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TV-Kritik „Tatort. Ätzend“ : Berliner Schnauze ist auch nicht alles

Bild: rbb/Volker Roloff

Im „Tatort“ treten sich Meret Becker und Mark Waschke als Kommissare ausgiebig selbst auf die Füße. Soll das der neue Hit aus der Hauptstadt sein? Da haben wir Zweifel.

          Eine Kleingartensiedlung wird abgerissen, Mietshäuser werden gebaut: Hurra, die Gentrifizierung ist da! Das kennt man ja in Berlin. Außergewöhnlich ist allerdings das blaue Plastikfass, das der Bagger aus der Erde gräbt und aus dem ätzende Brühe läuft. Noch unschöner ist der Fund einer Leiche, die nur unzureichend aufgelöst ist und die der eilends herbeigerufenen Polizei einen ganzen Indizienhaufen hinterlässt. Vor allem einen Herzschrittmacher, dessen Besitzer anhand der Nummer schnell ermittelt ist: der überraschend lebendige iranische Besitzer eines Dentallabors in Neukölln.

          Dieser Ferhat Merizadi – laut Herzschrittmacher tot, laut Pass lebendig – ist ganz offensichtlich nicht er selbst. Aber wer ist er dann? Ferhat ist wohl sein Bruder, Saed Merizadi (Husam Chadat), Vater eines Sohnes, Arash, und Gatte einer hochschwangeren Frau, Layla (Elmira Rafizadeh). Kurz nachdem er festgenommen wird, weil er verdächtig ist, seinen Bruder getötet und dessen Identität angenommen zu haben, verschwinden seine Angehörigen – sie leben illegal in Berlin. Aus Angst vor einer Abschiebung will die ganze Familie Merizadi lieber gar nicht mit Behörden reden, auch nicht über den Tod von Ferhat, was die Aufklärung der Angelegenheit nicht leichter macht. Aber das ist bei diesem Fall nicht die einzige Schwierigkeit.

          Haben lieber nichts mit der Polizei zu tun: Familie Merizardi (Elmira Rafizade und Tan Julius Ipekkaya).

          Im März lief die erste Folge des grunderneuerten Berliner „Tatorts. Das Muli“ und damit die erste mit Meret Becker und Mark Waschke als Ermittler Nina Rubin und Robert Karow. Sie lösten nach dreißig Folgen die allzu öden Kommissare Till Ritter und Felix Stark ab. Die Rollenverteilung zwischen den beiden war von Anfang an klar: Karow lässt den herablassenden Fiesling heraushängen, Rubin die Emotionale, die ihrem Partner nicht über den Weg traut. Dementsprechend besteht ein Großteil der Kommunikation aus berlinerisch eingefärbten Pampereien und Misstrauensbekundungen. Meret Becker jedenfalls gibt sich redliche Mühe, den hölzernen Drehbuchsätzen eine einigermaßen glaubwürdige Widerspenstigkeit einzuhauchen.

          Wer erschoss den Kollegen?

          Der Grund für die Abneigung zwischen den beiden liegt in der Vergangenheit: Karows Partner wurde im Dienst erschossen, die Tat ist bis dato ungeklärt. Wie Karow selbst mit drinhängt, weiß man nicht, munkelt aber nach Kräften herum. Nun tauchen im zweiten Fall Hinweise auf, die Karow zugespielt werden, was ihn wiederum zu Ermittlungen auf eigene Faust veranlasst, die das Büroklima weiter eintrüben. Und Rubin recherchiert unterdessen Karow hinterher, wenn sie nicht gerade mit ihrem Ex-Mann Sorgerechtsfragen um den gemeinsamen Sohn klärt. Neu an diesem Berliner „Tatort“ ist also nicht nur das Duo Becker/Waschke, sondern auch die horizontale Erzählweise mit übergreifendem Handlungsbogen, der über ein wenig biographische Grundierung deutlich hinausgeht. Es geht also eigentlich um zwei Fälle, die an einigen Stellen Überschneidungen zeigen: Es geht um Ferhat Merizadi, seinen Bruder, dessen Familie und die Sorgen, die ein möglichst unauffälliges Leben ohne Aufenthaltsgenehmigung mit sich bringen – und es geht um Karows erschossenen Kollegen.

          Und ein Fall geht dabei zu Lasten des anderen (Regie Dror Zahavi). Nicht nur in der Ermittlung kommt man sich in die Quere, sondern auch in der Entfaltung der Erzählung. Denn das sind ja eine ganze Menge Themen und eine ganze Menge Verwicklungen, die an jeder einzelnen Figur hängen und im knappen „Tatort“-Format kaum adäquat erzählt werden können. Das Drehbuch (Stephan Wagner und Mark Monheim) kann sie bestenfalls anreißen und muss immer dann, wenn es interessant wird, zum nächsten Erzählstrang hetzen. In einem halben Jahr folgen dann ein paar weitere Facetten. Ob das gutgeht? Als Zuschauer sollte man jedenfalls eine große Liebe für Berliner Abgründe und Schnodderigkeiten mitbringen, um das Geholper zu überstehen.

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