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Fernsehfilm „Rufmord“ bei Arte : Nackt unter Dörflern

  • -Aktualisiert am

Verzweiflung: Luisa (Rosalie Thomass) findet bei niemandem Gehör. Bild: © ZDF/Hendrik Heid

In dem Drama „Rufmord“ geht es nur oberflächlich um Cybermobbing. Im Grunde handelt der Film davon, wie eine junge Lehrerin, von der ein Nacktfoto auftaucht, den Glauben an das Gute verliert. Rosalie Thomass spielt groß auf.

          Wie viel Mord steckt im Rufmord? Das versucht eine anspruchsvolle ZDF/Arte-Koproduktion zu ergründen, die sich als reines Frauenprojekt zu erkennen gibt: Das Buch stammt von Claudia Kaufmann und Britta Stöckle, Regie führte die Schweizer Regisseurin Viviane Andereggen. Buch wie Regie vertrauen bei ihren Ellipsen auf mitdenkende Zuschauer, was selten genug geschieht.

          „Rufmord“ ist nicht der erste Film über die Folgen von Cybermobbing. Selbst Sat.1 hat diesem Thema vor anderthalb Jahren eine der wenigen Eigenproduktionen gewidmet, damals unter dem reißerischen Titel „Nackt“. Und auch diesmal beginnt die öffentliche Diskreditierung der Hauptfigur – der bei Schülern nicht nur wegen ihres Verzichts auf Handyverbote beliebten, von Vätern umschwärmten und von Kolleginnen neidisch beäugten Grundschullehrerin Luisa Jobst – mit dem Auftauchen eines eigentlich harmlosen privaten Nacktfotos. Es landet auf der Schulhomepage. Prompt nehmen die Gerüchte in dem kleinen bayerischen Ort ihren unabwendbaren Lauf.

          Dass sich die Produktion aus dem Hause Hager Moss (und damit Constantin) trotz dieses thematisch nicht ganz neuen Motivs sehr originell anfühlt, liegt an der komplexen Erzählweise auf zwei Zeitebenen und an den überragend agierenden Schauspielern. Rosalie Thomass zeigt abermals, wie glaubhaft sie verwundete Charaktere darzustellen weiß, ohne dieses Leiden ins Pathetische zu übersteigern.

          Ihre Figur Luisa reagiert auf die Entdeckung des Fotos eher mit ungläubigem Staunen, dann mit verständlicher Wut, die aber immer noch gerecht zu bleiben versucht. Obwohl das Bild von ihrem Exfreund stammt, traut sie diesem einen solchen Schritt nicht zu. Auch die Entsolidarisierung mancher Kollegin („es wird ja schließlich auch die Schule öffentlich beschmutzt“) nimmt Luisa zunächst nur verwundert wahr, als betrachte sie die Entwicklung von außen.

          Weil die infamen Demütigungen aber anhalten und Luisa zunehmend die Contenance verliert, fallen weitere Menschen in ihrem Umfeld um: die Rektorin (Johanna Gastdorf), eine befreundete Kollegin, selbst ihr Freund Finn (Shenja Lacher), der ohnehin einen schweren Stand im Ort hat, weil er für sie seine frühere Partnerin sitzengelassen hat. Dass in einem Dorf die Lebensläufe der Einwohner aufs engste miteinander verflochten sind, wird der zugezogenen Luisa zum Verhängnis.

          Mit ihrer Vermutung, der beliebte und bis dahin heftig mit ihr flirtende Bauunternehmer Georg Bär (Johann von Bülow) habe etwas mit der Verleumdungskampagne zu tun, weil sie dessen Sohn keine Gymnasialempfehlung geben wollte, manövriert sie sich immer weiter ins Abseits. Die Polizeibeamtin (Lilly Forgách), eine alte Freundin Georgs, weigert sich schlicht, tätig zu werden: „Wissen Sie, wie verbreitet Cybermobbing ist?“ Der Fehler sei es gewesen, „solche Fotos überhaupt zu machen“. Die Mimik von Rosalie Thomass spiegelt wider, wie die Protagonistin Schritt für Schritt aus dem Kollektiv herausfällt. Der zunächst herausfordernde, dann traurige, dann hilfesuchende Blick weicht den Zügen der Verzweiflung einer Isolierten. Geradezu schmerzhaft ist ihr gequältes Lächeln.

          Vielleicht etwas zu deutlich ausgestellt wird die Bigotterie der Provinz, wenn die ausnehmend hübsche, als Nacktbaderin unbekümmert freizügige und eben dafür insgeheim von den Männern begehrte, von den Frauen angefeindete Lehrerin, kaum dass sie ‚angeschossen‘ ist, mit klammheimlicher Freude als Hure gebrandmarkt und massiv anzüglich belästigt wird. Der spannungssteigernde Kniff, den Kaufmann und Stöckle für ihre Erzählung finden, besteht darin, zwei gegenläufige Stränge zu überkreuzen. Die bislang erwähnte Handlung ist im Sinne einer klassischen Tragödie aufgebaut, läuft also auf die Katastrophe zu. Dass diese eintritt, wissen wir von Beginn an, denn die Geschichte auf der zweiten Ebene setzt mit dem Verschwinden der Hauptperson ein, was eine polizeiliche Ermittlung nach sich zieht, diesmal unter der Leitung einer Kommissarin vom Morddezernat (Verena Altenberger). Was zunächst nach Suizid aussieht – die Kleider Luisas liegen am See –, wird bald verwirrender, weil Blut- und Vergewaltigungsspuren in Luisas Haus auf eine Gewalttat hinweisen.

          Wie diese Gegenhandlung das Dorfleben erschüttert, lässt sich als Rache des Schicksals interpretieren und hebt den Film über ein Opferdrama hinaus. Das eigentliche Thema des Films geht weit über Cybermobbing hinaus. Er handelt davon, wie eine junge, lebenszugewandte Frau den Glauben an das Gute verliert. „Breaking Sad“ sozusagen. Dass die hintersinnige Auflösung ohne Knalleffekt daherkommt, und immer deutlicher erahnbar wird, während der Film in seinem eigenen Tempo auf jenen Punkt zuläuft, an dem die vorwärts und die rückwärts erzählte Geschichte zusammenkommen, trägt viel zur atmosphärischen Stimmigkeit dieser Alltagstragödie bei.

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