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Veröffentlicht: 27.10.2016, 18:26 Uhr

„Island-Krimi“ im Ersten Wo die bärtigen Kerle wohnen

Wunderschöne Überflüge und rauschende Wasserfälle: Der „Island-Krimi“ mit Franka Potente ist eine Mischform aus Kriminalfilm und Reisemagazin, übertreibt es jedoch mit dem Elfenkitsch.

von Oliver Jungen
© ARD Degeto/NDF/Grischa Schmitz Solveig (Franka Potente, Mitte) glaubt beim Tod von Jon (Gunnar Hansson) nicht an einen Unfall. Auch ihrer Freundin Vala (Ólafía Hrönn Jónsdóttir) ist die Sache nicht ganz geheuer.

Das hat man in Deutschland nicht oft: einen Vorspann, der eher an internationale Fernsehserien denken lässt als an öffentlich-rechtliche Polizeifilme. Und mit Selbstbewusstsein geht es dann auch los. Die Lokalschriftstellerin Solveig Karlsdóttir liest in einer Bar in Reykjavik aus ihrer neuesten Räuberpistole: „Jetzt erwachte ihr Instinkt. Und sie hatte begriffen: Es war Mord. Und so war es.“ Ohne lange Umschweife landet die Autorin, die auch Schreibkurse an der Uni gibt, mit einem ihrer Studenten im Bett. Man hat für die Rolle der lebenszugewandten Solveig die seit langem in Los Angeles lebende Franka Potente verpflichtet, ein Glücksgriff, denn die hierzulande bis heute meist mit dem Klammerhinweis „Lola rennt“ versehene Schauspielerin, die uns vor fünf Jahren als „Beate Uhse“ beehrte, hat sich zu einer Klasse hochgespielt, in der sie nichts mehr beweisen muss. Sie kann sich eine Natürlichkeit leisten, als würde sie permanent von der Handlung überrumpelt. Das gilt selbst für den Morgen nach der Studenten-Nacht, als Franka Potentes Ehemann Derek Richardson grinsend in der Küche steht, der hier freilich Solveigs Bruder Árni mimt.

Richardson ist ein Star, keine Frage, aber mehr als eine Gastrolle kann man seinen Auftritt nicht nennen. Es gibt eigentlich nur einen Protagonisten, der an Franka Potente heranreicht: Kirkjufell mit Namen, 463 Meter groß und so schweigsam, wie ein Berg eben ist. Dieser „Island-Krimi“ gehört zu der allmählich überhandnehmenden Mischform aus Kriminalfilm und Reisemagazin, hat also eine Menge wunderschöne Überflüge und rauschende Wasserfälle in petto. Weil die Handlung ab Minute fünf im Fischerdorf Grundarfjörður spielt, lugt permanent Islands fotogenster Berg über die Schultern der Beteiligten. So sehr tändelt Regisseur Till Endemann mit der schroffen Natur und der dem Vernehmen nach zauberischen Atmosphäre der Insel herum, dass man ständig damit rechnet, die Schauspieler - fast ausschließlich vom Typus bärtiger Schrat - könnten sich zu Reihen formieren und „huh!“ brüllen. Hätten sie das doch nur getan, dann wären die (unvermeidlichen?) Naturgeister vielleicht in ihren Felsspalten geblieben.

Nach Grundarfjörður fährt die Schriftstellerin, weil ihre Mutter wieder einmal orientierungslos umhergeirrt ist und nun in ein Altersheim soll. Die alte Dame mit ihrem hypnotischen Blick (Hildegard Schmahl) ist aber keineswegs einfach dement, sondern steht zugleich in enger Verbindung mit den Elfen. Und auch Solveig hat Visionen der obskur-kitschigen Art, angekündigt stets durch ätherisches Glöckchengebimmel. Eine vor Jahren verunglückte Zwillingsschwester gibt ihr dabei stets die richtigen Hinweise. Wie ein durchnässter Wollpulli hängt dieser dümmliche Einfall dem Film auf den Schultern, zieht ihn herunter. Plumper kann man Mystery-Elemente gar nicht einbauen.

Derweil gilt es, einen Kriminalfall aufzuklären, den der knorrige Dorfpolizist (Helgi Björnsson) schon als Unfall abheften will. Doch die Elfen sorgen dafür, dass Solveigs Instinkt erwacht. Und so begreift sie: Es war Mord. Ihr Jugendfreund, ein Unternehmer, ist gar nicht betrunken ins Hafenbecken gefallen. Von Global Playern aufgekaufte Fischfabriken spielen nun eine Rolle, atavistische Ehrbegriffe und verprügelte Ehefrauen. Mit etwas mehr kriminalistischer Originalität hätten die Autoren Don Bohlinger und Nils-Morten Osburg durchaus aufwarten dürfen.

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Dann aber nimmt der Film eine Wendung, die den in der Mitternachtssonne halb weggedösten Zuschauer plötzlich hellwach werden lässt: Solveigs Unprofessionalität scheint der Grund für einen zweiten Mord zu sein. Da stört es sogar kaum noch, dass an dieser Stelle ein gut eingeführter „Tatort“-Kommissar (Felix Klare) den sturen Fischversteher geben muss. Hat man tatsächlich einmal Konsequenz gewagt? Bürdet man der Heldenfigur eine Schuld auf, an der sie zugrunde gehen könnte? Die Antwort ist freilich ernüchternd. Man hat sich bloß einen Jux gemacht und dann sofort einen windelweichen Ausweg gesucht, um da anzukommen, wo alle deutschen Krimis enden: bei sinnierenden Blicken der unbefleckten Helden in die Ferne, untermalt mit melancholischer Musik. Aber der Zipfelmützenberg ist wirklich hübsch. Und man weiß jetzt, dass Polizei auf Isländisch „Lögreglan“ heißt. Ist ja schon mal ein Anfang.

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