http://www.faz.net/-gqz-84yin

„Schwestern“ bei Arte : Manchmal würde ein Schweigegelübde helfen

Reden und wissen nicht weiter: die versammelten Familienmitglieder rund um Saskia (Maria Schrader, Mitte) Bild: © SWR/Wolfgang Ennenbach

Eine junge Frau geht ins Kloster, und ihre Familie versteht die Welt nicht mehr: Im Fernsehfilm „Schwestern“ geht es um den Mut zur Entscheidung. Bis der aufgebracht ist, wird über Gott und die Welt geredet.

          Irgendwann drohen alle komplett durchzudrehen in diesem paradiesisch grünen, infernalisch heißen Klostergarten, und die Sätze, mit denen der versammelte Anhang der Beinahe-Novizin Kati um sich wirft, schwirren wie wildgewordene Bienen durch die Luft: „Sie ist komplett irre geworden.“ „Die laufen doch vor dem Leben weg.“ „Ich finde das nicht so abartig.“ „Sie hat noch zweimal mit mir geschlafen!“ „Mir geht’s schlechter als dir.“ „Dein Vater benimmt sich unverantwortlich.“ „Meine Tochter geht ins Kloster, da wird man ja verrückt!“ Der Ex-Freund (Thomas Fränzel) zieht sich halbnackt aus und will etwas anzünden, die Mutter (Ursula Werner) nimmt einen Schluck aus dem Flachmann, der Bruder (Felix Knopp) entdeckt die Liebe in der freien Natur, die Schwester Saskia (Maria Schrader) behauptet aus purer Verzweiflung, sie sei schwanger, und um alle herum tanzt die kleine Nichte als Imme verkleidet und schreit immerzu: „Ich will ins Bienenland!“

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dorthin wird sie auch fliegen, mit somnambuler Sicherheit zum Nektar und – bis an die Grenze des Lebens. Denn „Schwestern“ will nicht die Feelgood-Komödie bleiben, als die der Film von Anne Wild (Buch und Regie) anhebt. Sondern ein Sommertagstraum werden, in dem für die Dauer der einen Stunde vor dem Gewitter, bevor die Glocken rufen und die Waage sich senkt, alles ins Schwingen gerät. Für die von Marie Leuenberger verkörperte Kati hinter den Klostermauern, die – wir sehen es nicht, wir hören nur davon sagen – mit ihrer Entscheidung ringt. Vor allem aber für ihre Verwandten, denen das Reden und Reden und Reden über die Abwesende, deren Eintritt in den namenlosen Orden als eine Art Tod stilisiert wird, vor allem einen Anlass bietet, einmal alle bisher zurückgehaltenen persönlichen Befindlichkeiten auszuleben oder eher: auszusprechen.

          Ein Versuch, etwas über Gottsuche zu erzählen

          Damit die Rededuelle oder Scharmützel zu dritt oder viert auf der Wiese, unterm Baum, auf dem Friedhof, im Kreuzgang, an der Klostermauer nicht allzu statisch theatral geraten – denn theatral ist alles, was hier gesprochen wird –, lockern bukolische Szenen das Ganze auf. Eine Kuhjagd zu munter gesummter Musik. Das Aug in Aug des alternden Schwerenöters Onkel Rolle (Jesper Christensen) mit einem jungen Bullen. Ein Picknick mit versalzenem Kuchen. Und es kommt auf den Tisch, was eine religionsferne Intellektuellenfamilie, deren Zusammensein die Kamera (Ali Olcay Gözkaya) in luftigen Bildern adrett arrangiert, so umtreibt – und was durchaus ironische Obertöne bekommen kann: Das Recht auf weibliche Selbstbestimmung ist das Credo der Journalistin und Mutter, die drohende Pleite die Plage des Verlegers und Bruders. Und das eigene verkorkste Leben voller Anfänge und Versuche ohne Bestand ist das Leid der von Maria Schrader als erst Streitende, dann Ringende, schließlich alles Verstehende gezeichneten Saskia. Sie steht im Zentrum des Films. Die wortlose Aussprache mit ihrem Widerpart, der Novizin, ist sein emotionaler Höhepunkt.

          Er ist wie so manche Szenen gut gespielt und krankt doch an dem, womit „Schwestern“ sich durchweg schwertut: einer ins Vorhersehbare umschlagenden Überkonstruiertheit gerade der phantastischen Elemente und einer Besetzung, der man anmerkt, dass sie erst nicht so gedacht war. Für die Rolle der Saskia war Marie Bäumer vorgesehen, die wegen einer Erkrankung absagen musste. Maria Schrader sprang ein und spielt Saskia mit Überzeugungskraft, doch dass ihre Figur nur wenig älter sein soll als die junge Frau, die ein Gelübde ablegen möchte, mag nicht recht einleuchten, wenn beide Schauspielerinnen fünfzehn Lebensjahre trennen. Auch die Selbstfindungsproblemchen, mit denen Saskia sich quält, scheinen zu klein für eine so reif wirkende Darstellerin.

          Als Versuch, etwas über Gottsuche zu erzählen, ohne eine Freakshow oder ein süddeutsches Idyll aufzureißen, gelingt „Schwestern“. Womöglich gerade, weil das Klosterleben eine Leerstelle aus klischeehaften Andeutungen bleibt. Als Komödie gerät der Film schwach, als Drama stellenweise rührselig, als Traumerzählung entwickelt er unfreiwillige Komik, wenn die Mutter in schwarzen Wassern watend den heiligen Antonius anfleht. Es geht in „Schwestern“ um den Mut zur Entscheidung und – die gleich zu Beginn als Familienmythologie eingeführte Bienenmetaphorik, macht es immer wieder überdeutlich – die Wahl einer neuen Schwesternschaft. Vielleicht hätte weniger Bemühtheit zur Überhöhung Wunder gewirkt.

          Weitere Themen

          Rekordpreis für Hockney-Bild Video-Seite öffnen

          Über 90 Millionen Dollar : Rekordpreis für Hockney-Bild

          Selbst bei Christie's war man über den Preis für das Werk "Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)" etwas überrascht. Doch es entwickelte sich offenbar eine Bieterschlacht zwischen zwei Interessenten.

          Topmeldungen

          Mays Brexit-Deal : Zumindest der Umweltminister bleibt

          Bislang zeichnet sich keine Mehrheit für Mays Brexit-Entwurf ab, doch alternative Szenarien haben noch weniger Unterstützer. Richtungsweisend könnte das angekündigte Misstrauensvotum werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.