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„Strauß und die DDR“ im Ersten : Rettungsschirm für einen Feind

Gipfeltreffen: Franz Josef Strauß (Mitte) beim Shakehands mit Erich Honecker, im Jahr 1985. Der „Devisenbeschaffer“ Schalck-Golodkowsky braucht eine Brille. Bild: Werek

„Der Milliardendeal - Strauß und die DDR“ handelt von der DDR-Misere, Franz Josef Strauß und einem Vorläufer der Staatspleiten-Rettungsschirme. Der Dokumentarfilm an diesem Mittwoch (23.30 Uhr) zeigt, wie die Bundesrepublik einmal das Ost-Berliner Regime rettete.

          Lauter allerbeste Freunde, Bayern als schöne Kulisse für große Politik, dazu noch die Stasi und der damals, Anfang der Achtziger, schon etwas weltentrückt wirkende Erich Honecker sowie eine real drohende Staatspleite - das sind die historischen Zutaten für diesen Dokumentarfilm. Wie das mit Staatspleiten geht, darüber sind wir ja inzwischen bestens aufgeklärt. Und tatsächlich erinnert jene der DDR von 1982, um die sich der Film dreht, entfernt an nahe zurückliegende und der sogenannte Strauß-Milliarden-Deal an einen frühen Vorläufer der heute so geläufigen Staatspleiten-Rettungsschirme. Nur dass dieser hier von einem erklärten Feind - Kalter Krieg! - für einen Feind aufgespannt wurde.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Dazu kamen noch systemimmanente Brandbeschleuniger der DDR-Misere. Als da wären die steten Mangel erzeugende Planwirtschaft, zudem die Sowjets, die gerade die Erdöllieferungen für das Brudervolk gekürzt hatten, und ein Volk, dessen Unmut über vielerlei, von Unfreiheit bis Versorgungsnöte, nicht mehr berechenbar war. Es heißt heute, vorgetragen von den Kindern Franz Josef Strauß’ als Zeitzeugen der speziellen Art, dass Unruhen größeren Ausmaßes zu befürchten gewesen seien. Hinzugefügt sei, dass auch der geheime Wohlstand der SED-Führungsriege bedroht gewesen ist, was im Film aber keine Rolle spielt. Das ist die Vorgeschichte zum Milliarden-Deal, der jenseits der offiziellen Kanäle von drei Männern ausgehandelt wurde, um die DDR noch einmal zu retten. Die drei sollen alsbald gute Freunde werden: der bayerische Wurstgroßfabrikant Josef März, bester Freund von Franz Josef Strauß (sagt dessen Sohn Max), dieser selbst und Alexander Schalck-Golodkowski, Oberst der Staatssicherheit und klandestiner „Devisenbeschaffer“ der SED. Das Wort „Beschaffer“ soll Schalck immer gestört haben, er hielt seine schwarzen Westgeld-Kassen für überlebensnotwendig, und aus seiner Perspektive war das auch so. Wie alle Spekulanten wies er jede Mitverantwortung an der drohenden Staatspleite weit von sich, und seine neuen bayerischen Freunde werden ihn darin bestärkt haben.

          Als Kommunistenfresser der ganz schlimmen Sorte

          Peter Adler, der das Buch schrieb und Regie führte, beschränkt sich in seiner Dokumentation auf die deutsch-deutsche Sicht darüber. Aber was sagte man dazu in Paris oder London? Hielt man dort das Geschäft für segensreich, garantierte es doch den Status quo der Ost-West-Teilung Europas? Wir erfahren es nicht. Moskau jedoch, damals auch schon schlimm dran, schwieg zum Feind-Feind-Deal, was vor allem linientreue SED-Mitglieder verdross. Und so fährt zuerst einmal der Wurstfabrikant, der mit Billigkühen aus dem Osten lohnende Geschäfte machte, zu Schalck. März war einer, der sich mit der SED-Spitze besser verstand als die sich mit dem eigenen Volk. Es klappte also, und alsbald trafen sie sich drüben, auf März’ Gut Stöck, in herrlichster bayerischer Landschaft. Alles streng geheim, nur dass es nie um Gegenleistungen von SED-Seite gegangen sei, steht fest.

          Immerhin befiehlt Stasi-Chef Mielke den ruppigen Kerlen an den Grenzkontrollen der Transitstrecken zwischen Ost und West, netter zu sein zu Gästen. Und Karl Eduard von Schnitzler darf Strauß über seinen Schwarzen Kanal nicht mehr fertigmachen als Kommunistenfresser der ganz schlimmen Sorte. So kommt es, dass der Kreditwunsch schließlich das Kabinett der Regierung Kohl erreicht, dort bewilligt wird, alles immer noch insgeheim. Dank einer Indiskretion wird es doch noch zum politischen Aufreger des Jahres 1983.

          Es gab Parteiaustritte im Westen und im Osten ganz zivile Hoffnungen auf größere Freiheiten, auch wenn die nicht auf dem Bestellzettel standen. Und Franz Josef Strauß, politisch angeschlagen wegen seines Sinnenwandels, wuchs unverhofft eine Rolle zu, die das Geschmäckle, das dem Geschäft anhaftete, fast tilgte. Die unversprochenen Gegenleistungen forderten DDR-Bürger ein, denen der Westkredit egal war, sie wollten nur noch raus. Trotz brutalem Stasi-Großeinsatz durchbrachen sie die Absperrungen vor dem Dresdner Zwinger, den die Strauß-Familie besuchte. Sie steckten ihr Ausreiseanträge und Bittbriefe für Verhaftete zu. Eine Ausreisewelle setzte ein; wer an Strauß schreibe, raunte es im Volk, dem werde geholfen. Nicht jedem bekanntlich. Willkürlich wurden Ausreisewillige verhaftet, zur Abschreckung, vergeblich. Der Historiker Stefan Wolle bescheinigt Strauß und seiner eigenmächtigen Politik, er habe das Dahinsiechen der SED-Republik tatsächlich beschleunigt. Mit ihm begannen die überlebensnotwendigen Feindbilder zu verblassen, und eine hermetisch geschlossene Grenze wurde durchlässiger. Das machte, auch wenn im Westen keiner damit rechnete, Appetit auf mehr - bis in Berlin sogar die Mauer fiel.

          Der Milliardendeal - Strauß und die DDR läuft an diesem Montag um 23.30 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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