Home
http://www.faz.net/-gqz-7464g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Der deutsche „New Scientist“ Was weiß ich, wenn ich das weiß?

Wider die hermeneutische Impotenz: Wenn mit dem „New Scientist“ hierzulande ein neues Wissenschaftsmagazin erscheint, dann wimmelt es von Leerformeln und Scheinevidenzen.

© dapd Vergrößern Stets wachsam: Im Elefantengedächtnis geht nichts verloren

Mit dem „Aufschreiben“ beginnt das Problem. Warum bezeichnen sich immer mehr Journalisten freiwillig als „Aufschreiber“ statt als „Schreiber“? Wir schreiben die Fakten für Sie auf - das hört sich verheißungsvoll nach Service an sowie nach einer Art Wortinspiration, die Tatsachen und nichts als Tatsachen empfängt und den Lesern weiterreicht. Leider leistet auch die deutsche Ausgabe der wöchentlich erscheinenden Zeitschrift „New Scientist“ diesem objektivistischen Missverständnis Vorschub, wenn es im Editorial heißt: „Wir filtern die entscheidenden Erkenntnisse heraus und schreiben sie für Sie auf: aktuell, kritisch, mit einer Spur Humor.“

Christian Geyer-Hindemith Folgen:  

Humor, um damit anzufangen, fehlt. Aber das macht nichts. Wir haben ja ein Wissenschaftsmagazin, keine Satirezeitschrift vor uns. Stattdessen wird tatsächlich sehr viel aufgeschrieben und wenig erklärt, was die traktierten Begriffe bedeuten und warum welche Fragestellung herausgefiltert wurde. Jedenfalls gilt das in hohem Maße für das Schwerpunkt-Thema „Erinnerung“. Gerade das Gedächtnis lässt sich nicht als ein Konglomerat naturwissenschaftlicher Studienergebnisse darstellen. Die Vielschichtigkeit dessen, was eine Erinnerung ausmacht, kommt in dem entsprechenden Artikel nicht zur Sprache.

Forschungsberichte ohne Literaturangaben

Es fehlt bedauerlicherweise jede philosophische Begriffsarbeit, von einer Klärung der Bedeutung tragender Vokabeln keine Spur. Ein „Gefühl für die eigene Identität“ scheine entscheidend zu sein, um dem Erinnern auf die Spur zu kommen, heißt es im Text. Aber was ist damit gesagt, wenn im Unklaren bleibt, was mit Identität gemeint sein soll? Leider frönt das Magazin hier einem szientistischen Welterklärungs-Jargon, der Antworten zu geben behauptet, wo er eigentlich nur neue Fragen aufwirft.

Dass sich „unsere Identität und unsere Erinnerungen in einem engen Wechselspiel“ entwickeln, ist ja gut und schön - doch was bedeutet es genau? Der Schwerpunkt eines Wissenschaftsmagazin muss solche Scheinevidenzen befragen. Und wenn das vorausgesetzte „Wechselspiel“ schließlich doch allzu viele Variablen zu berücksichtigen hätte, um sie darstellen und als Gestalt des Gedächtnisses identifizieren zu können - warum verzichtet man dann nicht gleich auf die Wechselspielthese wegen ihrer allzu technischen Vorstellung?

22049533 © Verlag Vergrößern Nun auch in Deutschland: Das Magazin „New Scientist“

“Die Ereignisse in unserem Leben formen unsere Meinung über uns selbst, gleichzeitig bestimmt unsere Persönlichkeit darüber, woran wir uns erinnern.“ Was weiß ich, wenn ich das weiß? Als Erklärung für das autobiographische Gedächtnis, gar für Identität taugen solche Leerformeln nicht. Auch ist es kein Gewinn, sondern ein Verlust, wenn bei einem Forschungsbericht wie dem über die Erinnerung die Literaturangaben fehlen.

„Der Wahrheit verpflichtet“

Sollte es sich hier nur um einen dünnen Aufguss des beschwiegenen Standardwerks von Welzer und Markowitsch zum autobiographischen Gedächtnis handeln? Kurz und hart gesagt: Aus dem Amnesie-Thriller „Ich darf nicht schlafen“ lernt man mehr und Interessanteres übers Erinnern als aus dem Erinnerungs-Schwerpunkt des „New Scientist“. Das muss sich in den nächsten Heften ändern, und sei es um der Anzeigen willen, die es momentan noch nicht gibt beziehungsweise die schwerpunktmäßig aus Eigenanzeigen bestehen. Der „Spiegel“, unter dessen Verlags-Dach das Wissenschaftsmagazin erscheint, wirbt hier mit dem Slogan: „Der Wahrheit verpflichtet. Sonst niemandem.“ Besser kann man den unfreiwilligen Tatsachenfetischismus, wie er in dem Wissenschaftsheft da und dort waltet, wirklich nicht auf den Punkt bringen.

Andererseits steht in dem Heft genau drin, wie man’s richtig zu machen hätte. Das versöhnt. Und lässt darüber hinwegsehen, dass in unserer verwissenschaftlichten Welt jede Frauen-, Garten- und Psychozeitschrift als Wissenschaftsmagazin auftreten könnte. Dessen eingedenk, betitelt sich „New Scientist“ auch bescheiden als Wissens-, nicht als Wissenschaftsmagazin. So ist das mit dem medial erweiterten Wissenschaftsbegriff: Bei allem Komplexitätsverlust bleibt doch immer noch irgendwelches „Wissen“ hängen, das sich aufschreiben lässt.

Magazin des Nichtwissens

Wie also hätte man „New Scientist“ richtig zu machen? Wie sich der hermeneutischen Impotenz erwehren? Ganz einfach, sagen im Heft Gert Wagner, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sowie einen Aufsatz weiter Gerd Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum an der Universität Freiburg. Ganz einfach. Wissenschaftler müssten verstärkt deutlich machen, wo die Grenzen ihres Wissens erreicht sind, verlangt Gert Walter: „Oft tun sie so, als gäbe es gesicherte Erkenntnisse, wo in Wahrheit Unsicherheit herrscht.“ Selten stelle die Wissenschaft heraus, was sie nicht weiß, so Wagner.

Und Gerd Antes macht anhand der medizinischen Forschung darauf aufmerksam, dass die Molekularbiologie „per se“ (also noch vor aller medialen Vergewaltigung) zu Übertreibungen neige: „Sie verführt zu oft dazu, das zu entdecken, was besser unentdeckt geblieben wäre, um dann zu behandeln, was besser unbehandelt bliebe, weil es niemals einen Nutzen hervorbringen wird, außer für die Öffentlichkeitsarbeit von Forschung und Industrie.“

Solchen Stimmen ein Forum zu geben rechtfertigt dieses neue Wissenschaftsheft allemal, das am Freitag mit der zweiten deutschen Ausgabe am Kiosk sein wird. Das wäre doch eine lohnende, die Aufklärung befördernde Innovation: ein wissenschaftliches Magazin des Nichtwissens.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Hirnforschung, was kannst du? Schlaf kann ein Neuanfang sein

Lernstoff festigt sich maßgeblich im Schlaf. Das Gedächtnis kann in diesen Ruhephasen optimiert werden. Und auch eine Reprogrammierung riskanter Verhaltensweisen scheint möglich, was Chancen für Suchtkranke birgt. Mehr Von Jan Born

29.03.2015, 23:46 Uhr | Wissen
F.A.Z.-Magazin Lesen Sie das Frankfurter Allgemeine Magazin

Hier können Sie das aktuelle Heft und ältere Ausgaben des Frankfurter Allgemeine Magazins als PDF herunterladen. Zur Ansicht benötigen Sie einen kostenlosen PDF-Reader. Mehr

15.03.2015, 18:06 Uhr | Stil
Umstrittener Kommentar Emma fordert Cockpit-Frauenquote und empört das Netz

Das feministische Magazin will die Flugsicherheit mit einer Pilotinnen-Quote erhöhen. Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich, heißt es auf der Website. Kritiker werfen dem Heft vor, die Katastrophe zu instrumentalisieren. Mehr

29.03.2015, 05:24 Uhr | Gesellschaft
Roberto Di Matteo Neuer Schalke-Trainer bittet um Geduld

Seit rund einer Woche hält Roberto Di Matteo auf Schalke das Heft in der Hand. Der Italo-Schweizer war nach dem Rauswurf von Jens Keller als neuer Chef-Trainer bei den Königsblauen verpflichtet worden. Nicht viel Zeit, um neue Akzente zu setzen. Mehr

19.10.2014, 15:18 Uhr | Sport
Herzblatt-Geschichten Mit Groll im Bett

Die Schöne Welt ist auch nicht mehr, was sie mal war. Da schlürfen Freunde einander Tequila aus dem Bauchnabel und die Klatschblätter haben kein Verständnis dafür. Dafür klären sie endlich auf, wer denn nun mit Groll ins Bett geht. Mehr Von Jörg Thomann

22.03.2015, 13:43 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 06.11.2012, 17:00 Uhr

Bond-Boy

Von Ursula Scheer

James Bond in weiblich? Unvorstellbar! Aber die Gleichberechtigung der Frau sollte endlich auch in DEM Männerfilm schlechthin ankommen. Zumindest sieht das der britische Politiker Ed Miliband so. Daniel Craig bliebe dann nur noch die Rolle des Bond-Boys. Mehr 22 3