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Der Fall Jürgen Emig : Der HR und das Prinzip Verantwortung

Sieht sich als Opfer: HR-Intendant Reitze Bild: dpa

Der einstige Sportchef des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig, ist verurteilt. Für Intendant Helmut Reitze aber ist das kein Grund aufzuatmen. Denn die Fehler liegen im System.

          Der Hessische Rundfunk hat Grund zu feiern. Sechzig Jahre wird der Sender heute alt, das Gründungsdatum vom 2. Oktober 1948 macht sich an der Verabschiedung des Gesetzes über den Hessischen Rundfunk fest, das der Landtag damals verabschiedete. Doch nach Feiern sollte an der Frankfurter Bertramswiese niemandem zumute sein, denn der Sender steht schlechter da denn je. Das Zeugnis zum Tage hat dem HR der Vorsitzende Richter Christopher Erhard vom Frankfurter Landgericht ausgestellt. „Man hätte Herrn Dr. Emig besser kontrollieren können und müssen“, sagte er bei der Verkündung des Urteils gegen den ehemaligen Sportchefs des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig. Emig muss wegen Untreue und Bestechlichkeit für zwei Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg hatte er, wie das Gericht festhält, 440.000 Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet, dabei sei ein Schaden von mindestens 285.000 Euro für den HR entstanden.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Offiziell ist die kriminelle und für den Sender mehr als peinliche Geschichte damit erledigt, es steht allerdings noch ein letzter Prozess vor dem Arbeitsgericht um Emigs Kündigung aus. Dem Intendanten des HR, Helmut Reitze, ist die Erleichterung in seiner Presseerklärung anzumerken. Sein Sender, heißt es da, sehe sich durch das Urteil in seiner Auffassung bestätigt. „Das Landgericht hat klargestellt, der HR war Opfer, nicht Täter, es handelt sich um ein 'System Emig‘, von einem ,System HR‘ kann keine Rede sein“, sagte Reitze. Emig habe „durch sein Fehlverhalten dem HR und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt großen Schaden zugefügt. Wer gegenüber Veranstaltern und Sponsoren so tut, als gehe es ihm um den Programmauftrag, dabei aber Geld in die eigene Tasche steckt, der verkauft die Rundfunkfreiheit. Für dieses kriminelle Verhalten muss Jürgen Emig nun mit einer Gefängnisstrafe büßen.“

          Mehr als deutlich: Es gab keine wirksame Kontrolle im Sender

          Die Entscheidung des Landgerichts Frankfurt mache deutlich, dass das Vergehen eines Einzelnen bestraft werde. Mit erheblicher Energie habe Jürgen Emig seine Verstöße gegen Vorschriften des hr über Jahre hinweg geschickt verschleiert. „Das Landgericht ist den Versuchen Emigs nicht gefolgt, die Verantwortung für seine Taten auf andere im HR abzuschieben“, so Reitze. Die SMP sei nach den Worten des Richters keineswegs - wie von Emig behauptet - eine schwarze Kasse des HR gewesen, sondern eine von Emig. Auch viele andere Vorwürfe Emigs habe das Gericht als unplausibel bezeichnet. So habe der Richter wörtlich bestätigt, dass der HR „sehenden Auges keine Schleichwerbung geduldet hat“. Auch dies habe Emig eigenmächtig betrieben.

          Mit dieser Erklärung des Intendanten Reitze, die wohl als Fingerzeig auch für die Berichterstattung in eigener Sache dienen dürfte, werden die Dinge allerdings einseitig gewichtet und die Tatsachen verschleiert. Denn das Gericht fand in der Tat zwar keine Anzeichen für ein „System HR“, will heißen, für eine stillschweigende Duldung oder gar Förderung von Emigs Schmiergeschäften. Doch ist im Laufe der Verhandlungen mehr als deutlich geworden, dass es eine wirksame Kontrolle im Sender nicht gab. Zwar verweist der Intendant Reitze zurecht darauf, dass es „Beistellungen“ seit 2004 nicht mehr gebe. Aber bis dahin hätte ohne dieses System der „Beistellungen“, also Geldzahlungen derjenigen, über deren Veranstaltungen im Hessischen Rundfunk berichtet wurde, Emig sein Korruptionsgeflecht gar nicht erst aufziehen können.

          Verstoß gegen den Kerngedanken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

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