Kirche heute „die letzte intakte Macht“. Seine angebliche Macht in moralischen Dingen (es schwingt mit: bei den Unaufgeklärten) wird dem Papst bei diesem Thema ja immer vorgehalten, und als Machtapparat wird die Kirche auch von jener soziologischen Kirchenkritik beschrieben, die sogar unter den ranghöchsten Mitarbeitern Benedikts ihre Anhänger hat. Also „nicht Macht: Realität“.
Ein Lächeln deutete der Papst an, als er etwas Wasser in den Wein der kölnischen Freude über das Zusammenkommen und Beisammensein von Jugendlichen goß. Das ist alles gut und schön und berauschend, aber die Kirche muß den „Mut zu endgültigen Entscheidungen“ wecken. Man mochte sich an einen Mitbruder im Bischofsamt erinnern, der den Kondomabfall bei solchen Gelegenheiten zu den unauslotbaren Nebenfolgen des frommen Enthusiasmus zu rechnen geneigt ist. In der Antwort auf die obligatorische Frage des ZDF-Programmdirektors Bellut nach dem Stand der Ökumene im „Land der Reformation“ machte der Papst eine höfliche Einschränkung, die man auch als listig lesen konnte. In der EKD gibt es, „wenn ich recht weiß“, drei größere Gemeinschaften. Als ob es nicht nach Rom gemeldet worden wäre, wenn Bischof Hubers „Leuchtfeuer“ mittlerweile den großen Fusionseifer entzündet hätten!
Der Protestantismus ist Teil jener bisweilen verwirrenden, regelmäßigig zerfallenden und sich dann wieder neu arrangierenen modernen Pluralität, über die Benedikt sich keineswegs negativ äußerte. Im Gegenteil: Auch bei Gegenständen, die das scheinbar gar nicht nahelegen, wie beim Verhältnis von Papst und Bischöfen, sprach er die „Polyphonie der Kulturen“ an. Man darf bedauern, daß die deutschen Gäste ihn nicht nach dem Islam und vielleicht sogar nach dem Kopftuch gefragt haben. Die „drastische Laizität“ der „rein rationalen Kultur“ wird nach seiner Überzeugung den Frieden der Kulturen nicht stiften. Mit der Problematik der Vielheit wächst die Bedeutung des Wächters der Einheit. Aber Joseph Ratzinger, der in Eintracht mit Jürgen Habermas den Universalismus der Vernunft verteidigte, ist in der gewandelten Weltlage von heute der letzte Multikulturalist.