21.04.2009 · Es ging ihr um die kleinen Geschichten aus dem Alltag, doch diese in Iran zu recherchieren ist gefährlich: Die amerikanische Reporterin Roxana Saberi ist in Teheran wegen „Spionage“ zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Alles spricht dafür, dass sie schlicht Pech hatte. Geholfen werden soll ihr nun auf höchster Ebene.
Von Matthias Rüb, WashingtonSie war, was man in ihrem Heimat-Bundesstaat North Dakota und anderswo in den Vereinigten Staaten ein „all american girl“ nennt: vielseitig begabt und immens fleißig, hübsch und schüchtern, erfolgreich und bescheiden. Seit Ende Januar sitzt dieses einnehmende Wesen aus der Stadt Fargo im Osten North Dakotas im berüchtigten Ewin-Gefängnis in Teheran. Dort soll die 31 Jahre alte Roxana Saberi nach dem Willen der iranischen Justiz bis 2017 bleiben: Wegen angeblicher Spionage für den amerikanischen Geheimdienst wurde Roxana Saberi in der vergangenen Woche im Eilverfahren von einem hinter verschlossenen Türen tagenden Revolutionsgericht zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.
Die amerikanische Öffentlichkeit verfolgt mit Staunen den Weg der jungen Journalistin aus dem dünn besiedelten Farmstaat an der Grenze zu Kanada nach Iran und ins Zentrum des Weltgeschehens. Roxana Saberi ist die Tochter des Exiliraners Reza und der aus Japan stammenden Akiko Saberi. An der „Fargo North High School“ glänzte sie mit ihren schulischen Leistungen, spielte ausgezeichnet Klavier und Fußball dazu. Auf Drängen einer Dozentin am „Concordia College“ in Moorhead im benachbarten Bundesstaat Minnesota, wo die Jahrgangsbeste ihrer High-School-Abschlussklasse in Fargo ihr Studium begann, beteiligte sie sich 1997 am Schönheitswettbewerb „Miss North Dakota“ und errang prompt den Titel und das Krönchen. Beim nationalen Wettbewerb im Jahr darauf kam sie unter den Bewerberinnen aus allen fünfzig Bundesstaaten unter die ersten zehn - ein denkwürdiges Ereignis für North Dakota, wo man gewöhnlich die schönste Kartoffel und die prallste Ähre feiert. Als Grund für die Teilnahme an dem Wettbewerb gab sie an, sie habe die multikulturelle Vielfältigkeit des heutigen Amerika demonstrieren wollen.
„Kleine Geschichten“ aus Iran
Roxana Saberis Lehrer an der High School und am College sowie ihre Mitschüler und Kommilitonen erinnern sich an eine trotz ihrer frühen Erfolge introvertierte junge Frau, an deren Durchsetzungskraft und intellektueller Fähigkeit niemand zweifelte. Ihr Wunsch, Journalistin zu werden, ging bald in Erfüllung: Der örtliche NBC-Sender KVLY übernahm Roxana Saberi frisch von der Universität, wo sie die Fächer Rundfunkjournalismus, Internationale Beziehungen, Französisch und Farsi studiert hatte. Dieser Tage sieht man auf den amerikanischen Nachrichtensendern unentwegt Ausschnitte aus den Berichten von Roxana Saberi für KVLY in Fargo vom Kapitol in Washington und anderswo.
Ihre Entscheidung, vor sechs Jahren nach Teheran zu ziehen, war von ihrem Wunsch angestoßen worden, Auslandskorrespondentin zu werden. Freunde und Bekannte aus Fargo und St. Paul in Minnesota, wo Roxana Saberi eine Sprechausbildung für Rundfunk- und Fernsehkorrespondenten absolvierte, vermuten zudem, die Suche nach ihrer iranischen Herkunft habe eine Rolle gespielt.
In Teheran arbeitete Roxana Saberi, zunächst als akkreditierte Journalistin, für die BBC und den öffentlich-rechtlichen Sender NPR in Amerika und andere Medien. Sie konzentrierte sich auf Berichte über den Alltag der Iraner, die „große Politik“ trat hinter den „kleinen Geschichten“ zurück. Offenbar wurde Roxana Saberis Akkreditierung im Jahr 2006 nicht mehr verlängert, sie konnte aber dank ihres iranischen Passes, über den sie neben ihrem amerikanischen verfügt, in Iran bleiben und zunächst unbehelligt weiterarbeiten. Zuletzt konzentrierte sie sich auf die Arbeit an einem Buch über das Leben in Iran, das sie dieses Jahr abzuschließen hoffte, um hernach in die Vereinigten Staaten zurückzukehren.
Im Räderwerk der „großen Politik“
Alles spricht dafür, dass Roxana Saberi schlicht Pech hatte und ins Räderwerk jener „großen Politik“ geriet, von der sie sich gerade fernzuhalten suchte. Im Januar wurde sie verhaftet, weil sie auf dem Schwarzmarkt in Teheran eine Flasche Rotwein gekauft hatte. Dann wurde ihr zum Vorwurf gemacht, sie habe ohne die erforderliche Akkreditierung als Journalistin gearbeitet. Am 8. April kam dann die Anklage wegen Spionage hinzu. Zwischen Januar und März durfte Roxana Saberi nur zweimal mit ihrer Familie in Fargo Kontakt aufnehmen, kurz vor Prozessbeginn erlaubten die iranischen Behörden Reza und Akiko Saberi einen Besuch ihrer Tochter im Ewin-Gefängnis. Nach Angaben von Roxana Saberis Vater hat seine Tochter auf Anraten und angesichts falscher Versprechungen der iranischen Ankläger zugegeben, amerikanische Geheimdienste mit sensiblen Informationen versorgt zu haben: Wenn sie sich auf diese Weise kooperativ zeige, werde sie bald wieder freikommen, hatten die Vernehmer und Ankläger ihr versprochen. Ihr „Geständnis“ hat Roxana Saberi nach Angaben ihres Vaters beim Eilverfahren in der vergangenen Woche widerrufen.
Präsident Barack Obama äußerte in der Nacht zum Montag bei seiner Pressekonferenz zum Abschluss des Amerika-Gipfels in Port-of-Spain auf Trinidad die Überzeugung, Roxana Saberi habe niemals für irgendwelche amerikanischen Dienste gearbeitet, das harte Urteil beruhe auf unbegründeten Vorwürfen. Was es zu bedeuten hat, dass der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad jetzt eine faire Berufungsverhandlung für Roxana Saberi fordert, versuchen derzeit die Kaffeesatzleser in Washington und Teheran zu deuten. Zum Team der Verteidiger Roxana Saberis soll die iranische Menschenrechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi gestoßen sein. Größer geht es kaum in der Weltpolitik - und das für eine junge Journalistin, die sich vor allem für die kleinen Geschichten hinter den großen interessierte.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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