Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss. Manchmal auch, wenn das Glück es gut mit Stefan Riebel meint, ein spiegelglatter See bei Sonnenaufgang. Oder ein leicht gekräuselter bei Sonnenuntergang. Zwei Männer im Boot, er und sein Sohn, die jeden Fisch einzeln aus den Netzen pflücken. Glück sind auch Saiblinge, Schleien, Felchen, Forellen, Karpfen, Hechte, vereinzelt Krebse. Glück ist, wenn die Fische kaum angefressen sind von den Kormoranen, die sich in den vergangenen Jahren am Bodensee so stark vermehrt haben, dass die Berufsfischer nun Jagd auf die Vögel machen dürfen. Glück ist auch der launige Saisonabschluss im brummenden Fischimbiss, in dem Riebel neben Selbstgefangenem, Selbstgeräuchertem und Selbstgebratenem seit neuestem auch Bio-Wein aus selbstgezogenen Reben anbietet. Riebels Wirtschaft ist ein Handwerksbetrieb, der auf Nachhaltigkeit setzt. Sein Revier ist der Untersee, der westliche Teil des Bodensees, seine Heimat ist die Insel Reichenau.
Das Porträt „Der Fischer vom Bodensee“ wirkt zunächst wie ein filmgewordener Artikel aus der Erfolgszeitschrift „Landlust“, und das ist nicht despektierlich gemeint. In seinem Duktus der Verlangsamung, indem er immer wieder Bilder der handwerklichen Tätigkeiten zeigt, entfaltet der Film von Willy Meyer meditative Qualität. Stimmungsvoll gefilmt, schön geschnitten und musikalisch effektvoll unterlegt, zeigt er seine Hauptfigur als exemplarische Verkörperung der Frage: Wovon reden wir eigentlich, wenn wir vom Leben im Einklang mit der Natur reden? Die Antworten, die hier gegeben werden: Vom unermüdlichen Wirtschaften, dessen einzelne Tätigkeiten dem Lauf der Jahreszeiten unterliegen. Von der Achtsamkeit, die jeder Schlinge, die beim Netzeknüpfen entsteht und jedem Fischei entgegengebracht wird, aus dem in der Brutanstalt ein Lebewesen schlüpft, das später ins offene Wasser gesetzt wird. Von der Abhängigkeit von den Witterungsumständen und den nicht beeinflussbaren Wechselfällen des Lebens.
Das Leben des Berufsfischers, so vermittelt die Dokumentation, ist ungewöhnlich hart. Für Riebel gibt es kein schöneres. Das verleiht ihm und dem Film nicht zuletzt eine elegische Note. Stefan Riebel ist zwar Spross einer alten Fischerfamilie, weiß aber, dass er einer aussterbenden Profession angehört. In einigen Jahren könnte man sein Porträt wohl genauso befremdet ansehen wie den alten Ufa-Film von 1940 über die Bodenseefischerei, den der Vorsitzende den leicht belustigten Kollegen auf dem Berufsfischertreffen vorführt. Noch vor einigen Jahren bewirtschafteten vierzig von ihnen den Untersee, jetzt sind es noch siebenundzwanzig, mit weiter abnehmender Tendenz. Noch gibt es Menschen wie Riebel, in einiger Zukunft wahrscheinlich nur noch Dokumentationen ihrer Existenz. Urs immerhin, Riebels Sohn, möchte den Betrieb übernehmen.
TOLLER SENDEPLATZ
gerd obelgönner (gerdobel)
- 23.07.2012, 21:30 Uhr