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ARD-Krimi „Über die Grenze“ : Das Verbrechen macht nirgendwo halt

  • -Aktualisiert am

Sie haben ein gemeinsames Ziel: Die Kommissare Steffen Herold (Thomas Sarbacher, l.) und Yves Kleber (Philippe Caroit) machen nicht Dienst nach Vorschrift. Bild: SWR/Polyphon/Benoît Linder

Was denn, jetzt auch noch Krimis deutsch-französischer Natur? Das klingt nach EU-Tristesse, ist aber so gut, dass man sich davon nur mehr wünschen kann: „Über die Grenze“ im Ersten.

          Das ist doch mal ein Krimi, wie man ihn sich für ein europäisches Fernsehen wünscht. Er heißt „Über die Grenze“, und da spielt er – in Deutschland und in Frankreich, und zwar so richtig. Er verzichtet auf touristische Schauwerte. Zwischen Kehl und Straßburg gibt es in der Auftaktfolge „Alles auf eine Karte“ Felder, Wälder und Autobahn, hüben wie drüben. Oft geht die Orientierung verloren. Befinden sich die Beteiligten bei ihrer Verfolgungsjagd jetzt gerade auf französischem oder deutschem Hoheitsgebiet? Es sieht überall gleich aus, die Grenze wirkt wie ein willkürlicher Strich in der Landschaft, und die Mitglieder der Ermittlertruppe „GZ“ unterscheiden sich zwar durch Sprache und kulturellen Hintergrund, aber nicht durch ihre Arbeitsweise.

          Gerade hat in Kehl das jüngste Mitglied der Polizeieinheit Einstand gefeiert. Leni Herold (Anke Retzlaff) hat die Polizeischule absolviert, brennt vor Ehrgeiz und findet es lästig, unter den Fittichen ihres Vaters Steffen Herold (Thomas Sarbacher), des Leiters der Gruppe, zu arbeiten. Diese beschattet seit zwei Wochen zwei Berufskriminelle, Danne Marquardt (Sebastian Hülk) und Milou Jangy (Rick Okon), bei ihren Vorbereitungen zu einem Banküberfall. Der Zugriff missglückt, Kollege Chalid Boulemain (Omar El-Saeidi) geht nach einem Kopfschuss zu Boden, Leni wird Geisel einer ziellosen Odyssee im Wagen zweier brandgefährlicher Adrenalinjunkies.

          Ségolène Combass (Noémie Kocher), weisungsbefugte Französin im GZ, schickt Herold nach Hause und setzt Yves Kléber (Philippe Caroit) als Leiter der Ermittlung ein. Die beiden Männer verbindet eine alte Freundschaft, die vor zwei Jahrzehnten ein abruptes Ende nahm, vermutlich wegen Sabine (Jenny Schily), Lenis Mutter und Steffens Ehefrau. Kléber und Herold: Kurz knurren sie sich an, um dann jenseits jeden offiziellen Dienstwegs die Verfolgung der Entführer aufzunehmen. In Kehl halten Tino Loher (Bernhard Piesk) und Joanne Trudeau (Karmela Shako) die EU-Stellung. In einer Wohnwagensiedlung kommt es zur Konfrontation mit schwerbewaffneten Fahrenden (Jevgenij Sitochin, Petra Berndt), die die Grenze ohnehin nicht akzeptieren.

          Das deutsch-französische Team bei der Arbeit: Christian Junker, Omar El-Saedi, Anke Retzlaff, Bernhard Piesk und Karmela Shako (von links).

          Der Regisseur Michael Rowitz macht genauso wenig Gefangene wie das Drehbuch. Seine geradlinige Inszenierung hat keine Zeit für deutsch-französisches Etepetete oder Gefühligkeit. Die Hintergrundgeschichte wird einmal rasant gestreift und auf später vertagt. Auf spätere Folgen, hoffentlich. Die wilde Handkamera zu Beginn mit entsprechend hastiger Schnittfolge (Kamera Stefan Unterberger, Schnitt Andreas Althoff) fokussiert sich zunehmend, die Einstellungen werden länger und bekommen mehr Atem. Auch die Gestaltung der erzählten Zeit hebt „Über die Grenze“ aus der Thriller-Massenware deutlich heraus. Helmut Zerlett steuert das passende Spannungs-Sounddesign bei.

          Während Leni versucht, die Männer bei Laune zu halten, scheitern mehrere Fluchtversuche. In der Disco muss sie die Freundin geben, wird schließlich von einem der Täter vergewaltigt. Dass sie überlebt, weiß man aus der ersten Szene, aber das mindert die Beklemmung angesichts ihres Martyriums nicht. „Alles auf eine Karte“ zeigt die Geiselnahme als lange Rückblende. Auch das ist als filmisches Mittel nicht eben neu, genauso wenig wie die senderübergreifend beliebte binationale Polizeizusammenarbeit. Hier aber haben beide Sinn. Es steht nicht zu erwarten, dass in der zweiten Folge am 14. Dezember die Schönheiten des Straßburger Münsters in den Blick genommen werden.

          Das GZ, „Gemeinsames Zentrum der deutsch-französischen Polizei- und Zollzusammenarbeit“, gibt es wirklich. Als 1995 Schengen II in Kraft trat und die Grenzkontrollen wegfielen, nahm die organisierte Kriminalität nachweislich zu. 1999 wurde das Zentrum zur „formellen grenzüberschreitenden Sicherheitskooperation“ gegründet. Es war das erste seiner Art in Europa. Etwa sechzig deutsche und französische Beamte arbeiten auf kurzem Dienstweg zusammen, inklusive gemeinsamer Daten- und Informationskanäle. Es klingt wie ein Traum von Europa – oder die Beschreibung eines Albtraums. Den Drehbuchautorinnen Felice Götze und Sabine Radebold kann man jedenfalls nicht vorwerfen, sie sähen dir Arbeit des GZ durch eine rosarote EU-Brille. Ihre Vorlage konzentriert sich, auffällig gut recherchiert und realistisch erzählt, auf den Fall und die Aufklärungstruppe samt menschlichen Irritationen.

          Wenn der europäische Gedanke überall so gut funktionieren würde wie in diesem Film, gäbe es keinen Brexit, nicht die Regulierungsmanie Brüsseler Bürokraten und kaum so viele Bürger, welche die Vorteile der innereuropäischen Freizügigkeit vergessen haben. „Über die Grenze“ ist ein großer, vor allem aber ein harter Wurf, den man auf dem Donnerstagskrimi-Sendeplatz im Ersten nicht vermuten würde. Ein Thriller vor dem Hintergrund der politisch sprichwörtlichen deutsch-französischen Freundschaft, der sich von der üblichen Istanbul-Venedig-Kroatien-Sonstwas-Connection abhebt.

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