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Veröffentlicht: 15.03.2017, 18:08 Uhr

ARD-Film „Viel zu nah“ Ödipus auf Abwegen

Erst ist die Nähe fast zu groß, dann geht die Harmonie verloren. In dem ARD-Film „Viel zu nah“ mit Corinna Harfouch kämpft eine Kommissarin um ihren Sohn - mit allen Mitteln.

von
© HR/Bettina Müller Gefährlich nah: Ben (Simon Jensen) und Caro (Corinna Harfouch)

Für Caro ist Ben ihr Ein und Alles. Sie kocht für ihn, mit ihm verbringt sie ihre Abende. Die beiden segeln gern – und zwar bei Wind und Wetter. Das ist ihr gemeinsames Hobby. Nach einer Tour auf dem Main im Frankfurter Osten hasten sie so vergnügt wie durchnässt zurück ins Auto. Caro (Corinna Harfouch) und Ben (Simon Jensen) würden ein gutes Paar abgeben. Aber das sind sie nicht. Caro ist Bens Mutter.

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Mit der Ausflugs-Harmonie zwischen Mutter und Sohn ist es allerdings bald vorbei. Der Ödipus gerät auf Abwege und erträgt die Liebkosungen seiner Mutter nur noch in berauschtem Zustand. Doch die hat noch ganz andere Sorgen. Caro ist nicht nur Mutter, sondern auch Polizistin. Im Kommissariat sieht sie auf einem Überwachungsvideo, wie ausgerechnet ihr Spross mit zwei Kumpanen eine Tankstelle überfällt. Einer der Täter hat jene Maske aufgesetzt, die kurz zuvor ihr Sohn Ben getragen hatte, als er nach einer durchzechten Nacht seine Mutter für einen makabren Spaß aufgesucht und sie mit ihrer Dienstwaffe in der Hand weckte. Die Polizistin überschreitet fortan ihre Grenzen. Um ihrem Sohn zu helfen, sabotiert sie die Ermittlungen. Dabei fällt es ihr immer schwerer, ihre stärker werdenden Panikanfälle unter Kontrolle zu halten. Doch für ihren Sohn ist sie gewillt, alles zu tun.

45319855 © HR Vergrößern Oliver (Philipp Hochmair) will Caro in der Krise helfen.

Der Film „Viel zu nah“, zu dem Petra K. Wagner das Drehbuch geschrieben hat und bei dem sie Regie führt, verspricht ein emotionales Drama. Es geht um die Leiden einer Helikopter-Mutter und die Kernfragen: Wann gilt es loszulassen? Was darf man tun, wenn das eigene Kind in Gefahr gerät? Petra K. Wagner gibt diesem zentralen Konflikt aber nicht den Raum, den seine Entwicklung braucht, und überfrachtet ihr anderthalbstündiges Fernsehstück. Caro bleibt mit ihren Ängsten allein in einer Umgebung, die ohnehin schon depressiv macht. Ihr Arbeitsplatz, das Kommissariat, ist mit einem Mobiliar ausgestattet, das selbst für die Frankfurter Bankentürme im Hintergrund zu kalt wäre. Ihre gelöste Stimmung wirkt aufgesetzt. Die Kollegen bleiben distanziert, lediglich Oliver (Philipp Hochmair) versucht halbherzig, Caro Halt zu geben. Derweil wird Bens Vater, Caros Exmann Manni (Peter Lohmeyer), noch einmal Vater, verschwindet aber so schnell, wie er in der Handlung aufgetaucht ist.

Zwischen rätselhaft und infantil-hysterisch

Bedauerlich ist, dass Sohn Ben eine unbekannte Größe bleibt. Er wird im Schnelldurchlauf vom vertrauten Segelpartner zum unausstehlichen Problem-Jugendlichen, dem die Drogen die Sinne vernebeln. Was ihm seine Mutter wirklich bedeutet, bleibt unklar. Der emotionalen Überforderung, der sich ihre Figur hinter der beherrschten Fassade ausgesetzt sieht, stellt sich Corinna Harfouch indes souverän. Als Kommissarin steigert sie sich zusehends in die Vorstellung hinein, ihren Sohn vor dem Gefängnis bewahren zu müssen. Dabei lässt Armin Alker an der Kamera nichts unversucht, dem Zuschauer mit Slow-Motion-Aufnahmen und einem stets unterlegten Grauton klarzumachen, wie es um die Hauptfigur, der er immerzu folgt, steht. Gutgetan hätte es dem Film, sich bei diesen Stilmitteln etwas zurückzunehmen.

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Für den Zuschauer schwierig nachzuvollziehen ist vor allem die Besetzung des Ben. Simon Jensen wirkt für diese Rolle schlicht zu erwachsen. Den spätpubertären Schüler nimmt man ihm nicht ab. Seine mal enigmatische, mal infantil-hysterische Darstellung lässt Ben meist wie die blasse Karikatur eines durchgedrehten Studenten erscheinen. Mal wirkt er unangenehm kindisch, am Ende dann plötzlich fast vernünftig. Seine Mutter hält unverbrüchlich zu diesem jungen Mann, was man nicht unbedingt verstehen kann, aber wohl auch nicht unbedingt verstehen soll.

© ARD Fernsehtrailer: „Viel zu nah“
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