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„Der Kotzbrocken“ im Ersten : Total von der Rolle

  • -Aktualisiert am

Sinnliche Andeutungen, Blicke, Gesten: Roeland Wiesnekker und Aglaia Szyszkowitz Bild: ARD Degeto/Marion von der Mehden

Menschenfeind trifft Chaotin mit Herz: „Der Kotzbrocken“ beginnt wie eine handelsübliche romantische Komödie. Durch das glänzende Spiel der beiden Hauptdarsteller wächst der ARD-Film aber über sich hinaus.

          Schon wieder eine, die mit Krüppelbespaßung ihr leeres Karmakonto auffüllen möchte. Zyniker Georg (Roeland Wiesnekker) brütet in seinem verrauchten, ungelüfteten Zimmer in der Pflegeeinrichtung vor sich hin. Seinen nutzlosen Körper hat er aufgegeben. Wenn er nicht pöbelt oder mit dem Glasaschenbecher nach Sophie (Aglaia Szyszkowitz) wirft, gefällt er sich in ungehemmtem Hadern mit sich selbst. Von Richter Mair (Felix Vörtler) wegen zahlreicher unbezahlter Strafmandate zu dreihundert Sozialstunden verurteilt, hat sich die alleinerziehende Mutter zweier Kinder die widerwillig angetretene Aufgabe wohl anders vorgestellt. Vielleicht etwas Rollstuhlschieben und Sonnetanken im Park, begleitet von ein paar aufmunternden „Das-wird-schon-wieder“-Sprüchen? Müsste reichen. Falsch gedacht. In ihrem eigenen Leben hat sie genug damit zu tun, den Kopf über Wasser zu halten. Zwei Jobs, kein Mann, Tochter Laura (Emilie Neumeister) in der Pubertät und schwierig, der jüngere Sohn Linus (Arseni Bultmann) ohne Betreuung. Im Selbstmotivieren ist sie einsame Spitze. Probleme werden gelöst, wenn sie anfallen. Oder ignoriert, wie die Strafmandate. Ansonsten nimmt sie wie Georg kein Blatt vor den Mund. Falsches Mitleiden oder das Schönreden der politisch korrekten Sprache im Umgang mit Behinderten sind ihre Sache nicht.

          „Der Kotzbrocken“ ist zunächst ein äußerst vorhersehbarer Film. Die Handlung (Buch: Uli Brée) folgt dem Schema des Freitagssendeplatzes im Ersten. Zwei treffen sich, die zueinander nicht passen, streiten sich wie Hund und Katz, raufen sich zusammen und entdecken ihre Seelenverwandtschaft. Ergibt einen Spielfilm, der wie ein lupenreines Einlösen des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrages aussieht, denn der eine, jener Kotzbrocken Georg, ist ein Rollstuhlfahrer ohne Lebensmut, ein Menschenfeind ohne Hoffnung, der darunter leidet, dass man (also wir alle, die Gesellschaft, der geschätzte Fernsehzuschauer) in ihm nur noch den Behinderten sieht, nicht mehr den Menschen. Die andere, die bezaubernde Chaotin Sophie, ist zwar nicht eben alltagskompatibel, dafür aber mit einem vorurteilsfreien Blick auf die Welt gesegnet. Auch sie hat Leid erfahren, geht aber nicht damit hausieren. Ihre Devise: bloß nichts anmerken lassen.

          Nichts für Zyniker

          Ein Film wie ein gutes Werk, versehen mit ein paar der üblichen Fernsehfilm-Unterhaltungsmaschen, running gags, einem sehr verliebten Spitzenkoch, Jacques (Martin Rapold), dem es auch nichts ausmacht, wenn der Grantler zum romantischen Wochenende mit Sophie ins Häuschen am See mitfährt, und Kinderrollen, die für allerhand weise Sprüche taugen. Bei Georg gibt es noch eine Freundin, Barbara (Annika Kuhl), die vor lauter Schuldgefühlen nicht weiß wohin. Sophie findet heraus, dass Georg ein ehemaliger Spitzensportler ist. Das Motivationsinstrument liegt somit auf der Hand: Für den Stadtmarathon trainieren, das wär’s!

          Das wäre es eben nicht, jedenfalls nicht ganz und gar und zielte auch am Kern vorbei. Das Eigentliche hier ist anders. „Der Kotzbrocken“, zum dialoggetriebenen Beginn eine fast klassische Screwball-Comedy, die derbe Sprache nicht scheut, entwickelt sich zu einer wahrhaften Liebesgeschichte. Der erste Kuss zwischen Szyszkowitz und Wiesnekker wirkt zart und erotisch zugleich, die physische Anziehung zwischen beiden ist besonders gegen Ende des Films mit Händen zu greifen. Sinnliche Andeutungen, Blicke, Gesten, Bewegungen - das Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller ist herausragend. Durch die Nähe der Kamera (Egon Werdin) und die Unmittelbarkeit der Regie (Tomy Wigand) wird es wirkungsvoll unterstützt. Eine Liebe zwischen einem Mann im Rollstuhl und einer Überlebenskünstlerin. Kummer kann da das letzte Wort nicht sein. Für Zyniker ist das nichts. Aber für all diejenigen, die gerne glauben, dass der nachhaltigste Optimismus aus dem Pessimismus wächst.

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