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Der deutsche „New Scientist“ Was weiß ich, wenn ich das weiß?

 ·  Wider die hermeneutische Impotenz: Wenn mit dem „New Scientist“ hierzulande ein neues Wissenschaftsmagazin erscheint, dann wimmelt es von Leerformeln und Scheinevidenzen.

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© dapd Vergrößern Stets wachsam: Im Elefantengedächtnis geht nichts verloren

Mit dem „Aufschreiben“ beginnt das Problem. Warum bezeichnen sich immer mehr Journalisten freiwillig als „Aufschreiber“ statt als „Schreiber“? Wir schreiben die Fakten für Sie auf - das hört sich verheißungsvoll nach Service an sowie nach einer Art Wortinspiration, die Tatsachen und nichts als Tatsachen empfängt und den Lesern weiterreicht. Leider leistet auch die deutsche Ausgabe der wöchentlich erscheinenden Zeitschrift „New Scientist“ diesem objektivistischen Missverständnis Vorschub, wenn es im Editorial heißt: „Wir filtern die entscheidenden Erkenntnisse heraus und schreiben sie für Sie auf: aktuell, kritisch, mit einer Spur Humor.“

Humor, um damit anzufangen, fehlt. Aber das macht nichts. Wir haben ja ein Wissenschaftsmagazin, keine Satirezeitschrift vor uns. Stattdessen wird tatsächlich sehr viel aufgeschrieben und wenig erklärt, was die traktierten Begriffe bedeuten und warum welche Fragestellung herausgefiltert wurde. Jedenfalls gilt das in hohem Maße für das Schwerpunkt-Thema „Erinnerung“. Gerade das Gedächtnis lässt sich nicht als ein Konglomerat naturwissenschaftlicher Studienergebnisse darstellen. Die Vielschichtigkeit dessen, was eine Erinnerung ausmacht, kommt in dem entsprechenden Artikel nicht zur Sprache.

Forschungsberichte ohne Literaturangaben

Es fehlt bedauerlicherweise jede philosophische Begriffsarbeit, von einer Klärung der Bedeutung tragender Vokabeln keine Spur. Ein „Gefühl für die eigene Identität“ scheine entscheidend zu sein, um dem Erinnern auf die Spur zu kommen, heißt es im Text. Aber was ist damit gesagt, wenn im Unklaren bleibt, was mit Identität gemeint sein soll? Leider frönt das Magazin hier einem szientistischen Welterklärungs-Jargon, der Antworten zu geben behauptet, wo er eigentlich nur neue Fragen aufwirft.

Dass sich „unsere Identität und unsere Erinnerungen in einem engen Wechselspiel“ entwickeln, ist ja gut und schön - doch was bedeutet es genau? Der Schwerpunkt eines Wissenschaftsmagazin muss solche Scheinevidenzen befragen. Und wenn das vorausgesetzte „Wechselspiel“ schließlich doch allzu viele Variablen zu berücksichtigen hätte, um sie darstellen und als Gestalt des Gedächtnisses identifizieren zu können - warum verzichtet man dann nicht gleich auf die Wechselspielthese wegen ihrer allzu technischen Vorstellung?

“Die Ereignisse in unserem Leben formen unsere Meinung über uns selbst, gleichzeitig bestimmt unsere Persönlichkeit darüber, woran wir uns erinnern.“ Was weiß ich, wenn ich das weiß? Als Erklärung für das autobiographische Gedächtnis, gar für Identität taugen solche Leerformeln nicht. Auch ist es kein Gewinn, sondern ein Verlust, wenn bei einem Forschungsbericht wie dem über die Erinnerung die Literaturangaben fehlen.

„Der Wahrheit verpflichtet“

Sollte es sich hier nur um einen dünnen Aufguss des beschwiegenen Standardwerks von Welzer und Markowitsch zum autobiographischen Gedächtnis handeln? Kurz und hart gesagt: Aus dem Amnesie-Thriller „Ich darf nicht schlafen“ lernt man mehr und Interessanteres übers Erinnern als aus dem Erinnerungs-Schwerpunkt des „New Scientist“. Das muss sich in den nächsten Heften ändern, und sei es um der Anzeigen willen, die es momentan noch nicht gibt beziehungsweise die schwerpunktmäßig aus Eigenanzeigen bestehen. Der „Spiegel“, unter dessen Verlags-Dach das Wissenschaftsmagazin erscheint, wirbt hier mit dem Slogan: „Der Wahrheit verpflichtet. Sonst niemandem.“ Besser kann man den unfreiwilligen Tatsachenfetischismus, wie er in dem Wissenschaftsheft da und dort waltet, wirklich nicht auf den Punkt bringen.

Andererseits steht in dem Heft genau drin, wie man’s richtig zu machen hätte. Das versöhnt. Und lässt darüber hinwegsehen, dass in unserer verwissenschaftlichten Welt jede Frauen-, Garten- und Psychozeitschrift als Wissenschaftsmagazin auftreten könnte. Dessen eingedenk, betitelt sich „New Scientist“ auch bescheiden als Wissens-, nicht als Wissenschaftsmagazin. So ist das mit dem medial erweiterten Wissenschaftsbegriff: Bei allem Komplexitätsverlust bleibt doch immer noch irgendwelches „Wissen“ hängen, das sich aufschreiben lässt.

Magazin des Nichtwissens

Wie also hätte man „New Scientist“ richtig zu machen? Wie sich der hermeneutischen Impotenz erwehren? Ganz einfach, sagen im Heft Gert Wagner, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sowie einen Aufsatz weiter Gerd Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum an der Universität Freiburg. Ganz einfach. Wissenschaftler müssten verstärkt deutlich machen, wo die Grenzen ihres Wissens erreicht sind, verlangt Gert Walter: „Oft tun sie so, als gäbe es gesicherte Erkenntnisse, wo in Wahrheit Unsicherheit herrscht.“ Selten stelle die Wissenschaft heraus, was sie nicht weiß, so Wagner.

Und Gerd Antes macht anhand der medizinischen Forschung darauf aufmerksam, dass die Molekularbiologie „per se“ (also noch vor aller medialen Vergewaltigung) zu Übertreibungen neige: „Sie verführt zu oft dazu, das zu entdecken, was besser unentdeckt geblieben wäre, um dann zu behandeln, was besser unbehandelt bliebe, weil es niemals einen Nutzen hervorbringen wird, außer für die Öffentlichkeitsarbeit von Forschung und Industrie.“

Solchen Stimmen ein Forum zu geben rechtfertigt dieses neue Wissenschaftsheft allemal, das am Freitag mit der zweiten deutschen Ausgabe am Kiosk sein wird. Das wäre doch eine lohnende, die Aufklärung befördernde Innovation: ein wissenschaftliches Magazin des Nichtwissens.

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