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Der neue „Tatort“ aus Luzern Die Schweiz hat es schwer mit sich und uns

 ·  Für das eidgenössische Film- und Kulturschaffen spielen die zwei Schweizer „Tatorte“ pro Jahr eine enorme Rolle. Aus Deutschland hagelt es oft Häme. Was sehr ungerecht ist, obwohl die heutige Luzern-Folge niemanden vom Hocker reißt.

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© Archiv Vergrößern So wichtig die Schweizer „Tatorte“ für das Filmschaffen des Landes sind, so schwer tun sich unsere Nachbarn mit den jeweiligen Stoffen - und mit dem Dialekt,

Wer erinnert sich noch an den Kriminalbeamten Howald, an Kommissar Carlucci, an Inspektor Philipp von Burg und Wachtmeister Gertsch? Sie alle waren Schweizer Bundespolizisten, versahen ihren Dienst in der Bundeshauptstadt Bern - und bis ins Jahr 2002 eben auch im „Tatort“, dem sonntäglichen Serienliebling der Deutschen.

In der „Tatort“-Geschichte hinterließen sie dabei nicht mehr als ein paar Fußnoten. Und nach dem neunten Fall von Burg und Gertsch verabschiedete sich das Schweizer Fernsehen dann für geraume Zeit aus der Endlos-Reihe.

Seit 2011 mischt man wieder mit, vorderhand läuft der Vertrag zwischen der ARD und dem SRF, dem Schweizer Radio und Fernsehen, bis Ende 2014. Er sieht zwei helvetische Folgen pro Jahr vor, vier sind inzwischen gelaufen.

Standort ist nun Luzern am Vierwaldstätter See, der Schauspieler Stefan Gubser ist Reto Flückiger, Leiter der Fachgruppe „Leib und Leben“ im Kriminal-Departement, seit der zweiten Folge steht ihm Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) zur Seite, zudem wuselt allerlei polizeiliches Jungvolk um ihn herum - das in Zukunft, so ist vom SRF zu hören, aus Kostengründen reduziert wird.

Enorme Bedeutung für die Eidgenossen

Für den „Tatort“-Konsumenten hierzulande ist auch die aktuelle Schweizer Außenstelle nicht mehr als eine weitere Variante in der ohnehin eher verwirrenden Kommissarsvielfalt. Welche Bedeutung das Mitwirken für die deutschsprachige Schweiz besitzt, machte jüngst ein Artikel in der Zürcher „Weltwoche“ deutlich.

Der Verfasser rechnete seinen Landsleuten vor, dass jenseits der Ferienzeit, in der man sich mit Wiederholungen begnügt, Sonntagabend für Sonntagabend bei jeder neuen Folge mindestens sechs, bisweilen sogar mehr als zwölf Millionen Deutsche, zudem gewiss nicht unter einer Million in Österreich und eben auch in der Schweiz zuschauten. Daraus folgt: „Die zwei jährlichen Schweizer ,Tatorte’ sind das größte Schaufenster für das Schweizer Film-, vielleicht sogar für das gesamte hiesige Kulturschaffen.“

Angesichts solch enormer und wohl auch zutreffender Wichtigkeitszuschreibung wundert es nicht, dass die vier bisherigen Flückiger-Folgen allesamt höchst umstritten waren, die Reaktionen der Kritiker schwankten zwischen (Fast-)Hymne und (Dauer-)Häme.

Zu viel oder zu wenig Dialekt?

Immer aufs Neue wiederholten sich auch die Themen, um die man sich stritt. Zu viele Schweiz-Klischees? Nicht genug Schweiz? Zu wenig Dialekt in den Dialogen oder ein viel zu üppiges, dazu auch noch schlampig gesprochenes Schweizerdeutsch, das bei uns eh kaum einer versteht?

Es ist wahrhaft ein Kreuz mit unserem so kleinen und dabei so reichen, unserem basisdemokratisch so vorbildlichen wie gesellschaftsmoralisch so verdrucksten, unserem steuerparadiesisch zwar verunsicherten, dabei schon aus Trotz gegenüber Herrn Steinbrück und dessen Kavallerie immer noch offenbarungsresistenten Nachbarn: Er kann es uns, wir können es ihm nie recht machen. Und mit sich selbst zurecht kommen die Schweizer auch nicht besser als wir mit uns.

Weshalb man am besten ruhig und gelassen konstatiert: Der neue, der fünfte „Tatort“ aus Luzern mit dem Titel „Geburtstagskind“ ist Durchschnitt - eher unterdurchschnittlich, um genau zu sein. Die Geschichte, die Tobias Ineichen (Regie) und Moritz Gerber (Drehbuch) erzählen, zieht sich ob des zähen Fortgangs der Ermittlungen schier unendlich und ist an ihren Schlüsselstellen psychologisch unplausibel.

Eine gewisse Verhärmung in Mienen und Gesten

Vor allem aber ist sie eines: atmosphärisch total verhärmt, was sich exemplarisch an der Miene und den Gesten von Delia Mayers Kommissarin Ritschard ablesen lässt und wozu auch der Nebel, der sich hier bisweilen bedeutsam über die Landschaft legt, das Seine beiträgt.

Restlos getilgt aus den Dialogen ist in der Fassung, die das Erste zeigt, jede noch so kleine schwyzerdütsche Reminiszenz - die Dialektversion gibt es zeitparallel ausschließlich im SRF: welch eine Synchronisationsbürokratie! Besonders grotesk wirkt das, weil zugleich beständig Alpenpanoramen, Altstadtansichten und braune Kühe auf satter Weide signalisieren: Hier, Zuschauer, ist Schweiz pur.

Bejammernswert ist deshalb auch die Figur des Kaspar Vogt, des leiblichen Vaters der getöteten vierzehnjährigen Amina: Der Schweizer Schauspieler Marcus Signer wirkt wie die Westentaschenausgabe des „Letzten Bullen“ Henning Baum von Sat.1 - und er spricht, mitten auf dem Luzerner Campingplatz, für die ARD-Zuschauer auch noch ein unverkennbar hamburgisch gefärbtes Hochdeutsch.

Gleichwohl: Dieser Schweizer „Tatort“ ist nicht schlechter als manches Mittelmaß aus hiesiger Produktion, weshalb sich auch das „Geburtstagskind“ bei gewiss respektabler Quote versenden wird. Schon wegen Gubsers elegischen Kommissars Flückiger ist jedoch zu hoffen, dass Luzern nächstens wieder nebelfrei und dialektfreudig wird.

„Tatort: Geburtstagskind“ läuft am Sonntag, 18. August, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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